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Missgeburt Wellness?

14.10.2005

Der Wellnesstourismus ist ein Segment mit Potential. Die Entwicklung in Österreich wird aber innerhalb der Branche mit gemischten Gefühlen gesehen. Was bleibt, ist die Frage nach dem Weg in die Zukunft.

Die Hotellerie ist ein Bereich, wo hohe Investitionen auf der Tagesordung stehen. Das war so, ist so und wird auch in Zukunft so bleiben. In den letzten Jahren war es aber vor allem der Wellnesstrend, der viele Hoteliers dazu veranlasste, zusätzliches Geld flüssig zu machen.
Wege aus der Sackgasse
Nach Ansicht von Sepp Schellhorn, Präsident der Österreichischen Hoteliervereinigung, führte dies zu einer beachtlichen Fehlentwicklung in der Branche: „Wir haben alles in den Trichter Wellness hineingestopft und unten kommt eine Missgeburt heraus, mit der wir nicht umgehen können.“ Grundlage für diese Aussage sind für Schellhorn drei wesentliche Tatbestände. Zum Ersten, dass überwiegend in technische Einrichtungen, von der römischen Badelandschaft bis zum türkischen Hamam, investiert wurde. Zweitens, dass als Zielgruppe fast ausschließlich „48 Plus“ in Deutschland und Österreich angesprochen wurde und zu guter Letzt, dass das Angebot nur von Hotels der gehobenen Kategorie getragen wird. Schuld daran sei die falsche Orientierung der Wellness-Anbieter, weshalb der Weg, aus der Sackgasse heraus in die Zukunft, beschwerlich werde. Vor allem die hohen Hardware-Investitionen mit den damit verbundenen Betriebskosten sieht Schellhorn als Problem. Diese hätten zwar zu einer Saisonverlängerung geführt, aber keine Verbesserung der Ertragslage gebracht.
Tatsächlich entfallen nur etwa zehn Prozent der Gesamtnächtigungen in Österreich auf den Gesundheits- und Wellnesstourismus. Von diesen rund 12 Millionen Nächtigungen entfällt wiederum der größte Teil auf die heimischen Thermenbetriebe, wodurch unter dem Strich nur geschätzte sieben Millionen Nächtigungen für die Wellness-hotels übrig bleiben. Wer also in diesem kleinen Segment erfolgreich sein möchte, muss sein Angebot wohlüberlegt gestalten. Zukunftsforscher Andreas Reiter sieht daher für Hoteliers, die weiterhin auf Wellness setzen, nur eine Möglichkeit: mit Produktinnovationen punkten. „Statt der Berufskrankheit der Hoteliers, dem Nachmachen, zu erliegen, sollten eigenständige Wege beschritten werden“, meint Reiter, der Verstärkung von Sepp Schellhorn bekommt. Auch der ÖHV-Präsident spricht sich gegen die Nachahmungs-tendenzen und für die Spezialisierung aus: „Wir müssen
die Hoteliers wach rütteln und zum Nachdenken bringen. Es
hat wenig Sinn, noch ein Hamam einzurichten wie viele andere. Nicht jeder muss alles anbieten, sondern jeder sollte seine eigene Angebotsnische finden.“

Die Angebotsvielfalt alleine wird aber nicht der „Stein der Weisen“ für die künftige Expansion sein. Dafür bedarf es zusätzlich neuer Zielgruppen und neuer Quellmärkte. Während, laut Statistik Austria, in Ungarn die Ausländernächtigungen in den Thermenhotels weit über den Inländernächtigungen liegen, ist die Sachlage in Österreich genau umgekehrt. Den heimischen Gesundheits- und Wellnessmarkt dominieren die Österreicher selbst. Der Ausländeranteil ist zwar stetig steigend, aber noch immer verschwindend gering.
Bessere Erreichbarkeit
Doch eine „Internationalisierung“ braucht die nötigen Voraussetzungen wie etwa die gute Erreichbarkeit. „Für den Flugtourismus sind nur Wien und Salzburg gut erschlossen, in den Thermengebieten fehlt die Zubringerlogistik“, mahnt Sepp Schellhorn, der auch diesbezüglich mit Andreas Reiter auf einer Linie liegt. Denn als wesentliche Erfolgsvoraussetzungen für die nächsten Jahre sieht der Zukunftsforscher ebenfalls die Internationalisierung und die optimale Erreichbarkeit – vor allem im Hinblick auf die wachsende Konkurrenz im Osten, die durchaus gute Leistungen um etwa 40 Prozent billiger anbietet. Die Anstrengungen in diese Richtung sollten aber lohnenswert sein, denn Reiter geht davon aus, dass der Gesundheitsmarkt weiter wachsen wird. Grund: eine alternde, immer beschleunigtere Gesellschaft mit einem erhöhten Fitnessbedarf für ein längeres Arbeitsleben. Der schon erkennbare Trend zur „schnellen Auszeit“ wird nur immer stärker werden. Weitere Veränderungen sieht Reiter im Sinne der „Demokratisierung“ des Wellnessbereichs, sprich: die Diskontschiene wird sich auch hier weiterentwickeln und daneben wird es ein Luxussegment geben. Damit sich Österreich genau da als „Vitaldestination“ für alle Altersgruppen positionieren kann, braucht es eben innovative, unter Umständen auch authentische Produkte. Grundsätzlich steht Österreich diesbezüglich sicherlich auf festen Beinen, auch wenn einige der rund 700 heimischen Wellnesshotels noch Handlungsbedarf haben. Ein Großteil der Betriebe hat nämlich die Hausaufgaben zwecks Positionierung schon gemacht wie etwa das SAS Palais Hotel in Wien oder die „Übergossene Alm“ in Dienten (siehe die beiden Kurzreportagen).
Qualität ist gefragt
Die Familie Burgschwaiger, Inhaber der „Übergossenen Alm“, hat beispielsweise die Weichen schon früh gestellt. Angefangen hat alles mit einem Schwimmbad, das entgegen der Ratschläge von Betriebsberatern und Steuerberatern errichtet wurde, um mehr zu bieten als die anderen. Heute verfügt der renommierte Betrieb am Fuße des Hochkönigs auch über eine vielfältige Saunalandschaft und einen gut strukturierten Wellnessbereich – und mehr Zimmer als je zuvor. „Wellness ist ein Bumerang. Die Investitionen rechnen sich nur mit einer gewissen Bettenanzahl“, weiß Wolfgang Burgschwaiger, der sowohl die Nächtigungen als auch die Wertschöpfung pro Nächtigung erhöhen konnte, aus Erfahrung. Dass sich die Hoteliers tatsächlich sorgsam vorbereiten, bestätigt Reinhard Mücke, Direktor der Österreichischen Tourismusbank: „Der Trend geht schon die letzten Jahre nicht mehr in die wahllose Größe, sondern es
wird bedürfnisorientiert geplant. Wellness wird nicht mehr als Visitenkarte, sondern als spezielle Dienstleistung gesehen.“ Das ist exemplarisch für die ganze Branche. Immerhin ist Österreich gerade was die Qualitätsicherung im Wellnessbereich betrifft in letzter Zeit sehr aktiv, beispielsweise mit dem Qualitäts-Gütezeichen von „Best Health Austria“ und dem Zertifikat der „Alpine Wellness International“.

Autor/in:
Redaktion.OEGZ
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