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In der Vorbereitungsküche für den Hauptevent ging wirklich die Post ab. Und das alles als Pop-up in einem Stadel.

Die österreichische Küche wird krass unterschätzt

22.08.2017

Das schräge internationale Spitzenköchetreffen Gelinaz! fand zum ersten Mal in Österreich statt. Tenor der Teilnehmer: Österreich wird aber so was von unterschätzt. Geht raus und kommuniziert, was ihr kulinarisch zu bieten habt!

Konstantin Filippou, Magnus Nielsson und Manu Buffara beim Zerteilen des Rehbocks.
Gelinaz! auf einen Blick

15 internationale Chefs, darunter zehn weibliche. Acht Köche aus Österreich. Die Chefs arbeiteten in sieben Teams an jeweils einem Amuse und einem Gang. Die drei Kochthemen Rehbock, Gulasch und Reinanke wurden den Teams zugelost. 20 Gourmet-Journalisten aus vier Kontinenten, Video-Teams, Fotografen. Kunstprojekt mit acht Künstlern. Programm: (MI) Ankunft in Wien, Dinner im Steirereck, (DO) Besuch Domäne Wachau, Dinner im Mühltalhof, (FR & SA) Vorbereitungen der Küchenteams, (SA) Presse-Lunch im Restaurant Bootshaus, (SO) Öffentliche Events für 140 Personen: sieben Amuses Gueules an sieben Koch-Stationen, sieben Gänge gesetzt, in einem Stadel. Ein Rückblick findet sich auf gelinaz.com

Was hat May Chow, „Best female Chef in Asia“, die in Hongkong kocht, bewogen, zum Gelinaz! nach Oberösterreich zu kommen und ihr Restaurant gleich für sieben Tage zu verlassen? „Ein Gelinaz ist einfach cool. Du knüpfst neue Kontakte, arbeitest mit tollen Kollegen, die du sonst nie triffst, es ist wie eine große Familie!“, sagt sie. Und sie war neugierig auf die österreichische Küche. Was sie beim Gelinaz! an Neuinterpretationen der österreichischen Küche serviert bekommen hat, hat sie so überzeugt, dass sie sagt: Wenn Österreich gezielt einflussreiche Foodies aus Hongkong einladen wolle, dann würde sie jederzeit behilflich sein! „Die sollten sehen, was hier los ist!“

Auch Laura Centrella, belgische Foodjournalistin italienischer Herkunft, hatte auf dem Gelinaz! ihre Aha-Erlebnisse: „Manches erinnert mich an Italien. Die Gastronomie wird von familiengeführten Betrieben dominiert. Die Gerichte sind eigenständig und natürlich, trotzdem raffiniert. Es wird nichts am Teller konstruiert, um eine fehlende Tradition zu übertünchen. Für mich hat Österreich im internationalen Vergleich eine eigenständige geschmackliche Identität!“

Andrea Petrini, der Mastermind des Gelinaz!, kam vor drei Jahren erstmals für ein paar Tage nach Österreich, um sich ein Bild von der österreichischen Top-Gastronomie zu machen. „Bis auf das Steirereck kannte ich damals kein Restaurant. Ich war wirklich überrascht, auf welch hohem Niveau hier in zahlreichen Restaurants gekocht wird.“ Generell führe er seine Köche gerne auf neues Terrain. Auch deswegen sehe er das Mühlviertel als ideale Location für einen Gelinaz. 

Wie geht’s weiter?

Tenor der internationalen Gäste: Österreich stellt sich auf der internatio-nalen Ebene als kulinarische Destination noch zu wenig in die Auslage. Da können wir uns von den Skandinaviern und Spaniern noch einiges abschauen. Wird der Gelinaz! hier eine Wende einleiten? Andreas Winkelhofer, der als Geschäftsführer des Oberösterreich Tourismus die Kräfte des Landes für die Umsetzung des Festivals gebündelt hat, nimmt diese Steilvorlage dankbar an: „Wir wollen künftig unser Genussprofil schärfen und der Kulinarik in der strategischen Ausrichtung einen stärkeren Stellenwert einräumen. Gelinaz! mit seiner nationalen und internationalen Strahlkraft ist eine starke Lokomotive und passt ideal in diese Strategie. Was mich daran am meisten begeistert hat, ist, dass einige der besten Köchinnen und Köche der Welt mit oberösterreichischen Produkten kochen und regionale Rezepte interpretieren. Das ist eine Bestätigung für die Qualität unserer kulinarischen Kultur. Wir hatten zudem über mehrere Tage zwanzig internationale Gourmet-Journalisten zu Gast, denen wir die Regionen Salzkammergut, Linz und das Mühlviertel näherbringen konnten. Aufgrund der extrem hohen Reichweiten der Medien und Blogger und vor allem auch der Köche selbst, sehen wir schon jetzt in den Social-Media-Kanälen eine unglaubliche Resonanz.“ Weit über 500 Posts auf Facebook und Instagram wurden während des Events gezählt. Diese Zahl wird wohl noch zulegen. 

David Chang (Restaurant Momofuko, New York) hat 700.000 Follower auf Instagram. Sein Foto von einem Spanferkel am Grill beim geselligen Abendessen am Freitag wurde in wenigen Stunden 180.000-mal gesehen und 30.000-mal „geliked“. Hervorragend geschmeckt hat es ihm noch dazu.

Wild und Süßwasserfisch

David Prior, Journalist der amerikanischen Ausgabe des Hochglanzreisemagazins „Conde Nast Traveller“, hat weniger Follower, aber vermutlich mehr Leser als David Chang. Er nimmt den Gelinaz! zum Anlass, ein kulinarisches Österreich-Porträt in der Oktober-Ausgabe zu bringen. „Ich war schon vor einem Jahr in Österreich und konnte beim Gelinaz! meinen Eindruck vertiefen. Österreich hat jetzt einen Platz in meiner Mindmap! Ich finde die Gerichte mit Wild und Süßwasserfischen unheimlich spannend. Auch die starke Fokussierung auf besondere Gemüsesorten gefällt mir sehr gut. Mit solchen Signature-Produkten kann Österreich Themen besetzen und sich damit profilieren. Wir haben bei unserem Mittagessen bei Lukas Nagl im Restaurant Bootshaus am Traunsee tolle Gerichte kennengelernt, die perfekt zur Landschaft und zur Natur gepasst haben!“

Diese äußerst positive internationale Resonanz wird auch Landwirtschaftsminister Andrä Rupprechter freuen, der den Gelinaz! unterstützt hat und sich überdies ein ehrgeiziges Ziel gesetzt hat: „Das von mir initiierte Netzwerk Kulinarik soll Österreich auf den Weg an die kulinarische Weltspitze bringen! Der Gelinaz! war eine wunderbare Chance, die Qualität der heimischen Landwirtschaft und die Leistungen unserer Top-Köche im Dialog mit internationalen Chefs zu erleben.“ In Zusammenarbeit mit den kulinarischen Initiativen der Bundesländer wird das Netzwerk Kulinarik künftig das Wissen um Österreichs exzellente Kulinarik international publik machen, die Weiterentwicklung der landwirtschaftlichen Rohstoffe und Verarbeitungsprodukte unterstützen und generell Landwirtschaft, Gastronomie und Tourismus vernetzen. 

Die Strategie für den Weg an die Weltspitze soll noch 2017 vorgestellt werden. Die Chancen stehen also gut, dass Österreich seine Positionierung als kulinarische Destination im nächsten Jahr mit breiter Brust startet!

Text: Klaus Buttenhauser

 

Mehr zum Gelinaz!-Festival in Oberösterreich: www.gast.at/gast/gelinaz-did-upper-austria-151107

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