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Foodora ist nur ein kleiner, exotischer Fisch im Pool der Essensvermittler.

Lieferservice: Der Kampf um die schnelle Küche

04.07.2017

Die eiligen Futterboten diverser Zustelldienste sind omnipräsent. In der Gastronomie findet diese Entwicklung nicht nur Zustimmung.

 

UberEats ist im Dezember des Vorjahres in Österreich gestartet. Seither konnte die Zahl der Restaurant-Partner von 80 auf mehr als 200 erhöht werden.

Die rosa Fahrradflotte von Foodora ist auf Wiens Straßen momentan omnipräsent. Dabei ist der Online-Zustelldienst im Grunde nur ein kleiner, exotischer Fisch im Pool der Essensvermittler. Den Markt beherrschen nach wie vor jene Anbieter, die das Essen für daheim lediglich im Internet vermitteln und die Zustellung dem Lokal überlassen. Betonung auf noch. Denn seit Foodora, dicht gefolgt von Ubereats, mit ihrem Konzept der „gehobenen“ Liefergastronomie immer mehr Land gewinnen, kommen auch die „reinen“ Vermittler wie Mjam oder Lieferservice in Zugzwang. Im April schickte letzterer deshalb eine eigene E-Bike-Flotte an den Start. Lieferservice gehört zum niederländischen börsennotierten Konzern Takeaway. In Österreich war das Unternehmen mit 3,4 Millionen Bestellungen im Vorjahr nach eigenen Angaben die Nummer eins im Bereich Online-Bestellplattformen. Für die Vermittlung verlangt Lieferservice eine Gebühr von zehn Prozent des Bestellumsatzes. Der neue E-Bike-Zustellservice kostet die Gastronomen 30 Prozent Provision, also gleich viel, wie die Konkurrenten Foodora oder Ubereats verlangen. 

An interessierten Betrieben mangelt es laut Foodora nicht: „Unsere Erfahrung zeigt, dass sich zunehmend vermehrt Restaurants mit dem neuen Konzept der schadstoffarmen und raschen Lieferung von Lebensmitteln per Rad auseinandersetzen und identifizieren. Auch vor dem Hintergrund neuer Kundenanforderungen sehen Gastronomen, dass es sich lohnt, unser Konzept zu implementieren. Insbesondere in Wien verzeichnen wir, trotz des Markteintritts neuer Mitbewerber, weiter Schub bei den Bewerbungen neuer Restaurants auf unserer Plattform und entsprechend zeichnet sich ein deutlicher Trend dahingehend ab“, sagt Vincent Pfeifer, Foodora-PR-Manager Germany & Austria. 

Auch bei Ubereats läuft das Geschäft gut: „Seit unserem Start im Dezember 2016 hat sich die Anzahl der Restaurant-Partner von 80 auf mehr als 200 erhöht. Unser Kundenstamm hat sich allein in den vergangenen drei Monaten verdreifacht“, sagt Georg Hauer, Chef von Ubereats in Österreich. Das Liefergebiet wurde seit dem Launch um 80 Prozent vergrößert. Bis Ende des Jahres will Ubereats in fast ganz Wien verfügbar sein. 

Nutzen und Nachteil für die Gastronomie

Eine der ersten Foodora-Kundinnen in Wien war Patricia Essl, die mit Pat’s Brainfood „Cusine to Go“ an zwei Standorten anbietet: „Am Anfang war ich begeistert von Foodora, weil ich mich in deren Konzept des gehobenen Anspruchs wiedergefunden habe“, meint die Gastronomin. Bei den „übrigen Anbietern wie Mjam oder Lieferservice, die ja hauptsächlich auf Schnitzel, Pasta und Spaghetti setzen, hab ich mich nicht gesehen“, sagt Essl, die noch in den Genuss günstigerer Lieferprovisionen gekommen ist. Auch die Serviceleistung durch das – damals noch österreichische Team vor Ort – sei hervorragend gewesen. „Pat’s Brainfood“ bekam regelmäßig PR-Artikel auf der Foodora-Homepage. Aber dann wurde die Betreuung nach Deutschland ausgelagert und dadurch schwieriger, weil anonymer. „Das Wiener Foodora-Team hat auch uns Kleine unterstützt. Seitdem alles zentral von Deutschland aus geregelt wird, zählt scheinbar nur noch der Umsatz“, meint Essl. Das sei ein wenig frustrierend und der Grund dafür, dass die Gastronomin jetzt überlegt, doch wieder einen eigenen Fahrer zu beschäftigen. Oder vielleicht zum Konkurrenten Ubereats zu wechseln, aber „der fällt eher nur durch schlechte Presse wegen der Uber-Taxler auf und ist darüber hinaus medial nicht sehr präsent“, so Essl. 

Liefern als Zusatzgeschäft

Bessere Erfahrungen hat Franz Haslinger gemacht. Er ist Chef der beiden auf edle Burger spezialisierten „Weinschenken“ am Karmelitermarkt und in der Wiener Franzensgasse. Am Siebensternplatz in Wien-Neubau hat Haslinger vor kurzem ein drittes Lokal aufgemacht. Mit dem Lieferdienst von Foodora ist er „sehr zufrieden, aber das zahlt sich nur aus, wenn man mit dem Basisgeschäft die Fixkosten bereits erwirtschaftet hat“, sagt Haslinger. „Als Zusatzgeschäft rechnet sich der Lieferservice dann aber durchaus“, meint der Gastronom, denn „für die Lieferungen habe ich einen zusätzlichen Wareneinsatz von 30 %. Dazu kommt die Foodora-Provision von 35 %, und die restlichen 35 % bleiben mir als Gewinn“, rechnet Haslinger vor. Ein weiterer Bonus sei das Marketing von Foodora, durch das sein Betrieb immer wieder hervorgehoben und beworben werde. Was aus Sicht Haslingers noch für den Lieferdienst spricht, ist, dass „ich mir einen weiteren Mitarbeiter erspare, der nur für die Zustellung arbeitet und natürlich auch einen Fahrradboten plus Ausrüstung“. An zwei seiner Standorte hat Haslinger außerdem unterschiedliche Betriebszeiten für die Essenszustellung: „Im fünften Bezirk ist abends so viel los, dass die Küche mit zusätzlicher Außer-Haus-Lieferung überfordert wäre. Das würde auch die Gäste vor Ort nervös machen, wenn sie dadurch länger auf ihr Essen warten müssten“, meint der Gastronom. In der Weinschenke am Karmelitermarkt dagegen wird der Lieferdienst von 11.30 bis 22.30 Uhr angeboten. Ob Haslinger am neuen Standort Siebensternplatz einen Lieferdienst anheuert, hängt davon ab, wie sich das Lokal entwickelt. Wenn ja, dann wahrscheinlich auch Foodora, obwohl auch Uber-eats eine Option wäre, aber „Foodora verlangt einen Strafzuschlag von 5 %, wenn man noch einen anderen Lieferanten beauftragt“. Der Markt ist offensichtlich heiß umkämpft. 

Aktive Sterbehilfe

Eine ganz andere Meinung zum Thema Lieferservice hat Michael Vesely, der gemeinsam mit seiner Frau Adelheid Reisinger das „reisinger’s“ am Salzgries in Wien betreibt. „Wer über Foodora oder Ubereats bei seinem Lieblingswirt bestellt, begeht aktive Sterbehilfe“, sagt der Wirt. In der Gastronomie könne man nämlich nicht alle Betriebe über einen Kamm scheren, weil es „die Gastronomie“ nicht gäbe, sondern eine Vielzahl an Konzepten, die sehr unterschiedliche Bedürfnisse bedienen. Und genau diese gelte es auseinanderzuhalten. Die Art der Gastronomie, der sich Vesely verpflichtet fühlt, ist „mehr als eine Essensausgabe. Hier geht es um Geselligkeit, gute Gespräche, Lebenslust und vor allem auch (aber eben nicht nur) um gutes Essen und passende Getränke in einem Low-Profile-Ambiente“, meint der Gastronom. Im reisinger’s werde für (anwesende) Gäste gekocht und nicht für anonyme Besteller. Diese persönliche Betreuung könne aber nicht mitgeliefert werden. 

„Wir verfolgen ein fundamental anderes Konzept, als es die meisten Burger-, Ramen-, Wrap-, China und Sushi-Lokale fahren und auch ein anderes als Fine-Dining-Lokale. Unser Konzept ist das eines Nahversorgers, bei dem man auch einmal einen Schlüssel hinterlegt, der aber auch gleichzeitig über die verwendeten Produkte Bescheid weiß und beinahe jeden Lieferanten persönlich kennt“, meint Vesely. In seinem Lokal könne es durchaus passieren, dass plötzlich der Hühnerhändler durch die Tür kommt und der Fleischer Ware liefert oder ein Winzer seinen Wein. „Mit Foodora, Ubereats und Co ist dieses Konzept schlichtweg unverträglich“, sagt Vesely.

Letztlich müsse aber jeder Gastronom für sich entscheiden, ob er Gastgeber ist oder bloß Nährstoffproduzent, ob er den direkten Kontakt zu seinen Kunden will oder ob er das einem Dienstleister überlässt. „Genau in diesem Spannungsverhältnis können Foodora und Co tatsächlich Sinn machen: Eine günstig angemietete Hinterhofküche, in einer studentischen Wohngegend, in der ohne Gästekontakt von billigen Arbeitskräften das gerade angesagte Fast Food produziert wird. Dazu ein paar Euro in ein cooles Logo und ein paar Produktfotos investiert, und schon rollt der Rubel“, so Vesely. 

Autorin:
Ute Fuith 

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