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Der Obmann der Wiener Gastronomen, Willy Turecek, und sein Herausforderer Peter Dobcak (rechts) im Wirtschaftsverlag.

Man sollte einfach wieder Wirt sein dürfen

18.12.2014

Im Vorfeld der Wirtschaftskammerwahlen bat die ÖGZ den Obmann der Fachgruppe Gastronomie der WKW, Willy Turecek (SWV), und seinen Herausforderer vom Wirtschaftsbund Peter Dobcak zum Streitgespräch. Eine Premiere.

Interview: Alexander Grübling (Fotos) und Thomas Askan Vierich

 

Meine Herren, wie stehen Sie zur Liberalisierung der Saisonzeiten bei den Schanigärten?
Turecek: Wenn mir das Café Landtmann gehören würde wie dem Herrn Querfeld, dann wäre ich auch für eine Liberalisierung, möglichst 24 Stunden rund ums Jahr. Vermutlich denken hundert weitere Wiener Gastronomen so.
Aber wir haben ungefähr 2.500 Schanigärten auf öffentlichem Grund. Und für 2.400 Schanigartenbetreiber ist das kein Thema.

Die wollen gar nicht länger offen haben?
T: Ich bin letztens im November über den Graben gelaufen, da gibt es ja große Schanigärten, alle üppig mit Heizstrahlern beheizt. Und drinnen saßen fünf Leute ...

 

Aber das kann man doch jedem Gastronomen selbst überlassen, ob er Heizstrahler bezahlen will oder nicht.
T: Nicht unbedingt, weil die Wienerinnen und Wiener auch ein Recht auf öffentlichen Raum haben. Ich bin ja nicht nur Interessenvertreter, sondern auch Wiener.
Auf der anderen Seite steht in der neuen Verordnung, dass man Schanigärten jetzt auch auf Parkplätzen errichten darf. Seitdem werden uns leider noch mehr Genehmigungen von den Bezirken abgelehnt, weil die Wiener an ihren Parkplätzen hängen. Es ist also sehr unrealistisch die Verlängerung der Schanisaison zu fordern.

Dobcak: Wir sollten generell von dieser Schwarz-Weiß-Verbotspolitik wegkommen. Wir sollten dem Gastronomen grundsätzlich die Möglichkeit eröffnen, Stühle und Tische vor die Tür zu stellen oder nicht. Wir könnten uns ruhig ein wenig an das südliche Dolce Vita anlehnen.

 

Aber was ist mit den Interessen der Anwohner, die froh sind, im Winter vom Lärm der Schanigärten vor der Haustür verschont zu bleiben?
D: Die Anrainerrechte in Wien bewegen sich eh schon auf einem irrationalen Niveau. Ich kann nicht verlangen, dass ich in einer internationalen Großstadt wohne, mit der Infrastruktur einer Großstadt, aber der Ruhe des hinteren Waldviertels. Es will ja jeder einen Schanigarten – nur nicht vor der eigenen Tür.

 

Würden Sie auch auf den Sonntag ausgedehnte Ladenöffungszeiten begrüßen? Aus Sicht der Gastronomen?
D: In Tourismuszonen selbstverständlich. Das Argument, die Leute sitzen am Sonntag eher im Gasthaus, weil sie nicht einkaufen können, leuchtet mir nicht ein. Einkaufen am Sonntag gehört zu einer internationalen Tourismusstadt.
T: Die Forderung nach verlängerten Ladenöffnungszeiten ist ein Werbeprojekt des neuen Obmanns des Wirtschaftsbundes Wien, den bis dahin niemand kannte. Natürlich soll ein großer Ruck durch die Stadt gehen, und da sucht man sich halt ein trendiges Thema. Seit die Samstagsöffnungszeiten verlängert wurden, ist der Umsatz in der Gastronomie am Samstag zurückgegangen, weil die Leute länger einkaufen und später einkehren. In Paris, München und Salzburg ist sonntags auch geschlossen.

 

Trotzdem wäre das doch eine Möglichkeit, die Innenstadt am Sonntag zu beleben, auch gastronomisch.
T: Die Leute kommen nicht nach Wien, um hier einzukaufen. Da punktet Wien auf ganz anderen Gebieten. Wenn sonntags geöffnet ist, gehen die Leute eher in den Supermarkt oder ins Möbelhaus, um dort ein Billigmenü für 3,99 Euro zu essen. Möbelhäuser wollen eine Küche verkaufen, mit dem Essen brauchen die nichts verdienen.
D: In Tourismuszonen gibt es keinen Ikea und keinen XXXLutz. Und die Touristen werden sich am Sonntag nicht beim Billa ein Mittagsmenü holen.

T: Aber die Wiener, Peter! DAS sind unsere Gäste.
D: Es gibt im ersten Bezirk acht Billa-Filialen und 800 Lokale. Und die haben Probleme, weil niemand sonntags in die Innenstadt kommt. Deswegen haben sonntags auch viele Lokale geschlossen. Geben wir ihnen doch die Möglichkeit, etwas zu verdienen.
T: Die würden das gar nicht nutzen, analog zum Handel. Der hätte jetzt schon die Möglichkeit, länger offen zu haben, teilweise bis 22 Uhr. Und macht es nicht, weil die Kosten-Nutzen-Rechnung für ihn nicht aufgeht. Das Gleiche gilt für die Gastronomie.
D: Weil die Bevölkerung das noch gar nicht kennt. Und es gibt genug Mitarbeiter, die gerne im Handel am Abend oder am Sonntag arbeiten würden. Das wird ja auch besser bezahlt. Müssen wir die gesetzlich bevormunden?

Hat die Wirtschaftskammer beim Thema Allergenverordnung genügend getan? Hätte man ein besseres Ergebnis erzielen können?
T: Ich hatte von Anfang an den Verdacht, dass dahinter Interessen der Lebensmittelindustrie und der Landwirtschaft stecken. Aber das EU-Parlament hat es 2011 in seiner großen Weisheit so beschlossen, und die Länder hatten genügend Zeit, das umzusetzen. Wir sind damit spät dran. Noch am 7. Oktober dieses Jahres ist die letzte Verlautbarung dazu herausgekommen.

 

Hätte die Wirtschaftskammer das nicht beschleunigen können?

T: Nein. Wenn Sie wissen, wer im Gesundheitsministerium dafür zuständig war ...
D: Aber beim Tabakgesetz hast du dich noch gebrüstet, dass du persönlich beim Stöger vorgesprochen hast. Und jetzt hältst du dich vornehm zurück?
T: Ich könnte es mir ja leicht machen und sagen: Was geht das einen kleinen Wiener Gastronomenvertreter an? Aber ich war dabei, als die zuständige Abteilungsleiterin beim Fachverband vorbeischaute, wo Vertreter von 47.000 Gastronomiebetrieben zusammengekommen waren. Dort wurden ihr von uns sehr pointiert Fragen gestellt. Ihre Antwort war: Ich habe nur eine Stunde Zeit ... Was willst du da machen, wenn du mit solchen Leuten zu tun hast? Und die haben ja dann sogar noch die Süßstoffe draufgepackt. Das war schon schlimm.
Ich bin dann noch zum Sektionschef im Gesundheitsministerium gegangen, weil ich den kenne. Der ist aus allen Wolken gefallen. Da haben wir dann die Zeltfeste und die angedrohten Strafen von 50.000 Euro besprochen. Unser Fachverbandsobmann Helmut Hinterleitner und Dr. Thomas Wolf haben dann auch noch versucht zu retten, was zu retten war.
Mein Zugang zu der Verordnung, wie sie jetzt nun mal auf dem Tisch liegt, ist: Bitte sich nicht auf mündliche Auskünfte verlassen, das könnte gefährlich werden! Bitte schreibt alles in die Karte mit den Buchstaben und einer Legende hinten in der Karte. Und dokumentiert die Zutatenlisten entweder in Karteikarten oder über unseren Onlinezugang, den wir unseren Mitgliedern kostenlos zur Verfügung stellen. Mit etwas gutem Willen werden wir das schon schaffen. Schulungen bieten wir auch an.
D: Man hätte schon mehr Druck machen können. Dass da früher drüber gesprochen wird. Und nicht nur eine Stunde. Ich halte das für einen wirklichen Skandal, das ist aber auch typisch für das Gesundheitsministerium. Und ich halte die Möglichkeit einer mündlichen Auskunft schon für wichtig, auch weil das uns sehr viel Geld spart. Wir haben ja nicht Angst vor den echten Allergikern, sondern vor den eingebildeten Allergikern und den Allergiesheriffs, die bald durch unsere Lokale ziehen werden.

 

Wie kann man generell den bürokratischen Aufwand für Ihre Kollegen reduzieren? Was können Sie als Interessenvertreter hier tun?
D: Es ist Zeit, dass wir uns besser zusammenschließen und gegenüber den Behörden Druck machen. Viele ­Bestimmungen gehen ja schon ins Hypothetische. Es kann nicht sein, dass ich eine neue Musikanlage genehmigen lasse, und dann kommen die, und heraus kommt eine neue Belüftungsanlage und neue Türen, die ich mir schlicht nicht leisten kann. Deswegen tun sich auch viele Gastronomen mit einer Renovierung ihres Betriebes schwer, weil sie sich vor den Behördenauflagen fürchten. Es sollte so sein, dass die Behörde nur das prüft, was ich beantragt habe. Außer es besteht Gefahr für Leib und Leben. Alle Beratungsgespräche im Vorfeld haben überhaupt keine Konsequenzen. Die Behörde agiert nach eigenem Gutdünken, und jeder Beamte verlangt was anderes. Der Gastronom ist den Prüfern hilflos ausgeliefert.

 

Herr Turecek, Sie sind jetzt seit zwanzig Jahren als Obmann tätig. Hätten Sie an diesem System nicht etwas ändern können, ja müssen?
T: Es ist, wie Peter Dobcak sagt, keine Frage der Politik, sondern der jeweiligen Beamten. Der Beamte interpretiert die Verordnungen und Gesetze.
D: Aber man kann schon die Kirche im Dorf lassen. Man könnte das schon beschränken. Der Spielraum für den Beamten ist viel zu groß. Auf der anderen Seite muss sich der Prüfer davor fürchten, dass irgendjemand klagt und fragt: Haben Sie das übersehen? Ein Teufelskreislauf!

 

Gibt es niemanden in der Politik, der das ändern kann oder will?
T: Die Opposition. Die hat immer leicht reden. Die muss ja nichts entscheiden.
D: Deshalb bin ich froh, dass wir in der Kammer wählen können. Dass unsere Mitglieder beurteilen können, wer etwas ändert und wer nicht.

 

Aber könnten Sie als Obmann denn etwas an diesen Rahmenbedingungen ändern, Herr Dobcak?
D: Wir werden daran sehr hart arbeiten. Wir müssen daran etwas ändern, so kann es nicht weitergehen.
T: Ich fürchte, dafür wird sein Einfluss nicht reichen. Peter Dobcak vertritt eine Partei, die auf 12,5 Prozent in dieser Stadt kommt. Und in der neuen Führung des Wirtschaftsbundes Wien hat er auch nicht viel zu sagen. Dort ist der Obmann FG Wien der Kaffeehäuser Berndt Querfeld. Peter Dobcak wird sehr fleißig im Hamsterrad laufen.
D: Es ist noch nicht aller Tage Abend ... Aber ich frage mich schon, warum Willy Turecek, der einer Partei angehört, die diese Stadt seit hundert Jahren regiert, nicht mehr weitergebracht hat. Warum sich die Gastronomen so allein gelassen fühlen.

 

Wie sieht es mit der Barrierefreiheit aus? Auf was müssen sich die Gastronomen da einstellen?
D: Da läuft die Übergangsfrist demnächst aus. Das wird uns vor weitere Probleme stellen. Eine Zumutbarkeitskommission wird prüfen, ob man einen behindertgerechten Zugang bauen muss oder nicht.
T: In Deutschland ist die Verordnung schon in Kraft. Das ist eine Herausforderung für uns alle. Der Zug fährt leider in Richtung genereller Barrierefreiheit.

 

Was können Sie da im Vorfeld tun? Also jetzt? Nach den Erfahrungen mit dem Rauchergesetz und der Allergenverordnung?
T: Beim Rauchergesetz und der Allergenverordnung ging und geht es auch um eine Einstellung, um Emotionen. Bei der Barrierefreiheit geht’s ums Geld. Rechnet sich eine Rampe für den Rollstuhlfahrer, oder rechnet sie sich nicht?

 

Und wenn sie sich nicht rechnet, muss der Gastronom zusperren?
D: Ja. Er muss diese Rampe bauen, wenn ihm die Behörde das vorschreibt. Auch wenn er sie sich nicht leisten kann und will.
T: Schau ma mal ...
D: Schau ma mal ist zu wenig!
T: Wir stehen im ständigen Kontakt mit den zuständigen Ministerien und Behörden. Unser Plan ist, dass der
Gastronom sagen kann: Sorry, lieber Rollstuhlfahrer, ich würde dich gerne in meinem Lokal begrüßen, aber ich kann es mir schlicht nicht leisten. Aber ich fürchte, das wird Wunschdenken bleiben.
D: Wir sind langsam so weit, dass wir uns bestimmte Dinge einfach nicht mehr gefallen lassen dürfen! Wie die Novomatic, die im Zusammenhang mit dem Kleinen Glücksspiel einfach sagt, sie denkt gar nicht daran, auch nur einen Automaten in Lokalen abzubauen. Es gibt gültige Konzessionen und die stehen. Das finde ich richtig, auch als Interessenvertreter. Wir haben genug kleine Beisln, die von diesen Automaten leben.
T: Es ist immer die Frage: Kann ich was verlangen, habe ich etwas zu entscheiden? Peter Dobcak kann viel verlangen. Auch ich halte das neue Gesetz zum Glücksspiel für Schwachsinn. Wer sein Geld verspielen will, kann das heute auch online zu Hause tun. In der Frage des Kleinen Glücksspiels hat sich Wien vom Bund über den Tisch ziehen lassen. Wien hat 54 Millionen im Jahr für die Automatenabgabe eingenommen. Bei den neuen Automaten möchte der Bund kassieren, in den genehmigten Automatenhallen. Den Wirten wird unterstellt, dass sie den Jugendschutz nicht kontrollieren. Die Novomatic spielt hier ein doppeltes Spiel, die betreibt ja auch die Automatenhallen. Hier kann die Kammer eher wenig ausrichten. Wir haben in Österreich etwa vier Millionen Unselbstständige und rund 400.000 Selbstständige. Auf wen hört die Politik wohl mehr?
D: Die vier Millionen werden irgendwann auch darauf kommen, wer ihnen das Einkommen sichert ...

 

Nachdem wir über alle möglichen Zumutungen für den Gastronomen gesprochen haben: Würden Sie überhaupt noch jemandem raten, ein Lokal aufzusperren?
T: Ich hab ja nichts anderes gelernt ... Als ich angefangen habe, musstest du nur ein großes Herz haben und aufsperren, und die Leute sind gekommen. Das hat sich völlig verändert. Heute brauchst du eine Idee! Eine Kaffeemaschine, eine Zapfanlage, Tische und Stühle reichen nicht mehr. Du musst heute innovativ sein. Von den 8.000 gastronomischen Betrieben in Wien geht es 1.000 sehr gut. Dann gibt es noch rund 2.000, denen geht es passabel. Und danach geht es steil bergab. Viele von denen, die heute ein Lokal eröffnen, schauen sich nur die oberen 1.000 an. Nicht die, die jede Woche 70 Stunden im eigenen Lokal stehen und trotzdem kaum über die Runden kommen. Das sind oft sehr traditionelle Lokale. Deren Konzept hat sich vermutlich überlebt. Leider. Nur die Guten werden überleben. Der Gastronom sollte sich wieder auf sein Wirtsgeschäft konzentrieren können. Das wird ihm aber durch immer mehr bürokratische Auflagen sehr erschwert. Viele Kollegen sind schlicht überfordert.
D: Ich sehe das ganz ähnlich. Nur muss ich auch feststellen, dass ein Großteil der Belastungen für die Gastronomen aus der Stadt Wien kommen. Ich komme aus dem Tourismus, bin in einem Hotel groß geworden. Der Tourismus hat mir auch die Gelegenheit gegeben, im Ausland Erfahrungen zu sammeln und neue Ideen kennenzulernen. Dinge, die anderswo selbstverständlich sind, nur nicht bei uns. Ich habe gelernt: Es geht auch anders!

Autor/in:
Redaktion.OEGZ
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