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Mehr Betten zur falschen Zeit

24.09.2009

Dr. Martin Schick, der Wiener Fachgruppenobmann Hotellerie, spricht im ÖGZ-Interview über die Hotelsituation in der Bundeshauptstadt nach dem ersten Wirtschaftskrisenjahr

Hotellerie-Obmann Dr. Martin Schick warnt vor zu hartem Preiskampf

ÖGZ: Herr Dr. Schick, Wie geht es der Wiener Hotellerie nach dem ersten Krisenjahr?
Dr. Martin Schick: Die Zahlen sind ja bekannt. Wir haben rund sieben Prozent weniger Nächtigungen und ein durchschnittliches Zimmerpreisminus von 10 bis 15 Prozent, was ein tatsächliches Umsatzminus von etwa 20 Prozent ausmacht. Das heißt: Es ist für den einzelnen Betrieb schwierig. Hinzu kommt nämlich auch noch, dass es immer mehr Betriebe gibt.

ÖGZ: Stichwort: Neue Betriebe. Werden alle geplanten Hotels jetzt auch wirklich gebaut?
Schick: Soviel ich weiß, werden alle Betriebe, die früher in der „Pipeline“ waren, weitergebaut. Es ist möglich, dass manche geplante Hotels nicht in Angriff genommen werden. Tatsache ist jedoch, dass wir zwischen 2006 und 2010 um 24 Prozent mehr Betten bekommen haben beziehungsweise bekommen werden. Und die 2010er-Projekte werden sicherlich noch gebaut, da stehen ja zumeist die Kräne schon.

ÖGZ: Braucht Wien dieses Mehr an Betten überhaupt?
Schick: In den vergangenen Topjahren mit Steigerungen von fünf, sechs, sieben Prozent hat es natürlich einen Sinn dafür gegeben. Jetzt sehe ich es mittelfristig jedoch negativ, da wir in einer Phase der Nächtigungsrückgänge sind. Es gehen die Preise zurück, und zusätzlich sperren neue Betriebe auf. Das wird die nächsten zwei, drei Jahre verschärfen. Ich bin aber davon überzeugt, dass wir dann schon wieder in eine Phase des starken Wachstums kommen werden, weil Wien im Prinzip stark aufgestellt ist. Von der Stadt her, vom Marketing her, von den Betrieben, der wirschaflichen Lage sehe ich es durchwegs wieder positiv. Es ist natürlich in den nächsten zwei, drei Jahren nicht sinnvoll, dass wir mehr Hotels haben.

ÖGZ: Hat sich durch die Krise am Buchungsverhalten etwas geändert? Werden vermehrt billige Hotels gebucht?
Schick: Der Preis ist ganz stark unter Druck gekommen. Einerseits deshalb, weil die Nachfrage nachgelassen hat, andererseits suchen die Gäste immer günstigere Unterkünfte – alle sparen. So gesehen ist es eine große Chance für die Gäste, sehr gute Hotels zu relativ günstige Preisen zu bekommen. Und das, obwohl sich in den letzten Jahren die Qualität in Wien erhöht hat.

ÖGZ: Haben Hotels der niederen Kategorien in Zukunft mehr Chancen?
Schick: Ich glaube sehr wohl, dass qualitativ gute 1- und 2-Sterne-Hotels sehr gute Chancen haben. Wir müssen aber dennoch bedenken, dass wir die meisten Hotels in der 4-Sterne-Kategorie haben, nämlich über 50 Prozent. Nehmen wir die 5-Sterne-Hotels dazu sind wir bei über 70 Prozent. In diesen beiden Kategorien ist daher das Match am härtesten.

ÖGZ: Kommt ein Revival der kleinen Hotels und Privatbetriebe?
Schick: Das würde ich durchwegs so sehen. Gerade durch die Vermarktungsmöglichkeit im Internet haben diese Betriebe absolut eine Chance. Früher war es sehr schwierig, einen kleinen Betrieb zu vermarkten, durch das Internet kann man jedoch präsent sein.

ÖGZ: Ist das Angebot groß genug?
Schick: Ich glaube schon. Wir haben zwar keine großen 1- und 2-Sterne-Betriebe wie in anderen Ländern, wir haben aber eine große Menge an kleinen und kleinsten Unternehmen, Pensionen und Privatzimmervermietern am Markt, von denen auch viele sehr gut sind. Große Betriebe könnten sich in Wien aufgrund der Immobilienpreise, die sehr hoch sind, eigentlich nur an die Randlage der Stadt stellen. Und da ist es halt attraktiver, in einer kleinen Pension in Zentrumsnähe zu wohnen.

ÖGZ: Wo steht Wien im internationalen Vergleich?
Schick: Wien geht es ähnlich allen anderen europäischen Städten. Alle haben Rückgänge. Man liegt zwischen minus 10 und minus 30 Prozent. Wien liegt mit minus 20 etwa in der Mitte.

ÖGZ: Ihre Prognose für das kommende Jahr?
Schick: Ich glaube, dass es in Summe für Wien wieder aufwärts gehen wird. Wir werden besser als 2009 abschneiden. Ob wir das Rekordjahr 2008 mit über einer Million Nächtigungen schon erreichen, bezweifle ich. Das ist eher für 2011 realistisch. Für die einzelnen Betriebe wird es nicht so einfach sein, da ja mehr Mitbewerber am Markt sind. Hier sehe ich es dann aber auch 2011, 2012 positiv, da einige Projekte, die 2012 bis 2014 gekommen wären, wahrscheinlich nicht realisiert werden.

ÖGZ: Wie soll der Hotelier der Krise begegnen?
Schick: Es ist sehr gefährlich mit den Preisen all zu sehr zu agieren. Man kann sich davon zwar nicht ganz entziehen. Wenn in den Systemen die Preise hinuntergehen, wird man in einem gewissen Bereich mitspielen. Man muss nur aufpassen, dass man den normalen Kunden nicht so weit verärgert, dass er nicht mehr zu dem Vertragspreis bucht. Man soll solche Dinge nur sehr kurzfristig und mit gewissen Angebotseinschränkungen machen. Der Preis ist nämlich in zwei Minuten ruiniert und man braucht dann zehn Jahre, um ihn annähernd wieder zu erreichen.

Autor/in:
Redaktion.OEGZ
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