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Als Petutschnig Hons sorgt der Haupterwerbsbauer und Nebenerwebskabarettist für Lacher. Im ÖGZ-Interview wurde er zwischendurch auch mal ernst.

„­Lebensmittel sind den ­Menschen nicht egal“

04.11.2021

Wolfgang Feistritzer vulgo Petutschnig Hons aus Schlatzing ist Landwirt und Kabarettist – beides mit klarer Haltung und starker Meinung. Im Interview mit der ÖGZ spricht der 42-jährige Kärntner über den Beruf als Berufung, warum das Hendl nicht 2,99 Euro kosten kann und warum der Trend doch wieder zur Regionalität geht.

Kabarettist aus dem Kuhstall

Wolfgang Feistritzer bewirtschaftet in der knapp 30 Einwohner zählenden Ortschaft Schlatzing in der Kärntner Gemeinde Malta 13 Hektar Grünland mit 28 Rindern (inklusive einem neuen Angusstier) in Muttertierhaltung und 15 Hektar Wald. Der Hof wird seit 1995 als Bio-Betrieb geführt, vor acht Jahren hat ihn Feistritzer vulgo Petutschnig Hons vom Altbauern übernommen. Der Kabarettist nennt sich selbst „die zarteste Versuchung, seit es Heu und Stadel gibt“, sein neues Programm heißt „Ich will ein Rind von dir!“.
Live-Termine und Infos: www.petutschnig-hons.at

Petutschnig Hons, sag, wie geht es der Landwirtschaft und dem Landwirt im Jahr 2021? 
Petutschnig Hons: Ich kann nur aus Sicht des Grünland- und Rinderbauern reden. In den vergangenen 30 Jahren ist unsere Situation sicher nicht besser geworden. Und sie wird immer schwieriger, vor allem für so kleine Betriebe wie meinen. Im Schnitt geben in Österreich pro Tag zwölf Bauern ihren Hof auf.

Es geht ums liebe Geld?
Der Tierhändler kommt zu mir auf den Hof und sagt: Das ist der aktuelle Preis, friss oder stirb. Beim Holz ist es das Gleiche, auch wenn da die Preise momentan recht gut sind. Und bei der Milch ist es überhaupt so: Da kommt jemand, pumpt deine Milch ab, und Wochen später erfährst du erst, zu welchem Preis du verkauft hast. Bauern, die sich auf regionaler Ebene zusammenschließen, steigen durch gemeinsame Direktvermarktung sicher besser aus.

Warum wird man überhaupt Landwirt?
(lacht) Man wird als Bauernsohn geboren. Heute nach Lust und Laune eine Landwirtschaft zu kaufen geht schwer. Außer, du bist Millio­när und sagst, du steigst aus. Ich bin in den Hof hineingeboren, ich habe von klein auf mitgeholfen. Es hat Spaß gemacht und ich habe es gern gemacht. Natürlich ist es nicht immer lustig. Aber Bauer zu sein, ist kein Beruf, es ist eine Berufung. Trotz all der Hürden, die man überspringen muss, hat es auch seine schönen Seiten, sonst würde man es ja nicht machen. 

Wie geht es dir, wenn Flugblätter mit Angeboten für besonders günstige Lebensmittel in deinen Postkasten flattern?
Es ist eine Frechheit! Das Lebensmittel hat keinen Wert mehr. Denk einmal nach, ein Hendl hauen sie dir heute um 2,99 Euro nach! 
Und davon bekommt der Bauer, wenn es viel ist, vielleicht die Hälfte. Selbst wenn du ein kon­ventioneller Betrieb bist, musst du das Tier acht Wochen lang mästen. Da kann es sich einfach nicht rechnen, dass du deinen Tieren gutes Futter gibst. Wenn du ein Hendl oder einen Rindsbraten um einen lächerlichen Preis kaufst, dann darfst du dir von der Zucht keine hohen Tierwohlstandards erwarten.

Woher kommt dieser respektlose Umgang mit Lebensmitteln?
Ich verstehe die Leute ja, die ihr Geld zusammenhalten und günstig einkaufen müssen. Die Wohnungspreise steigen, und das ganze Leben generell wird immer teurer. Durch meine Aktivitäten auf Youtube und anderen Social-Media-Kanälen bin ich draufgekommen, dass viele Leute gewisse Dinge, die für mich ganz selbstverständlich sind, gar nicht wissen. Zum Beispiel, wie viele Liter Milch eine Kuh pro Jahr gibt. Oder welche Arbeitsgänge notwendig sind, bis ein Schnitzel am Teller liegt. Immerhin, seit Ausbruch der Pandemie scheint die Wertschätzung für regionale Produkte zu steigen.

Warum?
Viele Bauern haben Selbstbedienungshütten auf ihrem Hof aufgestellt. Am Anfang haben die Leute vielleicht Angst gehabt, dass die Versorgung nicht ausreichen würde und haben deshalb direkt beim Bauern eingekauft – und haben es wieder schätzen gelernt, dass dieses Fleisch einfach anders schmeckt.

Heftige Reaktionen hat dein Video „Wiener Bobo isst Rindfleisch aus Amerika“ hervorgerufen: mehr als 10.000 Likes auf Facebook, hunderte Kommentare, es wurde tausende Male geteilt. Hat dich dieses Feedback überrascht?
Ja. Das Video hat mir gezeigt, dass Lebensmittel den Menschen nicht egal sind. Und es hat mir gezeigt, dass viele Menschen so denken wie ich und regionale Produkte mehr schätzen als importiertes Zeug aus Amerika.

Auslöser für deine Aufregung war ein Posting, wonach „Steaks aus den USA, Argentinien und Australien unseren in der Regel geschmacklich deutlich überlegen“ wären.
Mich hat geärgert, dass sich ein Mensch, der nicht nachdenken muss, was er sich zum Essen kauft, die heimische Landwirtschaft so herabwürdigt. Nicht falsch verstehen, ich will damit nicht die kleinen amerikanischen Bauern schlechtmachen, die sicher auch gute Arbeit leisten. Aber Fleisch, das in großen Mengen mit dem Schiff nach Europa kommt, stammt nicht von Kleinbauern mit ihren zehn Rindern. Das ist Zeug voller Antibiotika und Hormonen – und dann kommt einer daher und sagt, das ist Top-Qualität ...

Im Video sagst du: „Wenn du den Klärschlamm frisst, hast du weniger Dreck in der Papp’n ...“
Ja, da drin hast du gesündere Inhaltsstoffe. Und du weißt, wo es herkommt.

Welche Verantwortung haben wir Konsumenten, aber auch die Gastronomen, wenn es um gesündere, regionale Lebensmittel geht?
Mein Vater hat früher einen Stier quasi bei der Stalltür hinaus geschlachtet und in zwei Hälften zerteilt. Eine Hälfte hat der Kirchenwirt gekauft, die andere ein anderer Wirt. Heute zerlegt kaum ein Koch noch eine Stierhälfte selbst in der eigenen Küche; der eine will nur Schnitzelfleisch, der andere nur Bratenfleisch, aber keiner will mehr das Faschierte. Die guten Wirte setzen eh auf Regionalität. Andere haben das Problem, dass ihre Kunden ein Mittagsmenü um 5,99 Euro haben wollen, am liebsten eine Suppe, ein gutes Schnitzel mit Salat und eine Nachspeise. Das bekommst du mit heimischen Produkten halt schwerer hin ...

Wer ist deiner Meinung nach an dieser Situation schuld?
Viele Wirte müssen billige Waren einkaufen, damit sie überleben können. Entscheidend ist aber – wie auch im Handel – letztendlich der Endverbraucher. Wenn der Kunde ein Schnitzel um 6,99 Euro will, dann darf er sich halt nicht erwarten, dass es Bio-Fleisch aus Freiland-Strohhaltung ist. Dessen sind sich aber viele Konsumenten nicht bewusst.

Eine leidenschaftlich geführte Diskussion – nicht zuletzt auf deinen Seiten – dreht sich um die Frage: Wie bauen wir Fleisch in unsere Ernährung ein? Oder sollen wir ganz darauf verzichten und vegan leben? Aus Sicht eines Rinderbauern: Warum ist es gut und sinnvoll, Fleisch zu essen?
Ich bin leidenschaftlicher Fleisch­esser, das wird jetzt kein Geheimnis sein. Aber ich gehe davon aus, dass Menschen, die sich vegetarisch oder vegan ernähren, gesund unterwegs sind und auf ihren Körper achten. Aber ich weiß nicht, ob es die richtige Idee ist, statt Hendl­fleisch aus dem Gailtal lieber Avocados aus Weiß-der-Teufel-Woher zu essen. Vegane und vegetarische Ernährung haben sicher ihre Berechtigung. Aber was harte körperliche Arbeit angeht: Ich kenne keinen Holzknecht, der sich vegan ernährt ...

Autor/in:
Hannes Kropik
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