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Tradition und Moderne in der Ottakringer Brauerei: Matthias Ortner vor Lagertanks (rechts) und dem Verbindungsgang zwischen Gersten- und Hopfenboden im alten Teil der Brauerei (links oben).

Im Bier steckt viel Emotion

06.06.2018

Einem gallischen Dorf gleichsam trotzt man in Ottakring Globalisierungstendenzen und hat im beinharten Wettbewerb um wertvolle Gastro-Kunden mehrere, wirksame Pfeile im Köcher.

 

Aus der ÖGZ, anno 1977: „Pils ist wirklich ein Biertyp.“
Ottakringer-Vorstand Matthias Ortner beim Interview mit der ÖGZ: „Der Bierpartner ist für die meisten Gastronomen mit großen Emotionen behaftet.“
Ottakringer Braukulturwochen

Bereits zum sechsten Mal finden heuer die Ottakringer Braukulturwochen statt. (Fach-)Besuchern bietet sich die Möglichkeit, nicht nur sämtliche Ottakringer- und Brauwerk-Spezialitäten kennenzulernen, sondern auch Produkte von handverlesenen Gastbrauereien aus dem In- und Ausland. Heuer wird die Anzahl der Gastbrauereien verdoppelt (zwei pro Woche), zudem gibt es mehr Livemusik und ein größeres Speisenangebot als bisher. 

Datum: 28. Juni – 29. August 2018, Montag bis Samstag von 16 Uhr bis 24 Uhr, bei jedem Wetter. Auszug aus den Gastbrauereien: Brew Age (Ö), 4 Islands Brewing (BRA), Rodauner (Ö), Barbaforte (ITA), Cloudwater (ENG) u. v. a. m.

Mehr zum Programm unter 
www.ottakringer.at

Die Ottakringer Brauerei ist schon von weitem daran zu erkennen, dass ein einzelner, schornsteinartiger Turm knapp 42 Meter in den Himmel ragt. Freilich, in Betrieb ist er nicht mehr, der Darreturm, den die Ottakringer liebevoll auch „Drahdiwaberl“ nennen. Der heute denkmalgeschützte Turm war bis Ende der 1970er-Jahre in Betrieb. Hier wurde einst die eingeweichte Braugerste unter Hitzezufuhr langsam getrocknet und ihrer finalen Bestimmung als Brauzutat zugeführt. 
Der Darreturm hat heute eher musealen Charakter. Den Ottakringern liegt „ihre“ Brauerei trotzdem am Herzen, den Zuspruch erkennt man an den alljährlich stattfindenden Braukulturwochen – quasi im Schatten des Darreturms: Rund 60.000 Besucher, nicht nur Ottakringer, strömen in den Sommermonaten auf den Ottakringer Platz (siehe Kasten). Und weil wir wissen wollen, was es mit dem Erfolg der Ottakringer Brauerei in der Wiener Gastronomie auf sich hat und warum auch die Braukulturwochen so einen Zuspruch erfahren, sind wir mit Matthias Ortner, dem Vorstand der Ottakringer Brauerei, verabredet. 

Herr Ortner, wir haben im ÖGZ-Archiv gestöbert und einen Beitrag aus dem Jahre 1977 gefunden (siehe Faksimile, Anm.). Pils ist demnach seit 1977 per Gerichtsentscheid ein Bierstil. War die Ottakringer Brauerei schon immer innovativ?
Matthias Ortner: In Ottakring gab es immer schon die Lust an der Vielfalt und am Ausprobieren. 1967 haben wir das Gold Fassl Spezial für die Gastronomie herausgebracht, 1977 das Pils als eigenen Bierstil eingeführt – und Anfang der 1990er als erste österreichische Brauerei das alkoholfreie „Null Komma Josef“. Auch das Wiener Original (Bierstil: Wiener Lager, Anm.) war in Österreich verschwunden, bis vor wenigen Jahren gab es das „Vienna Style Lager“ nur im Ausland. 2014 haben wir gesagt: „Das gehört wieder nach Wien.“

Ist das Wiener Lager ein Nischenprodukt?
Seit dem „Null Koma Josef“ ist das Wiener Original die erfolgreichste Einführung einer Bierspezialität. Zu den vielen Märzen und Lagerbieren hat man als Gastronom in diesem Segment eine tolle Alternative: ein bernsteinfarbenes, leicht malziges Lagerbier. 

Was schätzen Gastronomen an der Ottakringer Brauerei?
Wir setzen nicht nur viele Aktivitäten für die Gastronomie, wir haben auch exklusive Gastro-Produkte, so wie etwa das „Rote Zwickl“, das Bio-Bier „Pur“ oder die Bockbiere. Wir trachten danach, dass sich der Gastronom von jenen Produkten, die es im Handel gibt, unterscheiden kann. 
Wir wollen Gastronomieprodukte machen und wir beschäftigen uns intensiv damit, was für den Gastronomen insgesamt wichtig ist – abgesehen vom Bierverkauf. Dazu haben wir die Ottakringer Gastro-Uni gegründet. Hier werden Themen wie etwa Bierkunde im Rahmen von Beerkeeper-Kursen vermittelt, die sich an Gastronomen und deren Mitarbeiter richten.

Was lernt man dort?
Man lernt im Rahmen der Beerkeeper-Kurse Bierstile kennen, man lernt den richtigen Umgang mit Bier, also etwa Schanktechnik und Glaskunde. Wir bieten aber auch andere Kurse an, etwa Verkauf in der Gastronomie für Gastro-Mitarbeiter.

Das passiert ja nicht aus Nächstenliebe. Was muss ich als Gastronom machen, um in den Genuss dieser Beratungsleistungen zu kommen?
Diese Leistungen kosten auch etwas, haben aber einen fairen Preis für unsere Kunden. Die Leistungen sind auch für Nicht-Ottakringer-Kunden abrufbar.

Man hört von Gastronomen öfter, dass Ihr Außendienst sehr gut sein soll, ebenso sind die Schanktechniker immer ziemlich schnell zur Stelle, wenn etwas nicht passen sollte …
Der Gastronom schätzt eben den persönlichen Kontakt zu seinen wesentlichen Partnern. Der Kontakt zum Bierpartner ist für die meisten eine sehr emotionale Angelegenheit. Der Gastronom hat gerne einen bekannten Betreuer, dem er vertrauen kann und der ihn auch lang begleitet. Was uns wichtig ist: Wir schauen sehr auf die Qualität und die Vielfalt unserer Biere. Das Produkt soll aber auch als solches in der Gastronomie beim Gast ankommen. Deshalb ist in Sachen Schanktechnik gute Beratung und guter Service wichtig. Wir können aber auch im Rahmen der Planung eines Lokals Beratungsleistungen einbringen. Beim Thema Bier geben wir eine Komplettberatung ab, aber auch darüber hinaus – vom Ausstatter über den Webauftritt bis zum Speisekartendesigner. Unsere Kunden profitieren von unserem Netzwerk.

Sie meinen also, dass es nicht genügt, einfach nur ein Bier zu haben?
Nein. Ein gutes Bier und eine gute Bierauswahl bieten dem Gastronomen die Möglichkeit, an Profil zu gewinnen. Der Gast honoriert es, wenn ihm der Gastwirt etwas zum Produkt erzählen und ihm ein gepflegtes Bier servieren kann. 

Das Brauwerk ist auf Bierspezialitäten – auch exotischere – fokussiert. Geld verdienen Sie damit aber nicht, oder?
Mit dem Brauwerk werden wir aufgrund seiner Größe nie viel Geld verdienen. Das war aber auch nie die Intention. Wir wollen damit Kreativität und Vielfalt zeigen – auch als größere Brauerei. 

Wird Dosenbier in der Gastronomie jemals eine Rolle spielen?
Ich persönlich bin ein Freund des gezapften Bieres. In der Nachtgastronomie ist das was anderes, da trinkt man auch gerne aus der Flasche. An öffentlichen Plätzen, wo Bier getrunken wird, setzt sich die Dose gegenüber der Flasche durch, sie ist leichter und hat keinen Qualitätsnachteil. 

Apropos Nachteil: Bereitet Ihnen der Einstieg der Brau Union bei Ammersin Kopfschmerzen?
Die Brau Union ist jetzt schon ein großer Player in Wien. Wir hätten lieber eine unabhängige Ammersin, aber da kann man nichts machen. Kopfschmerzen haben wir deshalb keine. 

Autor/in:
Alexander Grübling
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