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Karriere auf der Etage

03.06.2010

„Auf den Kopf stellen“ will Irmi Schüttelkopf das Thema Etagenservice. Wie damit ein Berufsbild mit Zukunft entstehen soll, erläutert die Expertin für Housekeeping im ÖGZ-Interview

Eine Lehre im Bereich Hauskeeping eröffnet durchaus eine Karriere, ist Ausbildnerin Irmi Schüttelkopf überzeugt

ÖGZ: Frau Schüttelkopf, insbesondere vom der Interessenvertretung des Tiroler Tourismus wird schon längere Zeit ein Lehrberuf für Etagenservice und Housekeeping gefordert. Die Gewerkschaft lehnt das ab. Der vida-Vorsitzende Rudolf Kaske meint, die Suppe sei zu dünn. Für drei Jahre Lehre gebe es nicht genug Inhalte. Wie beurteilen Sie das?
Irmi Schüttelkopf: In den drei Lehrjahren ist auch die Suppe für den Koch- oder Servicelehrling nicht sonderlich dick. Auch für sie vermittelt die Lehre zunächst einmal nur die Basics. Ansprüche und qualitative Entwicklung folgen erst danach. Als gelernter Koch blickt Herr Kaske vielleicht selbst auf eine wenig erfreuliche Lehrzeit zurück und hat zu einem sinnvoll aufgesetzten Berufsbild fürs Housekeeping keinen Zugang.

ÖGZ: Kaske führt auch ins Treffen, dass das Etagenpersonal in der Praxis der Betriebe überfordert werde. Bei bis zu 27 Zimmern pro Schicht käme es zu gesundheitlichen Schäden. Gezahlt werde dafür sehr wenig. Das sei kein Job für ein ganzes Berufsleben. Auch deshalb steht die Gewerkschaft in Sache Lehrberuf auf der  Bremse.
Schüttelkopf:

Wenn ich von „sinnvoll“ spreche, dann meine ich durchaus, dass das Verständnis von Etagenservice eigentlich auf den Kopf gestellt gehört. 27 Zimmer sind im Etagenservice tatsächlich nicht zu schaffen. Die Kraft wird im Schnitt für rund vier Stunden reichen. Pro Stunde lassen sich etwa drei Zimmer inklusive Gängen, Lift etc. ordentlich herrichten. Bei An- bzw. Abeise ist der Zeitaufwand größer.

Man darf ja nicht außer Acht lassen, dass der Aufwand in den letzten Jahren gestiegen ist. Nicht nur, dass die Zimmer immer größer werden, auch die Verwendung hochwertiger Materialien nimmt zu. Aufwendige Bäder, immer mehr Spiegelflächen, Glastüren und anderes mehr, das sich Trendsetter im Innenarchitekturbereich so einfallen lassen, erfordern auch vom Reinigungspersonal mehr Aufwand und mehr Zeit.

ÖGZ: Sie sprechen davon, das Thema auf den Kopf zu stellen. Was meine Sie damit?
Schüttelkopf: Zunächst geht es einmal darum, sich der Aufgaben und der Auswirkungen des Housekeepings in aller Breite bewusst zu werden. Und die sind wahrlich komplex. Die verwendeten Materialien erfordern ein entsprechendes Know-how für die richtige Pflege mit den richtigen Reinigungsmitteln. Fehler führen nicht nur zu einem vorzeitigen Reparaturaufwand, sondern schädigen den Wirt ja auch, weil das Zimmer während der Reparaturzeit nicht vermietet werden kann. 

Dann ist da die Beziehung zum Gast. Die Mitarbeiterinnen agieren da ja im intimsten Bereich der Menschen. Im Hotelalltag gibt es nichts, was es nicht gibt. Der korrekte Umgang damit erfordert von den Zimmermädchen eine menschliche Reife. Es geht aber auch um die Wertschätzung der erbrachten Leistung. Ich durfte kürzlich bei einer Hoteleröffnung dabei sein, wo die Mädchen in adretten Uniformen den Besuchern die von ihnen vorbereiteten Zimmer präsentierten. Da war dann Stolz zu sehen und Anerkennung und damit auch ein ganz anderer Stellenwert innerhalb der gesamten Hotelmannschaft.

Ein weiteres großes Thema sind die Arbeitsprozesse und die damit verbundenen logistischen Abläufe. Es gibt ja Waschräumlichkeiten, da steht nicht einmal ein Tisch und die Mitarbeiterinnen sollen täglich Hunderte Bademäntel zusammenlegen. Es kommt aber auch Wäsche aus Restaurant und Küche, zum Teil missbräuchlich verwendet, z. B. um Pfannen zu reinigen, oder wo Essensreste drinnen geblieben sind. Geht man ins Detail, so entdeckt man schnell die unterschiedlichsten Ansätze für spezielles Wissen – gewissermaßen vom Fleckenexperten bis zum Fensterinspektor.
Vor diesem Hintergrund macht es Sinn, Struktur und Organisation des Etagenservices neu aufzusetzen. Und diese Herangehensweise eröffnet mit Sicherheit genug Potenzial für einen Lehrberuf. Die Hausdame, die den gesamten Bereich steuert, erfüllt letztlich eine echte Managementposition. Somit ist hier auch der Zugang zu einer beruflichen Karriere gegeben.

ÖGZ: Wie sehen Sie denn die Chancen, dass die Zukunft des Etagenservices auch diesem Bild entspricht?
Schüttelkopf: Ich haben den Eindruck, dass die Dinge – langsam, aber doch – in Bewegung kommen. Wenn etwas die Tourismusschule in Bad Gleichenberg an mich herantritt, um mein Know-how an die Schüler zu bringen, wenn der Fachverband Hotellerie an einem Berufsbild für das Etagenservice arbeitet, dann sind das positive Zeichen.

ÖGZ: Und wie sieht es in den Betrieben selbst aus?
Schüttelkopf: Hotels sind natürlich bemüht, Personalkosten zu sparen. Mehr Ausgaben sind also nicht zu erwarten. Ich denke allerdings, dass eine Umverteilung im Personaleinsatz durchaus möglich ist. Ich erlebe immer wieder, dass Bereiche wie das Restaurantservice oder der Wellessbereich überbesetzt sind. Hier könnte zugunsten der Etage eine Verschiebung erfolgen, ohne zusätzliche Kosten zu verursachen.

Außerdem kann ich an die Unternehmer nur appellieren, die Etagenmitarbeiterinnen schulen zu lassen. Der Betrieb profitiert langfristig davon. Außerdem gibt es dafür nach wie vor hohe Förderungen von zwei Drittel der Bildungskosten, für Personen über 45 sogar von drei Viertel.  

Autor/in:
Redaktion.OEGZ
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