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Trotzt der Krise. Das umgebaute Grazer Operncafé.

Kaffeehäuser gehen kreativ durch die Krise

15.10.2020

Corona hat die Gastronomie hart getroffen. Wir haben uns bei Kaffeehäusern, Coffeeshops und Kaffeeröstern umgehört, wie es ihnen geht

Wir haben versucht, Positives herauszufiltern. Welche Maßnahmen werden getroffen, welche Aktionen werden gestartet, welche Strategien sind erfolgreich? Wie trotzen die Betriebe der Corona-Krise? Gleich vorweg: Ein Allheilmittel ist nirgends in Sicht, es bleibt Stückwerk, trotzdem ist es interessant zu sehen, dass nichts unversucht bleibt.

Haubenkoch Didi Maier hat die Corona-Zeit für eine Neueröffnung genutzt und lässt das Traditionscafé „Wernbacher“ in der Salzburger Innenstadt im neuen Glanz erstrahlen. Das „Wernbacher by Didi Maier“ sperrte mit 50er-Jahre-Charme, kreativem Konzept und Produkten im August wieder auf und erreichte nach kurzer Anlaufzeit wieder Normalbetrieb. „Dennoch ist die aktuelle Situation mit Vorsicht zu genießen“, heißt es aus dem Wernbacher. „Mit den sich täglich ändernden Corona-Maßnahmen ist die Zukunft der österreichischen Kaffeehauskultur noch sehr ungewiss.“ 

Die Zeit für Umbau und Neueröffnung hat auch das Grazer Operncafé genutzt. Das bekannteste und gleichzeitig eines der ältesten Cafés in Graz (gegründet 1861) hat seit einigen Monaten einen neuen Besitzer. Die bekannte Grazer Gastrofamilie Judith und Gerald Schwarz, die elf weitere bekannte Lokale in Graz betreibt, baute das Operncafé komplett um, änderte leicht das Konzept (Brasserie mit Pariser Charme), die Kulinarik (mediterrane Küche) und die Öffnungszeiten und startete Mitte September neu durch. „Wir bieten unseren Gästen in diesen schwierigen Zeiten auch mehr Flexibilität durch unsere neuen Öffnungszeiten und haben von 6 Uhr früh bis Mitternacht geöffnet“, hört man von der Geschäftsführung.

Auch die Wiener Kaffeehauskette Aida eröffnete trotz Krise ein neues Outlet am Grazer Bahnhof. „Unser Hauptproblem ist die Abstandsregel, wir gehen von 50 % weniger Umsatz aus“, heißt es bei Aida. „Wenn man etwas Positives dabei sehen möchte, so haben wir jetzt die Möglichkeit, unser neues Konzept in Ruhe zu erproben.“
Generell sind die Umsatzrückgänge im Bereich Kaffee überaus dramatisch, auch wenn sie sehr unterschiedlich ausfallen, abhängig beispielsweise von Struktur (Ortscafé, Touristenregion), Stadt-Land-Gefälle oder Klientel (alt oder jung).

Die Wiener Kaffeehäuser, darunter rund 130 Traditionscafés, zählen zu den großen Verlierern der Krise. Während man in Gesamt-Österreich durchschnittlich einen Umsatzrückgang von 25 bis 40 % für die sechs Monate nach dem Lockdown verzeichnet, trifft es Wien mit teilweise 80 % am heftigsten. Die Hauptzielgruppen für traditio-
nelle Cafés in Wien sind Touristen, ältere Personen und Geschäftsleute, also genau die, die zurzeit praktisch nicht mehr ins Kaffeehaus kommen. Mit bekannten und beliebten Künstlern wie Josef Hader, Adele Neuhauser oder Nicholas Ofczarek versucht man gegenzusteuern. „Ein Kaffee kann den Tag retten, zwei vielleicht das Kaffeehaus“, lautet der Slogan der Kampagne, der zum Kaffeehausbesuch und zur Konsumation anregen soll. 

Andere Kaffeehäuser versuchen über Aktions-Gutscheine dem Umsatzrückgang entgegenzuwirken, wobei die Aktionen von „Tut-gut-Scheinen“ bis zu einem lebenslangen Rabatt auf die Tasse Kaffee für die Nach-Corona-Zeit reichen.

Strukturelle Erweiterungen

Viele Betriebe setzen mittlerweile auf ein Liefer- und Bestellservice. „Doch auch für ein Lieferservice muss man die Kapazitäten haben“, sagen die Grazer Kaffeeröster und Coffeeshop-Betreiber des Tribeka, die deshalb auf ein Lieferservice verzichtet haben. Neue Online-Plattformen sind entstanden, die darüber informieren, welche Cafés und Coffeeshops ein Lieferservice anbieten.

„Durch die Coronakrise ist das Geschäft mit Coffee-to-go noch stärker in den Fokus gerückt“, heißt es aus dem Hause Meinl. Andere Optionen sind: neue Produkte einführen, Onlineshop einrichten, erweitern oder verbessern. Für eine Weiter- oder Ausbildung der Mitarbeiter sorgen.

Internationale Trends

Auch international muss überall an den Rädchen gedreht werden. Branchenführer Starbucks hat weltweit 3 Mrd. Umsatzverlust für das 3. Quartal angekündigt und allein in den USA rund 400 Coffeeshops geschlossen. „Die neue Realität beziehungsweise Krisenbewältigung, das sind für uns neue Store-Konzepte, wie ‚Pickup‘ mit mobiler Bestellung und erleichtertem Zugang zu Bordstein-, Drive-Thru- und Walk-up-Theken“, heißt es aus dem Unternehmen.
Positive Daten beim Kaffeeverkauf kommen bei uns aus dem Zuhause-Segment durch das vermehrte Home-Office (10-25 % Plus) und ca. 15 % Kaffeezuwächse im Einzelhandel, doch gehen diese Steigerungen fast ausschließlich zulasten der Gastronomie. Und durch die „digitale Welt“ der Corona-Zeit wird auch der Verlust von Arbeitsplätzen massiv beschleunigt. Webshops ersetzen reelle Geschäfte, Automaten ersetzen Service und Bedienung, Drive-Thru- Konzepte ersetzen das Verweilen im Lokal. 
Können Roboter helfen?

In diese Kerbe schlägt auch das weißrussisch-amerikanische Unternehmen Rozum Robotics, die das Kaffeehaus mittels Roboter-Automatisierung vorantreiben. Ab 20.000 Euro ist man mit einem Roboterarm dabei, der den Kaffee mahlt, tampt, den Kaffee zubereitet und die Milch schäumt. Corona-frei, ohne Tests, immer einsatzbereit, ohne Pausen, Arbeitszeitverordnungen und Lohnnebenkosten. Der Roboterarm ist praktisch für alle Kaffeemaschinen adaptierbar.

Autor/in:
Martin Kienreich
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