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Meistergastrosophen braucht das Land

22.07.2010

Erstmalig im deutschen Sprachraum widmet sich eine universitäre Einrichtung in Salzburg wissenschaftlich der „Gastrosophie"

Gleichgesinnte, wenn es um Ernährung und Ethik geht: Prof. Lothar Kolmer, Leiter des Interdisziplinären Zentrums für Gastrosophie in Salzburg, und ...

ÖGZ: Herr Prof. Kolmer, unter Ihrer Leitung nimmt das „Interdisziplinäre Zentrum für Gastrosophie" an der Universität Salzburg seine Forschungsarbeit auf. Was kann man sich darunter vorstellen?

o. Univ.-Prof. Dr. Lothar Kolmer: Das Lexikon beschreibt Gastrosophie als Lehre von der Weisheit des Essens bzw. das Wissen um richtige Ernährung. Uns ist dabei besonders wichtig, das Thema in alle Richtungen und unter Berücksichtigung wissenschaftlicher Parameter vor allem hinsichtlich Geschichte, Kultur und Philosophie zu diskutieren. Professoren, Mitarbeiter und Studierende werden sich in diesem neuen Zentrum daher intensiv den gesellschaftspolitischen Aspekten rund um den Themenkomplex „Ernährung und Kultur" widmen. Dazu zählen etwa die gesellschaftspolitisch und kulturgeschichtlich relevanten Faktoren der Ernährungskultur von der Antike weg bis heute und die Entwicklung der ‚nationalen‘ Küchen interessieren uns genauso wie die philosophische Frage, was denn nun ein gutes Leben ausmacht oder was man sich unter ‚Genuss‘ vorstellen kann. Aber auch Themen wie die Entwicklung der Tischkulturen und -manieren, Essensgewohnheiten und -vorlieben werden in diesem Zusammenhang analysiert.

 

... Marcus Winkler, Chef von Wiberg, der mit großem Engagement hinter dem außergewöhnlichen Forschungs- und Ausbildungsprojekt steht

ÖGZ: Stichwort Studierende. Seit einem Jahr gibt es auch einen eigenen Lehrgang?

Kolmer: Ja, den Universitätslehrgang „Gastrosophische Wissenschaften". Er dauert fünf Semester, ist für 15 bis 25 Studenten ausgelegt, kann berufsbegleitend absolviert werden und schließt mit dem „Master in Gastrosophy" ab. Wie die Bezeichnung schon sagt, ist der Lehrgang interdisziplinär konzipiert. Das inhaltliche Spektrum reicht von Ernährung und Gesundheit über Lebensmitteltechnologie bis hin zu Marketing und Food Design. Eine gewichtige Rolle spielen Kochbücher aus allen Epochen. Und eine ganz besondere Rolle kommt der Ethik zu. Wir wollen dabei stets einen interessanten Bogen zwischen Theorie und Praxis schlagen.

 

ÖGZ: Herr Winkler, Sie sind Vorsitzender des „Forum Gastrosophie" und haben das Projekt mit begründet. Mit welchen Überlegungen?

Winkler: Prof. Kolmer und ich haben uns vor fünf Jahren kennengelernt und haben seitdem viele Ideen gewälzt, wie man ausgehend vom Ernährungsverhalten der Menschen eine Einrichtung wie das Zentrum für Gastrosophie gestalten könnte. Der wissenschaftliche Zugang kommt von einer histroischen Seite, aber auch von der Soziologie. Dahinter steht aber letztlich die Frage: Was ist gut für den Menschen? Und in diesem Zusammenhang auch „Was ist gutes Essen?". Überlegungen und Forschungen in dieser Hinsicht sind natürlich auch für ein Unternehmen wie Wiberg interessant. Ähnlich ist der Zugang weiterer Partner – darunter auch das Land Salzburg –, die sich dem Förderverein „Forum Gastrosophie" angeschlossen haben. Dieser stellt als finanzieller Träger die nötigen Mittel für das Zentrum zur Verfügung. Allen gemeinsam ist das ausgeprägte Qualitätsverständnis im Zusammenhang mit Lebenmitteln. Der Verein steht natürlich auch noch für weitere gleichgesinnte Interessen offen.

 

ÖGZ: Das Zentrum wird also ausbilden und forschen. Was sind denn da konkrete Themenfelder?

Kolmer: Unser erster großer Schwerpunkt ist der Komplex von Regionalität, Identität und Ernährung. Dazu wird es im Herbst auch einen Kongress geben. Zu diesem Thema ist es uns auch gelungen, ein EU-gefördertes Interreg-Projekt zu realisieren, das in Bayern und Salzburg auf der Ebene von zehn Subregionen umgesetzt wird.

Ein weiteres Projekt wird unter dem Arbeitstitel „Wie speist der Geist?" vorbereitet, eine anderes wird sich mit Migrations- und Immigrationsküche befassen. Dabei sind wir konsequent bemüht, auch die richtigen Netzwerkpartner ins Boot zu holen. Ziel ist es immer, einen wissenschaftlichen Input für eine handfeste praktische Umsetzung zu schaffen.


ÖGZ:
Wie erleben Sie denn das Feedback auf das Zentrum für Gastrosophie?

Winkler: Wo immer ich in der Welt hinkomme und davon erzähle, stoße ich auf größtes Interesse. Da gibt es offenbar einiges Potenzial. auf der anderen Seite gibt es nach den Studienplätzen eine erfreuliche Nachfrage.

 


ÖGZ:
Wofür würden Sie denn einen Absolventen des Lehrgangs bei Wiberg einsetzen?

Winkler: Als Produktmanager, Produktentwickler oder in unserem Team Inspiration.

 


ÖGZ:
Danke für das Gespräch.

 

Information 

Zentrum für Gastrosophie an der Universität Salzburg.

Wissenschaftlicher Zweck: Interdisziplinäre (Grundlagen-)forschung und Lehre zu Ernährung – Kultur – GesellschaftForum Gastrosophie

Förderverein des Zentrums: Mit dabei Wiberg, Stiegl, Spar, Neuburger uam. Vorsitzender: Marcus Winkler

Weitere Infos, auch zum nächsten Universitätslehrgang für Gastrosophie unter

www.gastrosophie.at  
www.smc-info.at

 

 

 

Autor/in:
Redaktion.OEGZ
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