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Leistbarer Luxus

30.07.2008

Sich als Drei-Sterne-Boutique-Hotel zu bezeichnen, ist in Zeiten, in denen sich fast alles, was kein Klo am Gang hat, mit vier Sternen schmückt, zumindest mutig. Doch Dottore Johannes Schwaninger ist in vielerlei Hinsicht ein außergewöhnlicher Hotelier. Text Clemens Kriegelstein

bgeschlossenes Philosophiestudium in Rom, dazu Psychologiestudium in New York. Manchmal geht das Leben eben seltsame Wege, und Johannes Schwaninger vom Hotel Steinerwirt in Zell am See tut sich zumindest schwer mit der Behauptung, er hätte sich von Kindesbeinen an zur Hotellerie berufen gefühlt. „Die Hotelfachschule hat mich ehrlich gesagt überhaupt nicht interessiert“, gibt Schwaninger auch unumwunden zu, „daher kam zwischen 1992 und 1998 das Philosophiestudium in Rom. Dann kam ich zurück nach Hause – und mich haben die Betriebe meiner Eltern noch immer nicht interessiert. Also bin ich 1999 in die USA gegangen und hab dort an der New York Univercity Psychologie inskribiert und ebenfalls abgeschlossen.“ Doch gerade bei der Anmeldung zum Doktoratsstudium an der Columbia Univercity ereilte ihn das Schicksal in Form eines Flugzeugabsturzes, der seinen Vater, seinen Bruder und seine jüngere Schwester das Leben kostete. „In dem Moment habe ich gewusst, dass der Steinerwirt verkauft werden würde, wenn ich ihn nicht übernehme, da meine Mutter mit einem eigenen Hotel, dem ­Sporthotel Alpin, und der Betreuung der restlichen Familienangehörigen mehr als ausgelastet war. Da hätte ich nicht mehr reinen Gewissens weiterstudieren können. Also bin ich zurück nach Zell und hab den Betrieb übernommen, in dem ich mich ja eigentlich immer wohlgefühlt habe. Dieses Haus hat was für mich.“

Sanierungsbedarf … Der „Steinerwirt“ existiert seit dem 18. Jahrhundert (auch wenn die Sub­stanz des Hauses – wie etwa im Restaurantbereich zu sehen – noch deutlich älter ist) und ist nach dem ersten Besitzer, Matthias Steiner, benannt. Seit 1892 jedoch ist der Betrieb im Besitz der Familie Schwaninger, zurzeit in fünfter Generation. Johannes Schwaninger leitet den Steinerwirt heute gemeinsam mit seiner Frau, die – wie könnte es anders sein – ebenfalls auf eine akademische Ausbildung (Studium der Molekularbiologie in Wien, Forschungsaufenthalt in Boston, etc.) zurückblickt. „Ich habe das Haus eigentlich auf einem guten, wenn auch niedrigen Level übernommen. Das war damals ein kleiner Gasthof, da waren noch Zimmer ohne Warmwasser dabei“, erkannte Johannes Schwaninger Sanierungsbedarf.

Dabei ging er bei der Modernisierung des Hotels eigene Wege. „Wie schaffen wir uns Lebensqualität“, lautete dann auch die erste Aufgabe auf der langen To-do-Liste. Hier machten sich auch seine Erfahrungen abseits der Branche bezahlt. Scheuklappen waren Schwaninger fremd. Er begann, Kulturveranstaltungen im Haus zu organisieren („Das trägt zur Imagebildung bei.“) und die Zimmer nach Design-Aspekten zu renovieren. Dabei wollte er sich aber von klassischen Design­hotels unterscheiden, die Schwaningers Meinung nach zu sehr an den Schweizer Chalet-Stil angelehnt sind. „Ich wollte mehr Kunst in das Haus bringen ohne die klassischen Klischees.“ Dabei sind die Gästezimmer selbst zwar modern, aber ebenso schnörkel- wie kunstlos gehalten. „Das restliche Haus ist eh überladen mit Bildern und Skulpturen, die die Gäste bei Interesse auch alle kaufen können. Da sollen die Zimmer als Rückzugsgebiet dienen, sonst fühlt sich der Gast irgendwann erschlagen“, erklärt Schwaninger.

„Labor Schwaninger“ … Es versteht sich dabei von selbst, dass ständig etwas verändert wird, hier etwas dazu-, dort etwas wegkommt, alles immer in Bewegung ist und immer wieder Neues ausprobiert wird. „Manchmal fühle ich mich schon eher wie in einem Labor und nicht in einem Hotel“, sinniert der Hausherr.

Herausgekommen bei all den Überlegungen ist ein Drei-Sterne-plus-Boutique-Hotel. Was angesichts des bisweilen durchaus verbesserungswürdigen Zustandes mancher Vier-Sterne-Betriebe eine interessante Ansage ist. „Eigentlich sind wir gar nicht klassifiziert und die drei Sterne plus hab ich mir selbst verliehen“, lacht Schwaninger, „aber für unser Produkt gibt es keine passende Klassifizierung. Natürlich bieten wir Vier-Sterne-Niveau, aber von der Masse der normalen Vier-Sterne-Betriebe will ich mich eben abheben. ‚Leistbarer Luxus‘ heißt für mich das Schlagwort.“

A la carte ist die Champions League … Sich abzuheben gelingt dem Hotelier dabei auch bei der Halbpensionsgestaltung. „Im Restaurant des Steinerwirts können ja auch Gäste von außerhalb essen, ich bin also nicht nur Hotelier, sondern auch Wirt, und als solcher finde ich Buffets fürchterlich, und auch die normalen Wahlmenüs in den meisten Betrieben sind nicht zufriedenstellend. Bei mir kostet die Halbpension 20 Euro Aufpreis, dafür kann der Gast dann vier Gänge à la carte nach Lust und Laune wählen. Und das A-la-carte-Geschäft ist doch die Champions League in der Gastronomie.“
Um Kunden zu gewinnen, versucht Johannes Schwaninger seinen Gästen auch einen gewissen Mehrwert zu geben. So gibt er etwa gern Upgrades bei der Zimmerbuchung, sofern das möglich ist. „Das freut den Gast und mich kostet es praktisch nichts.“

Generell versucht Johannes Schwaninger mit seinem Angebot nicht in die Breite, sondern in die Tiefe zu gehen. Die wichtigste Frage, die er sich dabei immer stellt, lautet „Wie finde ich unsere Gäste?“ Die Taktik dürfte derzeit jedenfalls aufgehen. Zwar hat Schwaninger natürlich durch den Umbau und den daraus resultierenden Preissprung von 28 auf 49 Euro pro Person manche Stammgäste verloren, einige konnte er aber halten und viele andere neu gewinnen. Heute freut er sich über rund 200 Vollbelegstage seiner insgesamt 28 Zimmer bei einer durchschnittlich 50-prozentigen Auslastung.*

Autor/in:
Redaktion.OEGZ
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