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Interview Günter Ferstl

18.07.2006

Der neue Fachgruppenobmann der Wiener Kaffeehäuser kommt aus der Fachgruppe Gastronomie, heißt Günter Ferstl und führt selbst kein Espresso oder Traditionscafé. Seine Domäne ist das Bar-Geschäft. Im Gespräch äußert er sich über seine neue Funktion und die daraus resultierenden Aufgaben.

Nach dem überraschenden Rücktritt von Attila Kamarad als Fachgruppenobmann der Wiener Kaffeehäuser wurde nun Günter Ferstl zu seinem Nachfolger ernannt. Günter Ferstl ist seit 1980 selbständiger Gastronom, betreibt mehrere Bars und das Café del Sol, einen Saisonbetrieb, auf der Donauinsel. Er war zehn Jahre lang Präsident der Österreichischen Barkeeper Union und ist seit 2001 Obmann-Stellvertreter der Fachgruppe Gastronomie.

Café-Journal: Welche Beziehungen hat ein Barkeeper zum Kaffee?
Günter Ferstl: Ich bin seit nunmehr 38 Jahren in der Gastronomie tätig und habe 1990 ein Café-Restaurant eröffnet. Egal ob man ein Café, ein Restaurant oder eine Bar führt, in jeder Betriebsart ist man mit den verschiedensten Zubereitungsarten von Kaffee konfrontiert. Grenzen zwischen Kaffeehaus und Restaurant sind für mich nicht ortbar.

Café-Journal: Ihre Vorgänger kämpften für Kaffeequalität. Wie möchten Sie mehr Kaffeequalität ins Café bringen?
Ferstl: Meiner Meinung nach ist für die Qualität des Kaffees in der Tasse jeder Cafetier selbst verantwortlich. Wir können Schulungen und Beratungen anbieten. Ob er sie annimmt, steht auf einer anderen Seite, aber ich bin davon überzeugt, wer seinen Gästen keine gute Kaffeequalität serviert, bestraft sich selbst.

Café-Journal: Was ist das vorrangigste Ziel, das Sie als neuer Fachgruppenobmann verwirklichen möchten?
Ferstl: Bis Jahresende müssen wir es schaffen, dass alle Gastronomiebetriebe über 75 Quadratmeter Lokalfläche für zumindest 40 Prozent der Sitzplätze Nichtraucherzonen oder Nichtraucherräume anbieten. Ansonsten droht uns ein gesetzliches Rauchverbot.
Café-Journal: Wie wollen sie dies erreichen?
Ferstl: Die Fachverbände haben mit Frau Bundesministerin Maria Rauch-Kallat eine Zielvereinbarung über die Errichtung von Nichtraucherbereichen in der Gastronomie mit über 75m2 Lokalfläche getroffen. Wir verpflichten uns, auf unsere Mitgliedsbetriebe einzuwirken, damit die Errichtung von Nichtraucherzonen so rasch wie möglich erfolgt. Die Nichtraucherzonen sind deutlich zu kennzeichnen, und am Eingang des Lokals ist auf die bestehenden Nichtraucherzonen hinzuweisen.
Wir als Kammerfunktionäre gehen jetzt persönlich in die Offensive und gehen zu jedem Wirt, der noch nicht das Formblatt zur freiwilligen Errichtung eines Nichtraucherbereiches unterschrieben hat. Wir informieren ihn persönlich über das geplante gesetzliche Rauchverbot und stellen ihm Nichtraucherzonen-Aufsteller und entsprechende Türkleber kostenlos zur Verfügung.
Ich hoffe, dass unsere Politiker so vernünftig sind und kein gesetzliches Rauchverbot erlassen, denn sie würden damit zumindest einen Wirtschaftszweig umbringen. Für mich sowie für 90 Prozent der Kaffeehausgäste gehört die Zigarette zum Kaffee wie das Glas Wasser, und niemand möchte auf die Straße rauchen gehen. Während der Gast auf der Straße raucht, konsumiert er nichts - und dies bringt dem Cafetier Umsatzverluste. Außerdem finde ich, dass jeder Bürger selbst mündig genug sein muss, um zu wissen, was ihm schadet und was nicht. Wenn das Mitrauchen, wie es ja wissenschaftlich erwiesen ist, so gefährlich ist, dann muss ich die Zigaretten komplett verbieten und darf auch keine mehr produzieren.

Café-Journal: Und wie sieht es mit den anderen Aktivitäten der Fach­gruppe, wie „Kultur im Café“ etc. aus?
Ferstl: Ich möchte die Arbeit meiner Vorgänger fortführen und alle Mitglieder der Fachgruppe Wiener Kaffeehäuser – vom Espresso bis zum Traditionscafé – vertreten. Ich habe als Fachgruppenobmann dafür zu sorgen, dass alle Kaffeehaustypen beworben werden, aber um die eigene Gäste-Werbung muss sich jeder Cafetier selbst kümmern. An Aktivitäten wie „Kultur im Café“, die die Fachgruppe unterstützt, beteiligen sich fast immer nur dieselben Kaffeehäuser. Ich weiß, dass Kultur im Café auch viel zusätzliche Arbeit bedeutet und der Erfolg nicht selbstverständlich ist. Ich muss mehr Betriebe gewinnen, die sich aktiv an der „Kultur im Café“ beteiligen. Ich möchte, dass an allen Initiativen, die die Fachgruppe Wiener Kaffeehäuser setzt – sei es nun der Tag des Kaffees, Kultur im Café oder die Kriminacht – fast alle Wiener Cafés teilnehmen und davon auch profitieren, denn dafür zahlen die Cafetiers schließlich ihre Mitgliedsbeiträge.

Café-Journal: Wie möchten sie in Zukunft ihre Homepage
www.wiener-kaffeehaus.at nützen?
Ferstl: Alle Cafetiers sollten sich und ihre Kaffeehäuser auf der Homepage präsentieren. Dies ist eine äußerst lohnende und preiswerte Sache. Cafés, die ihre eigene Homepage haben, können diese einfach auch auf
www.wiener-kaffeehaus übertragen. Ich bin überzeugt, dass sich die Kosten für den einmaligen Eintrag auch Klein- und Kleinstbetriebe leisten können.

Café-Journal: Ihr Vorgänger brachte Kaffeekultur auch in die Gastge­werbeschulen. Wird diese Aktion fortgesetzt?
Ferstl: Ich will, dass alle Wiener Schüler und Lehrlinge in Gastgewerbefachschulen und Tourismusschulen einmal während ihrer drei- oder fünfjährigen Ausbildung ein Kaffeeseminar im Kaffeemuseum, das sich in den Räumen des Wirtschaftsmuseum befindet, absolvieren.
Steckbrief
Günter, Ferstl, obmann Wiener Kaffeehäuser
- geboren 1953, absolvierte seine Kellnerlehre im Hotel Sacher, war Barcommis im Hotel InterContinental, im Sommer 1973 Barchef im Schloss Seefels in Pörtschach und von 1975 bis 1977 Assistant Bar Supervisor im Hotel Hilton Wien. Danach ging er für ein Jahr ins Ausland als Nightclub Manager ins Hotel Hilton in Düsseldorf, kam dann nach Wien zurück und wurde Oberkellner im Restaurant Griechenbeisl. Ferstl ist seit 1980 selbständig und betreibt die HB Cocktailbar in der Wiener Naglergasse, das Café del Sol (Saisonbetrieb) auf der Donauinsel und die Rainbow Lounge im Donauplexx. Von 1981 bis 1985 war Ferstl während der Ballsaison Barchef in den Sofiensälen und betrieb von 1982 bis 1995 auf Pacht die Gastronomie im Städtischen Strandbad Alte Donau, von 1985 bis 1990 das Restaurant im Haus der Begegnung Angererstraße in 1210 Wien sowie von 1987 bis 1988 das Buffet im Haus der Begegnung Donaustadt, 1220 Wien. Von 1994 bis 1996 war er Trainingsmanager von Northern Region Seagram Spirituosen und von 1986 bis 1995 Präsident der Österreichischen Barkeeper Union. Er trägt seit 2002 den Titel Kommerzialrat für die Statistik des Aussenhandels.

Autor/in:
Redaktion.OEGZ
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