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Mahrer: Tourismus muss Chancen nützen

14.06.2018

Was will er als frischgebackener WKO-Präsident anders machen, und was verspricht er der Tourismusbranche? Ein Gespräch mit dem neuen Kammerpräsidenten Harald Mahrer.

Harald Mahrer

führte unterschiedliche Beratungs- und PR-Unternehmen und war Präsident der ÖVP-nahen Julius-Raab- Stiftung. 2014 holte ihn Reinhold Mitterlehner als Staatssekretär ins Wirtschaftsministerium. Nach Mitterlehners Rücktritt im Mai 2017 wurde er dessen Nachfolger in der Regierung Kern.

Sie waren kurze Zeit Wirtschaftsminister mit Zuständigkeit für Tourismus. Welche zentrale Erkenntnis nehmen Sie mit, und was ist die drängendste Aufgabe? 
Harald Mahrer: Der Tourismus ist eine Leitbranche Österreichs. Die Branche schafft wichtige Arbeitsplätze und ist auch international ein Aushängeschild Österreichs. Mir war es ein wesentliches Anliegen, die Mehrwertsteuersenkung auf Beherbergungsleistungen möglichst rasch umzusetzen. Diesen Entlastungsweg werde ich selbstverständlich auch als WKO-Präsident weitergehen. Entscheidend ist weiterhin, dass wir unseren Betrieben in einem hart umkämpften Markt die richtigen Rahmenbedingungen – gerade auch im Hinblick auf die Digitalisierung – bieten. Eine sinnvolle Maßnahme, um das Eigenkapital zu stärken und die notwendigen Investitionen zu ermöglichen, wäre die rasche Senkung der Körperschaftsteuer bzw. der Einkommensteuer sowie die Anpassung der Abschreibungsdauer an die tatsächliche Nutzungsdauer. 

Natürlich leiden die Unternehmer nach wie vor unter zu viel Bürokratie: Wie kann aus Ihrer Sicht hier schnell Entlastung geschaffen werden?
Bürokratie ist der härteste Konkurrent für Unternehmer. Daher ist die von der Bundesregierung geplante Rechtsbereinigung ein richtiger und wichtiger Schritt, um ein unternehmerfreundlicheres, innovatives Klima in unserem Land zu schaffen. Die Wirtschaftskammer wird sich auch künftig für bürokratische Entlastungen für Unternehmerinnen und Unternehmer starkmachen. Stichwort: beraten statt strafen. Stichwort: Kumulierungsverbot von Verwaltungsstrafen. Stichwort: Aus für Gold-Plating. 

Und was wollen Sie bezüglich des Themas Mitarbeitermangel machen?
Wir können unserem Anspruch als Qualitätstourismusland nur gerecht werden, wenn wir über eine ausreichende Zahl an Mitarbeitern mit den gefragten Qualifikationen verfügen. Nur so bleiben wir konkurrenzfähig. Der akute Mitarbeitermangel im Tourismus ist kein österreichisches Phänomen: Vielmehr findet ein europäischer Wettbewerb um die begehrtesten Fachkräfte – quer durch viele Branchen – statt. Fakt ist: Trotz steigender Mitarbeiter- und Lehrlingszahlen im Tourismus können die Zuwächse nicht mit der konjunkturbedingten Nachfrage mithalten. Um dem akuten Fachkräftemangel entgegenzuwirken, müssen nun dringend Maßnahmen, wie die rasche Verabschiedung eines neuen Stammsaisonier-Kontingents und die längst überfällige Regionalisierung der Mangelberufsliste, umgesetzt werden. Selbstverständlich müssen wir auch mehr in Aus- und Weiterbildung investieren. Ich bin bereit, einen dreistelligen Millionenbetrag in den kommenden Jahren für Bildung in die Hand zu nehmen, um dem Fachkräftemangel wirksam begegnen zu können.

Als höchster Unternehmervertreter schützen Sie die Interessen aller Betriebe. Wer oder was bedroht diese aktuell? 
Ich versuche immer, Chancen zu sehen und nicht nur Bedrohungen. Ein Beispiel dafür ist der digitale Wandel. Unsere Unternehmen können die neuen technischen Möglichkeiten dafür verwenden, die eigenen Geschäftsmodelle neu aufzustellen, neue Produkte zu entwickeln und damit zu punkten. Zudem wird die zunehmende Virtualisierung auch die Sehnsucht nach realen Erlebnissen und einem Ausgleich fördern. Das ist eine gigantische Zukunftsoption für den heimischen Tourismus und die Freizeitwirtschaft. 

Schon als Staatssekretär und Minister lag Ihr Fokus auf der Digitalisierung: Wo brennt es aus Ihrer Sicht gerade noch besonders?
Die Unternehmen brauchen jetzt vor allem eine exzellente digitale Infrastruktur. Und sie benötigen das entsprechende Know-how. Oberste Priorität hat darum eine neue Bildungsstrategie, an der wir intensiv arbeiten. Dabei geht es um einen Masterplan für die berufliche Aus- und Weiterbildung. Wir wollen die duale zu einer trialen Ausbildung weiterentwickeln. Das bestehende, sehr gut funktio-
nierende System wollen wir um eine digitale Komponente erweitern. 

Jeder Lehrberuf schult dann zusätzlich digitale Fertigkeiten?
Genau. Jede Berufsausbildung enthält in Zukunft digitale Komponenten, die erlernt werden müssen. Wir wollen dabei aber nicht nur digitale Fertigkeiten vermitteln, sondern auch digitale Kanäle zur Wissensvermittlung nutzen. Viele junge Menschen arbeiten, kommunizieren und spielen jeden Tag mit Smartphones – warum sollte man dann nicht das spielerische Element nutzen, um ihnen Wissen zu vermitteln?

„Wir können ­unserem Anspruch als Qualitäts­tourismusland nur gerecht werden, wenn wir über eine ausreichende Zahl an Mitarbeitern mit den gefragten Qualifikationen verfügen.“

Umfasst die Strategie auch Menschen, die bereits im Berufsleben stehen?
Ja, wir brauchen natürlich auch ein Angebot für die Menschen, die bereits im Arbeitsleben stehen. Das ist der große Wunsch des Mittelstandes. Alle 2,6 Millionen Arbeitskräfte müssen auf das nötige Qualifikationsniveau gebracht werden. Um das zu schaffen, schweben mir neue, integrierte Campuslösungen vor, die Lehrlinge und bestehende Mitarbeiter in den Regio-nen weiterqualifizieren. Dafür wollen wir eine Bildungsinvestitionsinitiative starten und ein Investment im dreistelligen Millionenbereich tätigen. 

Sie sagen von sich selbst, dass Sie viel Lob, aber auch Kritik geben. Wo müssen sich Ihre neuen Mitarbeiter auf Kritik gefasst machen? 
Mir geht es immer um konstruktive Kritik. Ich glaube, dass wir uns drei Leitlinien verschreiben sollten. Die österreichische Wirtschaft ist sehr bunt und divers. Unsere Betriebe sind auch bedingungslos qualitätsorientiert. Und wir sind wahnsinnig kreativ und innovativ in der Wirtschaft. Wir brauchen also diese Buntheit und das Know-how auch in der Vertretungsarbeit. Das macht uns stark. Und weil sich unsere Mitgliedsbetriebe jeden Tag neu erfinden müssen und einen Exzellenz-Anspruch stellen, müssen wir diesen auch an uns selbst stellen. In der Arbeit als Interessenvertretung, in der Bildungsarbeit und der Servicearbeit. Dort gibt es immer Luft nach oben. Das wird Ziel unserer Arbeit sein. Dafür werden wir auch Geld in die Hand nehmen. 

Sie haben die Pflichtmitgliedschaft außer Frage gestellt. Wie wollen Sie das den Unternehmen schmackhafter machen? 
Ich halte die historisch verbrieften Freiheitsrechte für die Wirtschaft für enorm wichtig. Ich sehe es darum auch weniger als Verpflichtung, sondern als gesetzliche Grundlage, damit wir uns alle gemeinschaftlich, solidarisch in einer Wirtschaftsvertretung organisieren können. Nur so können die Unternehmer nicht auseinanderdividiert werden. Natürlich muss aber das Preis-Leistungs-Verhältnis stimmen. Das sage ich als Unternehmer. 

Und das stimmt aus Ihrer Sicht?
Ja, denn man muss auch eine größere Sicht einnehmen. Wenn etwa Unternehmen im Export gefördert werden, sichern diese auch Arbeitsplätze von Zulieferern in der Region. Diese sorgen für regionalen Konsum und sichern so wieder andere Unternehmen und damit Jobs ab. Weil es diese Zusammenhänge gibt, ist es mir wichtig zu zeigen, dass wir alle Teil der Wirtschaft sind. Die Wirtschaftskammer übernimmt darum nicht nur für die Mitgliedsbetriebe, sondern auch für deren Mitarbeiter und für alle Familien und das gesamte Land Verantwortung. Dadurch wird klar, dass wir alle im selben Boot sitzen.

Interview: Stephan Strzyzowski

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