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Neben Abfahrten geht es am Bike im Eggental auch gemütlich zu.

Nächtigungs-Bergfahrt dank Bike-Tourismus

11.07.2019

Durch sein Mountainbike-Angebot gewinnt das Südtiroler Eggental viele neue junge Gäste. Der rechtliche Rahmen macht dabei einiges einfacher als in Österreich.

Den Trail hinab mit Florian Eisath.
„Krauti“ (l.) versorgt die Gäste mit Bike-Techniktipps und Kulinarischem.

Eggental
Das Eggental liegt östlich von Bozen. Wanderer haben im Angesicht des Dolomiten-Unesco-Welterbes mit Rosengarten, Latemar und Schlernmassiv 530 Kilometer markierter Wege zur Auswahl. Unter besonderem Schutz stehen die Naturparks Schlern-Rosengarten und die Bletterbachschlucht. Der Strom für die Liftanlagen kommt von erneuerbaren Energieträgern. Die 6.400 Gästebetten verteilen sich auf 18 Hotels im Vier-Sterne-Bereich und kleinere Betriebe. 

Rosadira-Bikefestival 
Für Einsteiger, aber auch alle, die ihre Technik verfeinern wollen, wurde das Dolomiti-MTB-Festival „Rosadira Bike“ geschaffen, das alljährlich im Juni stattfindet. Hier geben Experten Fahrtechnik-Workshops und zeigen die besten Touren zwischen Rosengarten und Latemar – auch fürs E-Bike. Eine Expo mit Testmöglichkeiten sowie musikalische und kulinarische Highlights runden das Programm ab. Die ÖGZ recherchierte auf Einladung des Tourismusverbandes Eggental im Rahmen des Bike-Festivals. www.rosadira-bike.com

Die Strecke ist etwas für Adre-nalin- und Geschwindigkeitsjunkies. Passend für Florian Eisath. Er liebt die Geschwindigkeit, schließlich ist er vor eineinhalb Jahren noch im Skiweltcup Steilhänge hinabgefahren. Der 34-Jährige stürzt sich mit seinem Mountainbike den schmalen Trail runter, es geht scharf links, dann rechts, während man die Bäume an einem vorbeiflitzen sieht. Wenige Meter von Eisaths Hinterrad entfernt, versucht der Autor dieses Textes Anschluss zu halten – auf einem E-Bike. Es gelingt gerade so. Unten angekommen, heißt es dann: durchschnaufen. Eisath fragt: „Und? War’s guat?“ – „Und wie!“ 

Der Ex-Skiprofi Eisath führt eine kleine Journalistengruppe durch das sommerliche Mountainbikegebiet zwischen Rosengarten und Latemar im Südtiroler Eggental. Und das nicht ohne Grund. Dass sich die Gegend in den vergangenen Jahren in ein Mountainbike-Gebiet verwandelt hat, liegt zu einem großen Teil an seiner Initiative. Nachdem er seine Rennskier an den Nagel hängte, stieg er als Geschäftsführer der Seilbahnen Carezza Dolomites ein. Ein logischer Schritt, da die Bahnen zu einem guten Teil in Familienbesitz sind. 

Der Traum einer eigenen Bike-Strecke ist aber älter. Schon lange hatte er im Hinterkopf, einen nur für Biker zugänglichen Trail zu bauen. Und bei einer gemeinsamen Wanderung mit einem Förster habe er dann den Weg, die Linien hinab ins Tal, praktisch vor Augen gehabt, erzählt Eisath. Es dauerte dann zehn Monate, und das Vorhaben war erfüllt. Seit Sommer 2015 führt der „Carezza Trail“ auf 4,4 Kilometern und 550 Höhenmetern durch ein kleines Tal nach Welschnofen. Heute gibt es mehrere Trails ins Tal, einen Bikepark und viele Forstwege, die für Touren in allen Schwierigkeitsstufen zur Verfügung stehen. 

15 Prozent mehr Gäste 

Wie vielerorts in den Alpen ist das Mountainbiken auch im Eggental zu einem wichtigen Impulsgeber für den Sommertourismus geworden. Eine wichtige Rolle spielt dabei die Verbreitung des E-Bikes. Auf rund zehn bis 15 Prozent seiner Sommergäste schätzt etwa der Hotelier Roman Rechenmacher, dessen Hotel Rosengarten direkt am Trail liegt, den Anteil jener, die nur wegen des Mountainbikens zu ihm kommen. „Für uns ist das toll, weil die Gäste jünger sind und wir uns hier eine neue Gruppe an Stammgästen schaffen können“, sagt er. 40 Prozent seiner Gäste seien Wiederkehrer, die es immer wieder in die idyllische Gegend um das Unesco-Welterbe-Dolomiten treibt. Die neuen Gäste bringen frischen Wind und seien unkompliziert, sagt Rechenmacher, selbst Ende 30, mit einem Lachen. Fürs Unterstellen der Räder verwendet er einfach den Skikeller. Während andere Häuser, wie die von Florian Eisaths Eltern geführte Moseralm in Carezza, sich mit speziellen Bikeangeboten hervortun, lässt Rechenmacher das Geschäft mit den Radlern so nebenher mitlaufen. 

Dass es im Eggental idyllisch bleibt, liegt an der kleinteiligen Wirtschaftsstruktur mit vordergründig familiengeführten Hotels. 1.700 Betten gibt es in Welschnofen – einem von vier Orten, die an der Seilbahn hängen. Der Tourismusverband sieht Potenzial für zumindest 800 weitere. 

Obwohl er selbst für den Mountainbike-Tourismus mitverantwortlich ist, möchte der Seilbahnchef und Ex-Skistar Eisath das Thema nicht überstrapazieren. Zu sehr ist man auf das gute Miteinander mit den zahlreichen Wandergästen bemüht. „Wir verkaufen uns natürlich weiter über die natürliche Schönheit der Region. Für Alpinisten ist es ja ein Muss, hierherzukommen“, sagt er. Biketrails und Themenradwege werden auch anderswo gebaut. Man folge einfach einem Trend, der durch die Möglichkeiten des E-Bikes von mehr Menschen geritten wird. „Wir werden hier sicher kein Disneyland für Biker bauen“, sagt Eisath. 

Situation in Österreich

Tatsächlich schießen auch nördlich des Eggentals in Österreich die Mountainbike-Angebote aus dem Boden. Und nicht nur große westösterreichische Gebiete werfen im Sommer ihre Bergbahnen an, um Mountainbiker auf den Berg zu bringen und auf eigens angelegten Strecken wieder ins Tal zu schicken. Die „Wextrails“ in St. Corona am Wechsel sind ein Beispiel dafür, dass über das Mountainbiken ein kleines Skigebiet im Sommer überhaupt weitergeführt werden kann. Die Wextrails sind auch ein gutes Beispiel dafür, dass Forstbesitzer, Lift- und Streckenbetreiber sowie Sportler an einem Strang ziehen und sich auf ein relativ großes Wegenetz geeinigt haben. 

Denn in Österreich liegt die Krux, dass das touristische Potenzial des Mountainbikens nicht ganz ausgeschöpft wird, in der Tatsache, dass es im Gegensatz zu Italien viele Fahrverbote gibt. Dabei geht es um eine komplizierten und regional unterschiedlichen Rechts- sowie auch Haftungsrahmen. Vereinfacht ausgedrückt, darf man in Italien überall fahren, wo es nicht ausdrücklich verboten ist – wobei man in Österreich nur dort fahren darf, wo es ausdrücklich erlaubt ist. 

Einigermaßen widersprüchlich fanden Kritiker daher die Initiative von Ex-Tourismusministerin Elisabeth Köstinger, das Fahrradfahren von der Österreich Werbung (ÖW) in einer großen Kampagne vermarkten zu lassen, aber in ihrer zweiten Funktion als Landwirtschaftsministerin nichts für die Öffnung von Forstwegen zu unternehmen. Sie hätte das doch einfach umsetzen können, ärgern sich einige österreichische Touristiker. 

Kochen und Biken 

Einer, der die österreichische sowie die italienische Seite ganz gut kennt, ist Gerhard „Krauti“ Krautwurst. Nach dem Millenniumswechsel zog es den Koch aus Niederösterreich ins Eggental. Dort sei er „pick’n blieb’n“, erzählt er im niederösterreichischen Dialekt, der in Südtirol eine Art Markenzeichen für ihn geworden ist. Es sei natürlich vieles angenehmer, wenn du fast überall fahren kannst, erzählt er. Doch habe man in Südtirol aufgrund der dortigen Rechtssituation wenige Beschilderungen. Die Wege-Eigentümer wollen hier einfach für den Fall der Fälle auf der sicheren Seite sein, sagt er. Ohne Schilder braucht es dann eben Guides – und da beginnt sein Geschäft. 

„Krauti“ hat aus Österreich neben der Koch- auch seine Bikeleidenschaft mitgebracht. 2005 eröffnete er die erste Mountainbikeschule in der Gegend. Später war er Mitinitiator der 2012 gegründeten „Bike-Hotels Südtirol“. Davon gibt es mittlerweile immerhin schon 36. Heute betreibt er mit „Cooking and Biking“ seine eigene 360°-Agentur, wie er es nennt. Er bietet u. a. Coachings für Touristiker, Biketouren, Leihräder und Kochkurse an. 
Das Bike-Angebot im Eggental sei keineswegs nur etwas für junge Sportler, sagt Krauti und zeigt auf seinen nicht übersehbaren Bauch. Kulinarische Touren mit dem Rad von Hütte zu Hütte stehen ebenso auf dem Programm. Genussradeln für echte Mountainbiker könnte man es nennen. Hier stecke noch viel Potenzial. 

Autor/in:
Daniel Nutz
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