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Rechnungen kann man relativ leicht manipulieren. Ob sich das wirklich lohnt?

„Machen wir uns ehrlich!“

26.06.2014

Eine Milliarde Euro wird in Österreichs Gastgewerbe am Finanzamt vorbeigeschmuggelt. Dafür nehmen viele Wirte viele Unannehmlichkeiten in Kauf. Ein gefährliches Nullsummenspiel

Text: Thomas Askan Vierich

Das sieht so schön gemütlich aus: Der Kellner zückt Stift und Block und schreibt zusammen, was man im Gasthaus verzehrt hat. Ohne Rechnungsadresse, ohne Stempel, ohne Angabe der Umsatzsteuer. Ob der Kellner die gleichen Zahlen, die er dem Gast verrechnet, in die Registrierkasse tippt, steht auf einem anderen Blatt. In etwas moderner ausgestatteten Betrieben sitzt frühmorgens der/die Chef/in an der Kassa, um „Zwischenrechnungen", „Barbelege" oder mal eben 100 Weißbiere wieder aus dem System zu entfernen.

Die Kassen sind darauf eingerichtet, Experten berichten, dass sie beim Verkauf neuer Systeme nach dem „Löschknopf" gefragt werden. Wer keinen hat, verkauft einfach weniger Kassen. Es gibt mittlerweile externe Softwareprogramme, sogenannte Zapper, die über einen USB-Stick, eine CD oder per Internetklick angesteuert werden. Sie können bei einer Steuerprüfung noch schwerer entdeckt werden. Mittlerweile gibt es auch Zapper, die die lästigen Kreditkartenrechnungen verschwinden lassen. Wenn ein „Orderman" verdeckt ins System läuft, reduziert das auch die offiziellen Umsätze. Und wir sprechen noch nicht vom Schwarzlohn oder Schummeleien beim Wareneinkauf.

Kein Gewinn, keine Steuern
Eine Milliarde Euro, schätzt die Finanz, schleusen österreichische Gastronomen jährlich am Finanzamt vorbei. Das könnte auch der Grund dafür sein, warum so viele Betriebe angeblich keinen oder kaum Gewinn machen. Wer nix verdient, zahlt auch keine Steuern.

Keine rein österreichische Erscheinung, hier aber oft besonders verharmlosend von interessierter Seite dargestellt. „Umsatzverkürzung mittels elektronischer Kassensysteme: Eine Bedrohung für die Steuereinnahmen", heißt eine Studie der OECD. In der EU gibt es eine „Projektgruppe Registrierkassen", und die Forderung wird laut, eine generelle Belegpflicht einzuführen. Das hatte die SPÖ bei den letzten Koalitionsverhandlungen gefordert, wurde aber vonseiten der Wirtschaftskammer und des Wirtschaftsbundes zurückgepfiffen. Stattdessen wird vonseiten der Gastronomen – nicht immer zu Unrecht – über das rüde Auftreten von Inspektoren der Finanz und des Sozialministeriums geklagt. Manche fordern eine Zertifizierung von nichtmanipulierbaren Kassen. Aber das ist in etwa so realistisch, wie fälschungssicheres Bargeld zu drucken. In einigen EU-Staaten werden Bürger aufgefordert, ihre Kassenbelege an die Finanz zu schicken, damit diese bessere Stichproben machen kann. Als Lohn winken in einer Art Tombola Autos (Slowakei) oder Bargeld (Portugal, Kroatien).

Selbst beginnen
Statt weiter imageschädigende Schlagzeilen zu provozieren, schlägt Gastro-Berater Klaus Klöbel einen anderen Weg vor: „Machen wir uns endlich ehrlich!" Das würde sich auch besser rechnen, als sich ständig neue Tricks auszudenken, wie man die nächste Steuerprüfung übersteht. „Wer beim Wareneingang und Warenausgang manipuliert, weiß auch nicht, wie viel er wirklich umsetzt", sagt Klöbel. „So kann man keine realistische Kalkulation erstellen, keine Budgets, keine Warenwirtschaft, keine ABC-Analyse. Es gibt auch positive Beispiele dafür, dass man Gewinne erzielen kann. In Summe hat der Wirt oder die Wirtin dann weniger Aufwand und kann der Prüfung entspannt entgegensehen. Und schlussendlich braucht man Gewinne, denn die bestimmen die Pensionshöhe von uns Selbstständigen."
Mohamed R. Mohideen, der elektronische Systeme im Gastgewerbe installiert und wartet, kennt solche Anfragen: „Der Wirt möchte gerne, dass der kleine Braune vom Kassensystem erfasst wird, weil er seine Mitarbeitern kontrollieren will. Aber abends soll er dann wieder aus dem System verschwunden sein. Wenn man beim Umsatz, beim Einkauf und bei den Löhnen trickst, bekommen das letztendlich Finanz, Lieferanten und Mitarbeiter mit. Um dieses Risiko zu minimieren, setzen Gastronomen viel Zeit ein, die dann für die professio-nelle Betriebsführung fehlt", sagt Mohideen

Klöbel ergänzt: „Wer vermeiden will, dass die Finanz weiß, wie viele Tische wann besetzt waren, kann auch kein System für eine vernünftige Tischreservierung einführen und folglich die Gästedaten nicht nutzen, um mehr Umsatz zu machen!"
Und so wurschteln die bauernschlauen Gastronomen und Hoteliers vor sich hin, fürchten sich vor der Finanz und ihren Angestellten, können keine realistische Planungen machen, weil sie elektronische Systeme eher meiden bzw. gar keine realistischen Zahlen vorliegen haben. Was sie bei der Steuer sparen, verlieren sie beim Warenmanagement und allem anderen. Ein Nullsummenspiel, das bei der nächsten „strengen" Betriebsprüfung an die Wand fährt.

Autor/in:
Redaktion.OEGZ
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