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„Dein erstes geschmacksintensives Bier vergisst du nicht.“ Im Fall von Regisseur Friedrich Moser war das ein Imperial IPA.

„Malen kann ich nicht, also mache ich Bier”

22.08.2019

Bei seinem ersten Kontakt mit einem handwerklich gebrauten Bier hat sich offenbar ein Schalter umgelegt. Seither ist Regisseur Friedrich Moser leidenschaftlicher Bier-Aficionado. Sein Film „Bier!“ ist mehr als eine persönliche Liebeserklärung und kommt am 30. August in Österreichs Kinos
 

Kompromissloser Qualitätsfanatiker: Bierol-Braumeister Christoph Bichler.
Filmtipp

BIER! „Der beste Film, der je gebraut wurde“
Ab 30. August im Kino.
Ein Film von Friedrich Moser.
Österreich/USA/Belgien/Italien/Deutschland, 2018.
ca. 93 Minuten, Farbe, 1:1.85, Dolby Digital.
Verleih: Filmladen Filmverleih 
www.filmladen.at

Das erste geschmacksintensive Bier vergisst man nicht. Man weiß nicht nur, welches Bier es war, man vergisst auch nie wieder, wo und wann man es getrunken hat. Davon ist jedenfalls der österreichische Filmemacher Friedrich Moser felsenfest überzeugt. Sein erstes geschmacksintensives Bier hat er in Washington D.C. getrunken: „Es war ein Imperial IPA von der Port City Brewery.“ Das größte Aha-Erlebnis für ihn damals war es, dass es in den USA, die er beruflich öfter bereisen durfte, so viele gute Biere von kleinen, regionalen Brauereien gab, erzählt Moser im ÖGZ-Interview. Die Pubs dort seien niemals überkandidelt, sondern „basic“. Die Leute gehen hin, um zu trinken. „Und überall gibt es mindestens zehn Fassbiere.“ 

Das war 2014 und damit zu einer Zeit, als auch in Österreich immer mehr kleine Brauereien aus dem Boden geschossen waren und die sogenannte Craft-Bier-Bewegung hierzulande langsam an Fahrt aufgenommen hatte. Wir erinnern uns: Damals fand gerade das erste Craft Bier Fest in Wien am Donaukanal statt – in vergleichsweise kleinem Rahmen. Mosers erste österreichische Berührungspunkte in Sachen Craft-Bier waren Produkte von Forstner, Brew Age und Bierol. Dem Braumeister von Bierol, Christoph Bichler, kommt im Film übrigens eine tragende Rolle zu, dazu aber später mehr.
Die Idee zum Film sei ihm während eines Festivals in Sheffield während des Besuchs des berühmten Rutland Arms Pubs gekommen. Gemeinsam mit einem Freund, einem belgischen Filmproduzenten, fragte er sich: „Welchen Film über Bier muss man gesehen haben?“ Antwort darauf fanden sie keine – auch nicht nach längerer Recherche. „Wenn es keinen gibt, dann müssen wir einen machen“, waren sich beide damals einig. Es gibt zwar Filme über Brauereien, Filme über Craft-Bier in den USA. „Aber es gibt keinen, der einen internationalen Blick aufs Bier offenbart“, erklärt der Filmemacher. 

Wie Braumeister ticken

„Bier!“ ist ein Film über die Kunst des Brauens und die Philosophie der Braumeister. „Man erfährt, wie sie arbeiten und wie sie ticken“, sagt Moser. Das Ergebnis ist ein sehr persönlicher Zugang zum Thema und definitiv ein Tipp für bieraffine Gastronomen. Es ist kein Film, in dem man Basics lernt, die Bierherstellung selbst wird nicht breit vermittelt. Das will der Film auch nicht. Er öffnet vielmehr eine Tür, die die Welt dahinter offenbart und viel vom Feeling transportiert, das die Craft-Bier-Szene ausmacht. Wo kommt der Hopfen her? Was macht der Hopfen im Bier? Welche Vielfalt gibt es? „Bier offenbart eine dermaßen große geschmackliche Vielfalt. Und erst jetzt wird dieser Umstand wiederentdeckt“, wundert sich Moser. 

Spannender als Sadat

Der Tiroler Braumeister Christoph Bichler (Bierol) gehört mit seinen Produkten zu den Aushängeschildern der heimischen Szene. In Mosers ruhig dahinfließendem Film begleitet man ihn auf einer Reise zu den Wurzeln der Craft-Bier-Bewegung. Porträtiert wird etwa Steve Hindy, Mitbegründer der legendären Brooklyn Brewery und ursprünglich internationaler Kriegsreporter: „Ich habe Anschläge im Iran und im Libanon miterlebt, ich saß hinter Anwar as-Sadat, als er ermordet wurde – aber was mich in meiner damaligen Karriere am meisten beeindruckt hat, waren die Geschichten der US-Diplomaten in Saudi-Arabien.“ Hintergrund: Diese brauten wegen des strengen Alkoholverbots ihr Bier alle zu Hause. Aus einer für die damalige Zeit sehr ungewöhnlichen Idee wurde das Projekt seines Lebens: Hindy eröffnete mit Partnern die Brooklyn Brewery – heute nicht nur ein gastronomischer Fixpunkt, sondern auch ein wichtiger Wirtschaftsfaktor im New Yorker Stadtteil. „Als wir erstmals einen Barbetrieb eröffneten, waren wir froh, wenn 20 Leute auftauchten. Heute haben wir jedes Wochenende 3.000 bis 4.000 Besucher.“

Zu Kleinbrauereien hinfahren

Und in Österreich? „Die üblichen Lokale haben alle Kooperationen mit den großen Brauereikonzernen“, erklärt Misho Omar, ägyptischstämmiger Bierexperte und Inhaber des „Craft Beer Dive“ Ammutsøn in Wien-Mariahilf. „Aber wir können einfach zu den Kleinbrauereien hinfahren, die Fässer abholen, unsere Zapfanlagen sauber halten!“ Dieser Spirit ist es, der die Szene für Gäste und Konsumenten so sympathisch macht. In Lokalen wie dem Ammutsøn sind auch Produkte von Kleinstbrauereien erhältlich. 

Stiegl und Ottakringer kommen – auf den ersten Blick überraschend – im Film aber ebenso vor. Warum? „Beide befinden sich in Privatbesitz. Und beide machen viel für die ,Kleinen‘“, so Moser. So betreibt Stiegl am Gut Wildshut eine eigene Mälzerei, in der auch kleine Brauereien ihr Getreide mälzen können. Dieses Engagement wollte Moser im Film honorieren. Ebenso Ottakringer – wegen der Braukulturwochen. Hier schenken Jahr für Jahr kleine Brauereien während des knapp neunwöchigen Events ihre Biere aus. Beide Brauereien sehen die heimische Craft-Bier-Szene als Ergänzung, nicht als Gegner. In Zeiten größer werdender Konkurrenz auf dem Biermarkt keine erwartbare Selbstverständlichkeit.

Mosers Liebe zu belgischen Bieren findet im Film viel Platz. Man begleitet den Filmer zu traditionellen Brauereien, wie etwa Rodenbach in Belgien. Beeindruckend auch die Story des in die USA ausgewanderten belgischen Braumeisters Peter Bouckaert. Er sagt: „Für mich ist Bierbrauen eine Kunst. Es ist meine Art, mich auszudrücken. Malen kann ich nicht, also mache ich Bier!“ Bouckaert baute in den USA die New Belgium Brewery auf, anschließend gründete er seine eigene Micro-Brewery, in der er einmal wöchentlich seine ausgefallenen Kreationen ausschenkt. Das funktioniert und wird gut angenommen. 

Lassen sich aus seinen Recherchen und Erkenntnissen Trends für die heimische Gastronomie ablesen? Laut Moser gibt es derzeit zwei wichtige Stoßrichtungen in der Craft-Bier-Szene: einerseits Sauerbiere, wie etwa belgisches Lambic oder das zweifach vergorene Geuze, andererseits auch – Achtung! – stilechte, klassische, „normal“ gehopfte Lagerbiere. Der nächste große Renner in den USA seien zudem klassische deutsche Bierstile. Da bleibe abzuwarten, was die US-Brauereien daraus machen, sagt Moser. 

Autor/in:
Alexander Grübling
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