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Meet Food im Gailtal

05.09.2018

Seit 2017 bietet die Region Nassfeld-Pressegger See – Lesachtal – Weissensee genussaffinen Urlaubern ein ganz besonderes Erlebnis: Slow Food vom Produzenten bis auf den Tisch. Und hat damit ein touristisches Instrument geschaffen, um die drohende Abwanderung zu stoppen.

 

Die Idee hatte Barbara van Melle, die Obfrau von Slow Food Wien: Lässt sich Slow Food mit Reisen verbinden? Lässt sich aus dem Angebot „langsam“ und nachhaltig produzierter regionaler Lebensmittel ein touristisches Angebot schnüren? So etwas gab es weltweit noch nicht. Van Melle präsentierte ihre Idee in Kärnten, der Steiermark und im Lungau. Kärnten schlug zu, Tourismuschef Christian Kresse erkannte das Potenzial, auch das Agrarreferat und das Tourismusreferat des Landes stiegen mit ein. 2015 erstellte man ein Handbuch, um zu evaluieren. Der Projektleiter der ARGE Slow Food Travel Alpe Adria Eckart Mandler skizziert die Aufgabenstellung: „Wie können wir Besucher an der landwirtschaftlichen Produktion teilhaben lassen? Können unsere Produzenten das vermitteln? Kann man daraus buchbare Produkte kreieren?“ 

Slow Food Travel

Man konnte. Aber der Weg war nicht einfach. Oft fehlt(e) die Verknüpfung der Produzenten zu einem touristischen Netzwerk. Viele Bauern wussten nicht, was die anderen machten. Viele Einheimische konnten mit dem Begriff Slow Food nichts anfangen.

Aber dann ergab eines das andere: „Unsere Bergbauern müssen ohnehin slow wirtschaften“, erklärt Mandler. „Große Maschinen haben am Berg keinen Platz. Hier zu leben, ist schwieriger, als hier Urlaub zu machen.“ Diese Welt übt allerdings eine Faszination aus – besonders auf Menschen aus dem urbanen Raum. Man muss sie ihnen nur zeigen und erklären. „Meet Food“ nennt man diese neue Sehnsucht – und das Konzept, um diese Sehnsucht zu stillen.

In Kärnten wird sie gestillt. Seit 2017 gibt es 24 buchbare „Erlebnisbausteine“, die bereits im ersten Jahr 250 kostenpflichtige (25–75 Euro/Person) Buchungen mit insgesamt 350 Teilnehmern generierten. Klingt nach wenig. „Aber das reicht uns“, sagt Mandler. Das Medienecho war groß, der Marketingeffekt für die Region im Gailtal und Lesachtal immens. „Wir sind ein Nischenprodukt, und das wollen wir auch bleiben.“ Ganz wichtig: „Die Wertschöpfung beleibt zu hundert Prozent hier“, sagt Mandler. Im Oktober wird eine viertägige Slow-Food-Reise unter dem Titel „Zu den Wurzeln des guten Geschmacks“ angeboten – in Kooperation mit Ö1.

Alle begeistert

Und egal, wo wir auf unserer mehrtägigen Slow Food-Reise (auf Einladung des örtlichen Toursimusverbandes) hinkamen, überall waren die anfangs skeptischen Produzenten begeistert. Früher hatte man sich bei seinen Gästen entschuldigt, wenn man ihnen Selbstproduziertes anbot. Heute ist es umgekehrt. Es ist geradezu zu einer Schubumkehr in dieser wirtschaftlich wenig verwöhnten Region gekommen: Slow Food-Bäcker Thomas Matitz in Kötschach konnte eine zusätzliche Vollzeitkraft anstellen. Bauer und Privatzimmervermieter Sepp Brandstätter ebenfalls und dank Slow Food auch seine Nachfolge regeln: Im Jänner übernimmt der Sohn, der eigentlich abwanderungswillig war. Das Gleiche gilt für den Sohn des Biokäsers Herbert Zankl, der bleibt jetzt auch zu Hause. Herwig Ertl konnte aus einer darbenden Dorfgreißlerei eine „Edelgreißlerei“ mit vielen regionalen (aber auch ausgesuchten überregionalen) Produkten machen und bietet hier Verkostungen höchst ungewöhnlicher Dinge an: neben den regionalen Platzhirschen, dem herkunftsgeschützten Gailtaler Käse und Speck, auch das von Slow Food geschützte Lesachtaler Kornbrot, ein Natursauerteigbrot, das ausschließlich aus Getreide aus dem Tal hergestellt wird. Dazu gibt es noch Preiselbeer-Direktsaft, ein Knochenmark-Extrakt bis zu Kärntner Rotwein. Ertls Philosophie lautet: „Hinter jedem Produkt steht ein wertvoller Mensch.“ Und er erzählt gerne von diesen Produkten und Menschen.

Traditionen erhalten

Ertl hat auch den weißen Landmais von Sepp Brandstätter im Angebot. Eine ganz besondere regionale Sorte, die fast ausgestorben wäre. Hätte sich ihrer nicht der Brandstätter Sepp angenommen. Das geschah bereits vor Jahrzehnten und ist ganz nebenbei ein Beispiel dafür, dass man Slow Food in diesem Teil Kärntens nicht erfinden musste. Es mangelte lange lediglich an der Vermarktung. 2004 holte Brandstätter einen internationalen Agrarpreis für innovative Landwirtschaft. „Und der kleine Sepp hat der Welt erklärt, wie es auch geht“, erinnert sich Brandstätter. Mit alten Sorten, intensiver, aber schonender Landwirtschaft. „Schaut’s in eurem kleinen Österreich auf eure Natur“, hat er gepredigt. „In der großen Welt der Agrar­industrie könnt ihr sowieso nicht mitspielen.“ 

Also sammelt er das Saatgut seines weißen Mais händisch ein, denn kaufen kann er es nirgendwo, und vermahlt den Mais vor Ort zu Mehl – wo­raus er wieder Polenta kocht. Er baut auf seinen zehn Hektar im Fruchtwechsel ein Drittel Mais an, der Rest ist Viehfutter. Denn er hat noch zehn Mutterkühe, deren Kälber er verkauft. Dazu zehn Gästebetten und den Direktvertrieb seines Mais: So hat er ein Auskommen gefunden. Und mit dieser Mischwirtschaft viele andere im Tal. Seit es die Slow Food Travel-Region gibt, umso mehr. „Wir haben komplett umgedacht, das funktioniert, und das wollen die Leute sehen“, sagt Brandstätter. „20 Jahre lang hat es unter der FPÖ-Regierung ‚Brot und Spiele‘ gegeben, da hat sich niemand für uns interessiert. Jetzt sind wir wieder in den Fokus geraten.“ 

Wirtschaftliche Rettung

Hotelier und Speckproduzent Johann Steinwender hat Slow Food auch sehr geholfen. Er betreibt in zweiter Generation das Schlössl Lerchenhof und setzt voll auf Nachhaltigkeit – mit eigenen Produkten und eigener Energieerzeugung. Doch das hat sich lange nicht gerechnet. 2004 wollte er schon hinschmeißen. Als er sein Hotel als 1. Cabriohotel im Alpe-Adria-Raum positionierte, lief es besser. Aber mit dem Einsatz von Convenienceprodukten wäre er noch besser gefahren. Jetzt hat der Sohn die Küche übernommen – weil er hinter der Slow Food-Philosophie steht. 

„Slow Food ist das Beste, was uns passieren konnte“, sagt Steinwender. „Wir haben eine Geschichte, die wir der Welt erzählen können.“ Er führt uns in den Schweinestall, wo seine Tiere artgerecht gehalten werden. Er zeigt uns seine Selch, wo Speckschwarten hängen, aus denen der echte Gailtaler Speck wird. Und er tischt uns in seinem wundervollen Garten eben diesen Speck und den Käse benachbarter Käsereien auf. Im Idealfall hätten wir ein Zimmer in seinem schlossartigen Traditionshaus gebucht, in dem die Einrichtung teilweise über 100 Jahre alt ist. 

So fühlt sich der neue Tourismus in Kärnten an. Luxemburg, Slowenien und Finnland wollen jetzt auch Slow Food Travel-Regionen etablieren. In Kärnten möchte man das Konzept auf das ganze Land ausdehnen. Nicht nur als touristisches Projekt. Mit Slow Food Village arbeitet man bereits an einem neuen Leitprojekt, das sich mit regionalen Lebensmitteln und dem Vertrieb ebendieser vor Ort beschäftigt – auch und vor allem für die Einheimischen.

www.slowfood.travel

www.nlw.at

www.lerchenhof.at

www.herwig-ertl.at

www.landmais.com

 

Autor/in:
Thomas Askan Vierich
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