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„Bleiben Sie authentisch. Werden Sie nie touristisch. Das ist die große Chance des alpinen Raums.“ Jürg Schmid bei seinem Vortrag auf der Interalpin.

Overtourism als Chance für den alpinen Tourismus

13.06.2019

Der langjährige Tourismusdirektor der Schweiz, Jürg Schmid, über die Zukunft des alpinen Tourismus: Das Problem Overtourism komme dem alpinen Tourismus entgegen. Die Berghütte als Hideaway und  Yoga als das neue Golf seien Beispiele dafür.
 

Auf der Interalpin 2019 hielt der langjährige Tourismusdirektor der Schweiz einen launigen Vortrag über die Chancen und Herausforderungen des alpinen Tourismus. „Ruft der Berg noch?“, fragte er. Um die Antwort vorwegzunehmen: Ja, er ruft noch. Er hat aber mit starkem Gegenwind zu kämpfen. Strand und Meer, gefolgt von City-Trips und Touring (Kreuzfahrten, Bahn-Panoramareisen) setzen ihm kräftig zu.
Die WTO hat 2015 weltweit 1,2 Mrd. internationale Ankünfte registriert. Bis 2030 sagt sie 1,8 Mrd. Ankünfte voraus. Damit hätte sich der Tourismus seit 2000 verdreifacht. „Tourismus hat ein Herdentriebverhalten. Man geht dorthin, wo andere Touristen sind, und will die Leuchttürme dieser Welt erleben. So entsteht Overtourism.“ Zu beobachten sei dies in Venedig, Barcelona, Amsterdam oder Palma di Mallorca oder wenn ein Kreuzfahrtschiff mit 3.000 Gästen ein 200-Seelen-Dorf in Grönland anfahre. 

Immer mehr vom Gleichen?

Aus diesem „wuchtigen, unaufhaltsamen Trend“ entstehe ein ganz großer Gegentrend, der für den alpinen Tourismus zur großen Chance werde: die Sehnsucht nach Authentizität. „Die Globalisierung führt zu immer mehr vom Gleichen. Die Einkaufsstraßen der Welt gleichen sich immer mehr. Da entsteht dieser Wunsch, Ursprüngliches, Echtes, Regionales zu entdecken. Authentizität ist der ganz große Gegentrend zur Globalisierung. Wenn man sagt, Europa und die Welt ist entdeckt, folgt die Orientierung nach innen, die Entdeckung von sich selbst“, betont Schmid. 

Renaissance der Romantik

Im Wintertourismus führe das zur „Renaissance der Romantik“. Die Berghütte heißt jetzt „Hideaway“, wo Rückzug, Ruhe und sich selbst entdecken möglich werden, natürlich bei bestem WiFi-Empfang. 
Der Trend zur Authentizität spiegle sich auch eins zu eins in der Gastronomie wider. Bio werde zur neuen Selbstverständlichkeit. Die genaue regionale Zuordnung des Produktionsstandorts sei gefragt. „Die Konsumenten hätten am liebsten auf dem Frühstücksei den Namen des Huhns geprintet.“ Auch Yoga boomt. „Wenn Sie bei Sonnenaufgang oder Sonnenuntergang auf dem Berg an einem magischen Ort Yoga anbieten, werden Ihre Server glühen. Yoga ist das neue Golf, und das hat fundamental mit diesen neuen gesellschaftlichen Trends zu tun.“ 
Jürg spricht damit die Klimabewegung an. „Es ist eine fundamentale Welle Richtung Grün zu beobachten. Die Klimabewegung ist das, was für die 68er-Generation die sexuelle Revolution war. Eine gesellschaftliche Veränderung hin zu einer neuen Verhaltensweise.“ Was heißt das für die Touristiker? „Dass irgendwann fehlende umweltgerechte Produktion zu einem Ausschlusskriterium wird. Die Alpen als Erlebnisraum sind ja per definitionem ein Nah-Natur-Raum und haben darum bei richtiger Bewirtschaftung immense Chancen, aus dieser Veränderung, die da entsteht, zu schöpfen.“ 

Es geht um Erlebnisse

Beachten müssten Touristiker in Zukunft, dass sie ihre Angebote erlebnisgerecht aufbereiten, weil es eine immer höhere Zahlungsbereitschaft für touristische Erlebnisse gibt. Hier stünden dem Tourismus große Wachstumschancen bevor – sofern man es versteht, das Erlebnis richtig zu positionieren. Viele Bildungsinstitute im Tourismus würden immer noch lehren, dass der erste Moment prägend sei. Der erste Eindruck zähle zwar, aber richtig betrachtet liege der emotional stärkste Moment eher in der Mitte. Das sei für die Erlebnisgestaltung äußerst relevant. Man muss die Höhepunkte richtig setzen. 
Auch an den Großen der Branche wie Tripadvisor oder Booking könne man sich orientieren. Diese Anbieter wollen eine „Vorwärtsintegration der Dienstleistungen“, um das Gesamterlebnis von der Hotelübernachtung bis zum Museumsbesuch anzubieten, und würden dafür kräftig investieren. „Wer das Erlebnis beherrscht, beherrscht das Google-Ranking. Und wer das Google-Ranking beherrscht, kann höhere Kommissionen fordern“, erklärt Schmid. 
Es gelte also, Erlebnisse zu entwickeln, die überraschen, die speziell sind, die einen Stopper setzen und die sogenannte Mund-zu-Mund-Propaganda und das heutige digitale Weitersagen oder virale Effekte auslösen. 

Billiger oder besser? 

Grundsätzlich müssen sich alle Touristiker, ob Seilbahner, Anbieter von Erlebnissen oder Hoteliers, die Frage stellen: Bin ich billiger oder besser? „Wenn Sie nicht billiger sind, müssen Sie besser sein. Wenn Sie nicht besser sind, müssen Sie billiger sein. Wenn Sie beides nicht sind, sind Sie irgendwann vom Markt weg. Wenn Sie ein neues Hotel hinstellen und alles stimmt, aber das Personal ist leidenschaftsbefreit, unfreundlich, demotiviert, wird das Hotel nicht fliegen. Wenn Sie ein altes Hotel haben, wo die Duschvorhänge kleben, werden Sie das beim Check-in nicht weggrinsen können. Sie müssen auf allen Dimensionen optimieren. Gute Ratings heißt höhere Preise. Schlechte Ratings heißt weniger Gäste.“ 

Autor/in:
Barbara Egger
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