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Christian Kresse und sein Team auf der Slow-Food-Messe Terra Madre in Turin.

Kresse: Kärnten soll Slow Food Hochburg werden!

30.03.2017

Kärnten Werbung macht mit der Positionierung als kulinarische Destination ernst: Ganz Kärnten soll Slow Food werden. Hunderte Betriebe machen bereits mit. Ein Gespräch mit dem Chef der Kärnten Werbung, Christian Kresse

Der Chef der Kärnten Werbung pusht die Kulinarik.

Zur Person: Christian Kresse
Bevor der gebürtige Kärntner 2010 Geschäftsführer der ­Kärnten Werbung wurde, war er Tourismusdirektor in Saalfelden-
Leogang und rettete dort unter anderem das Jazzfestival. Im ­Moment steht seine Vertragsverlängerung an. Wie es das Stellenbesetzungsgesetz vorsieht, wurde die Position des Geschäftsführers turnusmäßig ausgeschrieben. Kresse hat sich auf alle Fälle wiederbeworben.

Infos zur Kulinarik in Kärnten: www.genusslust.info und www.slowfood.travel

 

Slow Food
Die in Italien gegründete Non-Profit-Organisation hat sich zum Ziel gesetzt, die Biodiversität und die Vielfalt im Lebensmittelbereich zu fördern. Es geht um „Genuss mit Verantwortung“, um „gut, sauber & fair“. Die Bewegung ist in regionalen Convivien organisiert, die ehrenamtlich geleitet werden. 

www.slowfoodaustria.at

ÖGZ: Die Deutschen sind treue Österreich-Urlauber. Vor allem aber bei Kurz-, Zweit- und Drittreisen. Als Ziel für Haupturlaubsreisen steht (schon länger) nicht mehr Österreich ganz oben. Wie reagiert Kärnten auf diesen vermutlich unumkehrbaren Trend?
Christian Kresse: Indem wir verstärkt auf das Thema Kulinarik setzen. Denn das steht bei Kurzurlaubern ganz oben bei ihren Motiven, eine bestimmte Destination zu besuchen. 

Kurzurlauber buchen also in erster Linie dort, wo es Gutes zu essen und zu trinken gibt?
Kurzurlauber suchen generell kulturelle Erlebnisse. Dazu gehören ganz wesentlich kulinarische Erlebnisse. Wer an Italien denkt, dem fällt automatisch als Erstes die Küche ein.

Das galt bislang für Kärnten eher nicht …
Richtig, da hatte Kärnten durchaus Aufholbedarf. Die Kärntner Küche war einfach nicht gut positioniert. 

Weil man lange auf den Massentourismus im Sommer gesetzt hat?
Bedingt ja. Aber vor allem auch, weil in den letzten Jahrzehnten überall die kulinarische Positionierung über ein bestimmtes Produkt lief, für das eine Region steht: Sei es der Wein, das Kürbiskernöl oder der Speck.

Die Kärntner Kasnudel konnte das nicht leisten?
Nein. Weil es die in verschiedenen Varianten auch woanders gibt: von Maultaschen bis Ravioli.

Wofür könnte Kärntens Kulinarik also stehen?
Für die Alpe-Adria-Küche mit Einflüssen aus dem romanischen und slawischen Raum. Die Kärntner Küche ist ein spannender Meltingpot mit sehr klein-strukturierter Ausprägung. In jedem Tal wird anders gekocht. Saure Suppe oder Kirchtagssuppe oder auch Kasnudeln: Die schmecken immer anders. Und immer kommen regionale Produkte zum Einsatz. Aber im Marketing hat man das bei uns bisher nie besetzt.

Und das wollen Sie ändern?
Ja. Vor drei Jahren hatten wir die Idee, dass sich Kärnten als Slow-Food-Region etablieren könnte. Das hat vor uns noch keine Region versucht. Wir haben bei Slow Food angefragt, ob wir nicht gemeinsam die erste Slow-Food-Travel-Region in Kärnten entwickeln könnten. Da hat uns Barbara von Melle, die Vorsitzende des Slow Food Convivums Wien, sehr geholfen.

Muss man sich da von Slow Food zertifizieren lassen?
Man muss bestimmte Kriterien erfüllen und die richtigen Slow-Food- Travel-Produkte entwickeln. Das haben wir in den letzten drei Jahren in der Modellregion Kötschach-Mauthen und Lesachtal getan. Dort fanden wir die richtigen Protagonisten mit dem Edelgreißler Herwig Ertl und anderen, die in akribischer Arbeit das mit uns entwickelt haben. 
Da geht es ja nicht nur um den Genuss und das Essen, sondern vor allem auch um die Entstehung, die Produktion von Nahrungsmitteln. Es geht um das Lebensmittelhandwerk, dass man als Besucher erleben kann. Gäste, die auf den Pfaden von Slow Food Urlaub machen wollen, bekommen jetzt bei uns ein umfangreiches Angebot.

So etwas hat es noch nicht gegeben? Auch nicht in Italien, wo Slow Food herkommt?
Nein, gab es nicht. Ich erinnere mich gerne an einen der emotionalsten Momente meiner Berufslaufbahn. Das war auf der Slow-Food-Messe Terra Madre in Turin, als ich dort letztes Jahr einen Vortrag zum Thema Slow Food Travel halten durfte. Da haben Fachleute aus 70 verschiedenen Ländern zugehört! Der Saal hatte dafür gar nicht mehr ausgereicht.
Slow Food möchte solche Travel-Regionen jetzt in vielen Ländern etablieren. Wir haben auch schon Besuch von internationalen Tourismusexperten in Kärnten bekommen. Wir spielen hier also wirklich ganz weit vorne in der ersten Reihe.

Seit wann vermarkten Sie das?
Letztes Jahr begann der Testlauf. Gerade erscheint unser Kulinarikguide, der ganz im Zeichen von Slow Food steht.

Wie sieht das in der Praxis aus? Bekommt jeder Betrieb, der mitmacht, eine Slow-Food-Schnecke an die Eingangstür gepickt?
Jeder Betrieb muss sich nach wie vor selbst von Slow Food zertifizieren lassen. Das läuft über das Convivium, das wir in Kärnten gegründet haben. Aber ein Logo allein reicht nicht. Slow Food ist eine Lebenseinstellung. Und hat bei uns immense Impulse ausgelöst. Zum Beispiel möchten zehn Bäckereien mit zusammen mehr als 500 Mitarbeitern Slow-Food-Bäckereien werden. Die sind seit einem halben Jahr dabei, ihre Produktion auf Slow Food umzustellen. Das bedeutet, sie setzen Kärntner Korn ein, verzichten auf Hefeteige und künstliche Enzyme, produzieren ihren eigenen Sauerteig, beziehen den Honig aus der Nachbarschaft und so weiter. In Mittelkärnten haben sich jetzt 40 Betriebe zusammengeschlossen. Es gibt mehrere kulinarische Initiativen, die auf Slow Food setzen. Die Tourismusschule in Villach denkt ernsthaft darüber nach, in Zukunft nur noch eine Slow-Food- Schule zu sein. Auf der ITB wird sie im nächsten Jahr die Kulinarik am Österreichstand betreuen – ganz im Zeichen von Slow Food. Da ist eine enorme Bewegung in Gang gekommen. Und dafür habe ich auch die Unterstützung vom Tourismusreferenten und den Präsidenten von Wirtschaftskammer und Landwirtschaftskammer.

Ganz Kärnten soll Slow Food werden! Geht das?
Ja. Wir tun das einfach. Wir wollen die Betriebe, die Slow Food leben, in den Fokus stellen. Natürlich sollen und können nicht alle Kärntner Betriebe Slow Food werden. Aber die Tendenz geht in diese Richtung, das Verständnis dafür wächst bei uns ungemein. Der Begriff Regionalität ist eigentlich nicht verkaufbar und verankerbar. Das funktioniert mit Slow Food viel besser. Das ist selbsterklärend. Es geht um einen fairen Preis, ein sauberes Produkt, Regionalität und Saisonalität. Und alles ist transparent für Besucher erlebbar, der gesamte Produktionsprozess. 

Wie viele Urlauber kann man mit dem Thema Slow Food tatsächlich zusätzlich generieren?
Das kann ich nicht genau beziffern. Aber die Slow-Food-Bewegung wächst und spricht auch viele Menschen an, die sich bis jetzt noch gar nicht wirklich mit Slow Food beschäftigt haben. 

Kann man das auch weltweit vermarkten?
Natürlich. Weil Slow Food eine weltweite Bewegung ist. Die haben über 100.000 Mitglieder und Millionen Sympathisanten. Auch in Deutschland, einem unserer wichtigsten Märkte, gibt es mittlerweile Slow-Food-Messen. Es geht darum, unsere kulinarische Kompetenz über Slow Food zu positionieren.

Aber versteht man das auch außerhalb Europas? In China?
Ja, wir werden damit auch in China werben. Visionäre gehen weit vor, bevor die anderen an den ersten Schritt denken. Als ich den Bikepark in Leogang vor mehr als 15 Jahren entwickelt habe, hat es das Bedürfnis, mit einem Fahrrad den Berg hinunterzufahren, noch nicht bei vielen Leuten gegeben. Unser Bikeshop ist am Anfang mehrfach in Konkurs gegangen. Heute machen die Leoganger mit dem Bikepark bald mehr Geschäft als im Winter.

Autor/in:
Thomas Askan Vierich
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