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20 Millionen Tonnen Kaffeesatz landen jährlich auf dem Müll.

Nützliches aus Kaffeeresten

25.10.2018

Aus dem Abfall der Kaffeewirtschaft (vom Strauch bis in die Tasse) lassen sich nützliche Dinge herstellen. Von Dünger über Treibstoff bis zu Kleidungsstücken.

 

Aus den „Abfallprodukten“ der Kaffeeproduktion gibt es bereits mehr als 20 verschiedene Anwendungsmöglichkeiten: Kaffeesatz zum Beispiel ist ein Multitalent, aus dem Textilien, Dünger, Pilzkulturen, Treibstoff, Schädlingsbekämpfungsmittel, Kaffeetassen oder Haut-Peelings hergestellt werden. Das Potenzial für den Basisstoff ist riesig, weil jedes Jahr ca. 20 Millionen Tonnen Kaffeesatz auf der Müllhalde landen. Aber auch die Pulpe, die in den Ursprungsländern bei der Kaffeeaufbereitung entsteht, wird immer öfter der Industrie zur Weiterverarbeitung zugeführt: Biogas aus Pulpe, Biogas aus dem Produktionswasser („Honey Water“), Dünger aus Pulpe, Brennstoff für die Trockner der Kaffeebauern sind Beispiele, die schlechte Umweltbilanz des Kaffees (hoher Wasserverbrauch; verunreinigtes Wasser aus der Aufbereitung) wieder zu verbessern. Aber auch das Fruchtfleisch der Kaffeekirsche wird u. a. zu Kaffeemehl und Tee weiterverarbeitet oder der Getränkeindustrie zur Herstellung von Cascara-Produkten (Kaffeekirschen-Schalen) zugeführt. Einige dieser innovativen Produkte stellen wir Ihnen hier nachfolgend vor ...

Kaffee zum Anziehen

Das Textilunternehmen Singtex aus Taiwan produziert nachhaltige Textilien aus Kaffeesatz. Die innovativen Kaffeefasern sind mittlerweile zum Verkaufsschlager geworden. Täglich sind die Lieferwagen von Singtex in der taiwanesischen Hauptstadt Taipei unterwegs, um Kaffeesud von Cafés, Kiosken und Coffeeshops einzusammeln. Denn statt im Müll landen die Kaffeereste – unter anderem von Starbucks – in der Kleidung. Dazu zerkleinert Singtex den Kaffeesatz in mikroskopisch kleine Teilchen und mischt diese zu Polyesterfasern aus recycelten Plastikflaschen. Das entstandene Kaffeegarn mit dem Markennamen S.Café ist multifunktionell. Seit seiner Einführung im Jahr 2009 hat Singtex eine breite Palette von Produkten aus S.Café entwickelt, von Outdoor- und Sportbekleidung, wie Trikots, über Alltagsbekleidung, wie Unterwäsche, Bettwäsche oder Schuhe, bis hin zu alltäglichen Haushaltsartikeln. Neben UV-Schutz und einer schnellen Trockenzeit bietet das Garn einen ganz besonderen Vorteil: Die Kaffeeteilchen absorbieren Gerüche. So sind die Singtex-Textilen ein besonderer Renner bei Profi- und Freizeitsportlern, das Unternehmen hat Lieferverträge mit wichtigen Bekleidungsfirmen wie Puma, North Face, Timberland, Hugo Boss oder American Eagle.

Kaffeesud als Dünger

Bekannter als die Textilien aus Kaffeesatz ist der Einsatz von Kaffeesud als Dünger. Weltweit nutzen junge Unternehmen und Start-ups die vielversprechende Grundlage, dass Kaffeesud nahezu weltweit überall erhältlich ist und Pflanzen immer und überall einen guten Dünger benötigen. In Österreich findet man ebenfalls solche jungen Unternehmen, die auf die Kaffeedüngerherstellung spezialisiert sind, wie z. B. kaffeeduenger.at oder das Start-up sudundsatz.at. Kaffeesatz besitzt nützliche Eigenschaften für den Garten, er ist als Dünger reich an Nährstoffen wie Kalium, Stickstoff und Phosphor, er lockt Regenwürmer an, die den Kaffeesatz lieben und wiederum den Boden lockern. Kaffeesatz ist leicht „sauer“ und neutralisiert dadurch z. B. ein kalkhaltiges Gießwasser. Kaffeesud hält aber auch Schädlinge fern, wie Ameisen oder Nacktschnecken. Auch die Umweltbilanz ist ein Thema, denn derzeit wird der Kaffeerest in Müllverbrennungsanlagen entsorgt, was wiederum bei einer Verwertung wegfallen würde, wodurch wiederum Abfallmengen und CO2-Emissionen verringert werden könnten.

Pilzzucht mittels Kaffeesatz

Wenn man einem Pilzsubstrat neue Nahrung in Form von frischem Kaffeesatz gibt, dann wachsen nach nur kurzer Zeit wieder schöne, große Pilze aus der Kultur. Diese Tatsache machen sich seit einigen Jahren verstärkt junge Unternehmen, „Pilz-Start-ups“, aber auch Gärtnereien zunutze und kultivieren Pilze mit Kaffeesud. Besondere „Kaffeeliebhaber“ unter den Pilzen sind Austern- und verschiedene Seitlings-Pilzarten. Der Kaffee bildet die Grundlage für das gute Wachstum, wobei die Pilze kein Koffein aufnehmen und auch nicht nach Kaffee schmecken. Die Unternehmen produzieren entweder die Pilze und vertreiben diese an die (Spitzen-)Gastronomie und Private oder kreieren ein Substrat, das zu Hause die Pilzanzucht ermöglicht („Pilz-Kit“). Übrigens, das Rendement beträgt ca. 1:7, d. h. für 150 Kilo Pilze benötigt man eine Tonne Kaffeesatz. Zwei Beispiele: 1.) Austernseitlinge (hutundStiel.at). Hier wachsen die Pilze in einem Keller im 20. Wiener Gemeindebezirk und sind aufgrund ihrer Qualität auch in der Spitzengastronomie sehr beliebt.  2.) PilzKit (FunghiEspresso.com) Was mit einem kleinen Versuch für Kinder begann, wurde zu einem internationalen Vorzeigeprojekt der „No-Waste-Bewegung“. 

Kaffeesatz als Treibstoff 

In London fahren bereits Busse, die von Biosprit angetrieben werden, der aus Kaffeesatz hergestellt wurde. Der Vorteil: Dank seines hohen Anteils an antioxidativen Substanzen ist Kaffeesatz-Diesel stabiler als traditioneller Biodiesel und in der Herstellung auch günstiger. Zudem weist Biosprit aus Kaffeeresten um zehn bis 15 Prozent weniger Kohlendioxid-Emissionen im Vergleich zu herkömmlichem Diesel auf. Ein Beispiel für die erfolgreiche Umsetzung ist das Londoner Start-up „Bio Bean“, das den Kaffeesatz der Hauptstädter einsammelt und daraus Öl gewinnt. Das Öl bildet die Basis des B20-Kraftstoffgemischs, das dann in das Londoner Kraftstoffversorgungssystem eingespeist wird, mit denen wiederum die öffentlichen Busse der englischen Hauptstadt angetrieben werden. „Bio Bean“ sammelt den Kaffeesatz von Coffeeshop-Betreibern im ganzen Land zusammen, bringt diesen in die Fabrik, zieht dort das Kaffeeöl heraus und mischt es im Verhältnis 1:5 mit Diesel-Kraftstoff. Das Start-up wurde anfangs von der Stadt London, später vom Öl-Giganten Shell gefördert und hat heute auch große Kaffeeketten wie Starbucks zum Partner. London ist überhaupt ein vorbildlicher Vorreiter in Sachen Biosprit, so wird nicht nur Kaffeesud, sondern altes Speiseöl von Restaurants oder auch Talg aus der Fleischproduktion zu Bio-Diesel verarbeitet. So werden bereits über 2.000 der 9.500 Busse der englischen Hauptstadt mit Biodiesel betrieben. Ein Detail am Rande: Noch verrät kein Duft nach frischem Kaffee, dass der Bus gleich um die Ecke kommt – Kaffeediesel riecht leider nicht.

 

 

Autor/in:
Martin Kienreich
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