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ÖGZ-Serie: Gute Ideen für den Neustart

14.05.2020

Viele Betriebe haben extrem schnell, intelligent und flexibel auf die Krise reagiert. Vom Steirereck bis zum kleinen Dorfwirt, jeder auf seine Weise. Daran sieht man, welches Potenzial an Einfallsreichtum und Unternehmertum in der österreichischen Gastronomie und Hotellerie steckt. Stellvertretend für viele hunderte toller Ideen haben wir neun Beispiele gesammelt, die durchaus zum Nachahmen anregen sollen. Die ÖGZ und gast.at berichten ab sofort laufend über solche erbauende Beispiele.   Hier geht es zum Teil 2

Gute Ideen für die und nach der Krise. Die neue ÖGZ Serie!

 

Wir leben von Gästen, nicht von Usern

Josef Floh, Gastronom („Der Floh“) aus dem Tullnerfeld, suchte in der Krise nach dem Kern seines ­Geschäftes: dem Gast

In einer Krise kann man sich beschäftigen mit den Aspekten, die man nicht beeinflussen kann. Oder man schaut auf das, was man beeinflussen kann. Wir haben in dieser Zeit das getan, was wir immer tun: Wir haben uns überlegt, was zu uns passt, und sind dann unseren eigenen Weg gegangen. 

Zuerst haben wir das Rote Kreuz und die Polizei in Tulln und Langenlebarn – natürlich kostenlos – bekocht. Das war unser Beitrag zur Krise. Dann dachten wir ans Geschäft. Unser Frühstücks-Programm, das seit einiger Zeit erfolgreich in der Gastwirtschaft läuft, übersetzten wir auf die neue Situation. Unsere Gäste waren zu Hause eingesperrt, hatten viel Zeit – und mittags und abends konnten sie schon selbst kochen oder was bestellen. Wir haben ihnen also ein einzigartiges Frühstücks-Angebot geschnürt, haben es „Flühstück bei mir“ genannt, haben Claudia Stöckl ein Gratis-Flühstück geschickt, konnten mit dem Autohaus Kammerhofer aus Tulln einen lokalen Partner für die Zustellung mit E-Autos gewinnen und haben das Angebot online gemeinsam mit unserer Agentur vermarktet. 

Die Krise zeigt, dass Digitalisierung wichtiger wird. Aber letztlich geht es ums Menschliche. Wir haben darum drei neue Leute aufgenommen, weil wir sicher sind, dass in Zukunft die Qualität vor Ort entscheiden wird. Eine gastronomische Identität, eine gastronomische Marke entsteht nicht digital, die entsteht nur analog. Gastronomie lebt nicht von Usern, Gastronomie lebt von Gästen!

Wir leben von Gästen, nicht von Usern , by d.nutz

 

Konkurrenz für Amazon

Die Hoteliers und Gastwirte Peter und Katharina Kroneis gründeten in der Krise einen Webshop, um die regionale Wirtschaft im Mariazeller Land zu stärken.

Es war der Beginn des Shutdowns. Die Kinder lagen im Bett und meine Frau und ich hatten uns die Frage gestellt: Wie können wir etwas für die regionale Wirtschaft, für all die Unternehmer und Unternehmerinnen im Mariazeller Land machen? Damit nicht alle sinnlos das Geld bei Amazon und Co ausgeben! Am Tag darauf haben wir mit dem Chef der „Internettischlerei“ Girrer und Betreiber der Internetplattform Mariazell.at gesprochen und einen Webshop für regionale Produkte und Dienstleistungen ins Leben zu rufen. Das Prinzip ist simpel: Man bekommt für 100 Euro Gutscheine im Wert von 120 Euro. Ein Angebot, das viele Leute annahmen. Im vergangenen Monat haben wir 180.000 Euro umgesetzt und dafür gesorgt, dass dieses Geld in der Region bleibt. 

Mehr als 70 Unternehmen haben teilgenommen. Viele wie wir aus dem Tourismus. Meine Frau und ich betreiben das Hotel Drei Hasen. In Zeiten wie diesen ist Zusammenhalt wichtig, den haben wir gespürt. Die Aktion hat also nicht nur das Ziel, die Liquidität in diesen herausfordernden Zeiten zu bewahren, sondern auch Bewusstsein für die regionale Wirtschaft zu schaffen. Das Gemeinsame war auch der Erfolgsgarant für unser Projekt. Die Stadtgemeinde Mariazell, die Raiffeisenbank und einige private Investoren waren schnell und unbürokratisch bereit, uns zu unterstützen. Auch die Wirtschaftskammer investierte und hat uns bei der Umsetzung des rechtlichen Rahmens unter die Arme gegriffen. Jetzt hoffen wir, etwas geschaffen zu haben, dass auch über die Corona-Krise hinaus ein guter Kanal ist, um die heimische Wirtschaft zu stärken.

Konkurrenz für Amazon, by d.nutz

 

Miteinander reden, ­füreinander eintreten

Heinz Reitbauer vom Steirereck in Wien rät Gastronomen in der Krise, verstärkt miteinander zu reden – und appelliert an die ­Regierung, für wirklich alle einzutreten.

Rückblickend müssen wir einmal sagen können, dass nicht ein paar wenige viel profitiert haben, sondern unser Land vorbildhaft für alle eingetreten ist. Deshalb muss der Regierung das Versprechen „Niemand wird zurückgelassen“ nicht nur als Phrase in einer aufgeheizten Krisenzeit als Ansage dienen, sondern mit aller notwendigen Anstrengung und Unterstützung verfolgt werden. Es geht in unserem Land zwar immer um das große Ganze, aber hinter diesem stehen viele Einzelschicksale. Es ist ja eine noch nie dagewesene Situation. Wichtig sind jetzt Flexibilität, rasches Handeln und Anpassungsfähigkeit. Es wird nicht leicht werden – und es werden nicht alle den Kopf über Wasser halten können ohne fremde Hilfe. Diese muss kommen. 

Eines ist für mich essenziell: reden mit anderen und verschiedene Sichtweisen kennenlernen. So entsteht vielleicht eine Idee, auf die man selbst nicht gekommen wäre. Bei uns herrscht Vorfreude vor dem Wiederaufsperren, aber großer Respekt vor dem, was da noch alles auf uns zukommt. Wir im Steirereck haben einen starken Fokus auf Produkte aus der Region und decken mit unserer Landwirtschaft am Pogusch einen Teil selbst ab. Diese Krise zeigt auch, wie wichtig und essenziell eine funktionierende, kleinstrukturierte Landwirtschaft sein kann. 

Auch wenn ausländische Gäste fehlen, der Sommer 2020 wird geprägt sein von Urlaub in Österreich. Hier haben wir die Möglichkeit, den Menschen unseres Landes, die Österreich als Sommerdestination nicht auf dem Radar haben, die Qualität und Schönheit unseres Landes zu zeigen. Jetzt ist die einmalige Chance da, Österreichs Landwirtschaft und Kulinarik neu zu positionieren.

Miteinander reden, ­füreinander eintreten , by d.nutz

 

Corona ist eine ­Fitnessübung

Hotelière Silke Seemann („Hallstatt Hideaway“) ist als promovierte Wirtschaftswissenschaftlerin eine Quereinsteigerin in der Branche. Ihr Rat: Jetzt den Erfindergeist wecken.

Erfolg ist der Feind der Flexibilität! Er macht träge und unaufmerksam. Unsere Branche war erfolgsverwöhnt. Oh ja, ich wusste um die Missstände in meinem Betrieb, aber wir waren fast über das ganze Jahr hinweg ausgebucht. Jetzt begrüßen wir die Vollbremsung der globalen Wirtschaft als einen Weckruf und ein Signal, noch wesentlich flexibler zu werden. Wir haben im Lockdown sofort auf Zoom-Meetings umgestellt und jeden Tag zwei Stunden intensiv an unseren internen Prozessen gearbeitet. Endlich hatten wir Zeit, den Kernprozess und die Hilfsprozesse zu erfassen und jede Menge Optimierungspotenzial zu erkennen. Erfolg macht schläfrig und dumm. Die Krise weckt unser Potenzial, auch im Kleinen intelligenter zu handeln. Wir haben uns von lieben Gewohnheiten und Mitarbeitern getrennt, die dieser radikalen Selbstkritik im Weg stehen. Und wir holen neue Mitarbeiter an Bord, die sich nach Veränderung sehnen. Als ich kurzfristig ohne Hausmeister dastand, konnte mir das AMS wenig Mut machen, einen neuen Hausmeister zu finden, da trotz hoher Arbeitslosigkeit die Bewerbungspflicht aufgehoben ist. Also haben wir über Social Media Housesitter gesucht und hatten in wenigen Stunden alle Häuser gut versorgt. Not macht erfinderisch.

Als Hotel in Hallstatt müssen wir uns vollkommen neu erfinden. Bisher hatten wir so wenig deutschsprachige Gäste, dass unsere gesamte Kommunikation ausschließlich in Englisch vorlag, das Design und Ambiente, alle Services sind auf die Bedürfnisse internationaler Gäste ausgerichtet. Wir müssen uns in rasender Geschwindigkeit neu denken: die Apartments neu benennen, alle Webseiten neu gestalten, andere Kommunikationskanäle mit anderen Inhalten neu bespielen. Wir haben uns teilweise von krakenartigen Buchungsportalen trennen müssen, die sich als aggressiv feindlich erwiesen haben. Die Krise ist eine gute Zeit für Experimente. Jetzt hilft uns sehr, dass wir mit dem Hallstatt Hideaway Member bei Lifestylehotels sind, bei Falstaff Hotels gelistet und vom „National Geographic Traveler“-Magazin das dritte Jahr in Folge in der Luxury Collection sind. Das alles sind Partner, die uns jetzt mit Aktionen stärken. Dieses Jahr müssen wir den deutschsprachigen Markt bespielen und zugleich an morgen denken und Signale in unsere internationalen Märkte senden. Das ist gelebte Ambiguität. 

Corona hat das Akronym VUKA lebendig werden lassen: Volatilität, das Unbekannte, Komplexität und Ambiguität treiben uns unmittelbar vor sich her. Wir sehen das als ganz große Chance! 

Corona ist eine ­Fitnessübung, by d.nutz
Autor/in:
Redaktion.OEGZ
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