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Kosmopolit mit naturnaher Bodenhaftung

31.05.2007

Bis vor wenigen Jahren waren nur wenige heimische Bio-Weine wirklich empfehlenswert. Das hat sich mittlerweile geändert. Zu den einflussreichsten Personen dieser Entwicklung zählt der Amerikaner Andrew Lorand.

Erich Wagner mit Andrew Lorand und Stephan Hummelbrunner auf „Wagners Wine Show“

Bio-Weingüter wie Diwald, Nikolaihof, Geyerhof, Wimmer-Czerny und eine Handvoll weitere Enthusiasten, die auf den organisch-biologischen Weinbau oder deren „hard core-Version“, den biodynamischen Weinbau setzen, wurden in der Vergangenheit oft als Öko-Spinner abgetan. Aber sie zeigten, dass man auch qualitative Bio-Weine herstellen kann, die nicht schon nach wenigen Monaten zu Essig werden.

Önologischer Megatrend
Doch richtig Bewegung ist in die qualitätsbewusste Winzerschaft erst in den letzten Jahren gekommen. Man kann heute durchaus von einem önologischen Mega-Trend mit vielen neuen Anhängern unter Österreichs Top-Produzenten sprechen.

Auf „Wagners Wine Show“ sprach dazu Andrew Lorand, einer der wichtigsten Protagonisten der heimischen Bio-Szene.
Der 1957 geborene Amerikaner mit ungarisch-schweizerischen Wurzeln ist Agrarökologe, Bio-Landwirt, Gärtner, Autor und Konsulent. Er beschäftigt sich seit 1974 intensiv mit biodynamischem Landbau und ist ein Pionier bei der Diagnose und Therapie von Böden und homöopathischen Methoden in der Landwirtschaft.
Er spezialisierte sich 1993 auf den biologischen Weinbau und berät renommierte Weingüter, die auf biodynamische Methoden umsteigen, darunter auch einige in Österreich, z. B. Gernot Heinrich, Fred Loimer, Claus Preisinger, Graf Hardegg, Pittnauer und Nittnaus. Andere wie Weninger, Michlits, Sepp Moser, Sepp Muster oder Mantler gehen eigenständige Wege, pflegen aber Kontakt mit Lorand.

Weil der Boden zählt
Anstatt das technisch Machbare anzustreben, kommt Lorands System den Bestrebungen der Winzer nach authentischen Weinen mit „Terroir“ und Jahrgangscharakter entgegen.
Zur Einführung erinnerte der Bio-Pionier daran, dass vor der industriellen Revolution Landwirtschaft und damit Weinbau immer „Bio“ gewesen seien. Aus der Beobachtung der Natur mit ihren Grundformen und Entwicklungsphasen – bei Pflanzen geht es immer um den Samen, und erst wenn der Samen der Weinbeere braun und keimfähig ist, sind die Trauben physiologisch reif – stammt das Wissen um den biodynamischen, ressourcenschonenden Weinbau.
Dr. Andrew Lorand berät insgesamt 17 Weingüter in Mitteleuropa bei der Umsetzung des Kanons der Maßnahmen und Handlungen, welche für Umstellung auf biodynamische Landwirtschaft (kann nur von Demeter zertifiziert werden) erforderlich sind.
Dabei gibt es aber nicht nur Spielraum im persönlichen Zugang zum biodynamischen Weinbau, es kommt schlussend­lich darauf an.

Alles will Wald werden
Lässt man der Natur ihren Lauf, so wird der Boden nach einem Kahlschlag zuerst von breitblättrigen Beikräutern (Lorand nennt sie nie Unkraut), dann Gräsern, Sträuchern, und zuletzt Bäumen besiedelt. Übrigens würde auch ein Weingarten gerne Wald werden wollen, unterbliebe die Vitikultur.
Wald heißt dynamisches Gleichgewicht, mit selbstheilenden Kräften durch Humusbildung. Humus ist überhaupt das Zauberwort für den lebendigen Weinberg! Ohne Fauna auch kein Flora: Von den Kleinlebewesen bis zu den Nutztieren wie Rinder, Pferde, Schafe oder Schweine spielen Tiere eine Hauptrolle. Ihr Mist darf auf keinen Fall frisch zur Düngung ausgebracht werden, sondern wird für ein Jahr kompostiert. Auf diese Weise wird der tierische Stickstoff in Molekülen mit Kohlenstoff gebunden. Diese werden im Boden langsamer abgebaut und sorgen für ein ausgewogenes Wachstum. Überhaupt gehe es immer darum, ein Gleichgewicht herzustellen.

Weinbau im Wandel
Andrew Lorand lässt die von ihm beratenen Winzer sieben neue Büroordner anlegen, entsprechend den sieben Programmen, die gleichzeitig implementiert werden.
Standortgerechte Produktion – stehen die Rebsorten an den richtigen Stellen (Geologie, Klima, Exposition), Biodiversität – alle Lebensformen bis zum Pilz werden respektiert, unerwünschte aber nicht vernichtet, sondern erwünschte gefördert, Bodenfruchtbarkeit – Humusaufbau, Struktur der Begrünung, Kompost, Einsatz nur von leichten Maschinen im Weingarten,
Pflanenernährung – die Prinzipien Licht, Wärme und Luft sowie deren Unterstützung durch Tees, Kupfer und Schwefel, tierisches Leben – die Lebensbedingungen von Würmern, Ameisen oder Bienen, Vorsorgen statt reagieren 80 % des „Weingartenmanagement“ bestehe in vorbereitenden Maßnahmen zur Vermeidung von „Unkraut“, „Ungeziefer“ und Krankheiten.

Als letzter, aber nicht minder wichtiger Punkt wird ein Ordner zum Thema „Gesellschaftliche Maßnahmen“ angelegt – Landschaftspflege, soziale und kulturelle Projekte sowie die gesamte Kommunikation. Ist Bio-Weinbau also ein Marketing-Gag?
Tue Gutes und sprich darüber ist ja eine altbekannte Maxime aller merkantilen Aktivitäten. Sicher ist aber jedenfalls auch, dass viele der besten Weine der Welt gleichzeitig auch Bio-Weine sind und dass es immer mehr werden. In den USA stellt besonders die biodynamische Weinbereitung einen Wert an sich dar – hält man sich die Entwicklung der anderen großen Gesundheits-Trends vor Augen, ist klar, dass der Boom weiter anhalten wird. Die gute Nachricht dabei ist: Viele dieser Weine, schmecken auch Kennern und nicht nur Sektierern.

Autor/in:
Redaktion.OEGZ
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