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Walter Schweifer beim Rösten ...

Pragmatismus statt Romantik

09.05.2016

CultCaffè aus Neumarkt an der Ybbs hat sich mit Qualität und Service vom Kleinröster zur anerkannten Kaffeemarke speziell für Gastronomen entwickelt.

...und Silvia Lasselsberger beim Kosten: Beide zusammen sind CultCaffè.

Silvia Lasselsberger und Walter Schweifer waren ihrer Zeit voraus. Als das Ehepaar im Jahr 2002 in Neumarkt an der Ybbs (NÖ) die Firma CultCaffè gründete, war von „Third Wave Coffee“ noch keine Rede. „Wir sind damals belächelt worden“, erzählt Lasselsberger, „weil es kaum jemand für möglich gehalten hat, dass wir gegen die etablierten Kaffeemarken ankommen würden.“ Doch die beiden Italienfans und Kaffeekenner hielten an ihrer Idee von einer eigenen Marke, unter der nicht nur Kaffee bester Qualität, sondern auch umfangreiche Serviceleistungen angeboten werden sollten, fest. 

Keine Förderungen

Zunächst war das Unternehmen ja auch nur als drittes Standbein neben den bestehenden unternehmerischen Tätigkeiten der beiden gedacht. Schweifer, damals noch Inhaber einer Eisengießerei, erlernte das Handwerk des Röstens bei Jens Burg in Hamburg und war danach eine Zeitlang in einer italienischen Großrösterei tätig. Tankstellenpächterin Lasselsberger brachte Know-how aus Gastronomie und Verkauf mit ein. „Wir haben die Firma ohne Förderungen, Start-up-Investoren oder Crowdfunding aufgebaut“, sind die beiden stolz auf das Erreichte.
Nachdem einige Anlaufschwierigkeiten überwunden waren, konnten die ersten Kunden gewonnen werden, unter anderem das Stift Göttweig – und das dürfte, auch wenn es etwas pathetisch klingt, tatsächlich ein Segen gewesen sein. Zumindest der geschäftliche Durchbruch. Nach und nach konnten weitere Geschäftsbeziehungen geknüpft werden, Schweifer verkaufte die Eisengießerei, Lasselsberger verlängerte ihren Tankstellenpachtvertrag nicht mehr, und die beiden investierten kräftig in ihre Rösterei.

43 Tonnen Kaffee

Heute produziert CultCaffè – das ist die Abkürzung für Cultura di Caffè und gleichzeitig die Devise des Unternehmens – mit fünf Mitarbeitern jährlich rund 43 Tonnen Kaffee in einem Langzeit-Drehtrommel-Röstverfahren (je nach Sorte 15 bis 25 Minuten bei 200 bis 220 Grad Celsius) und bietet im Wesentlichen vier Sorten an: „Nobile“ (100 % Arabica), „Superior“ (85 % Arabica, 15 % Robusta) „Barista“ (80 % Arabica, 20 % Robusta) und „Rainbow“ (100 % Arabica aus biologischem Anbau). 
Schweifer räumt auch gleich mit dem Vorurteil auf, nur Arabica sei gut: „Das ist Blödsinn, es kommt immer auf die Sorten und Mischungen an.“ Eingekauft wird der Rohkaffee über Großhändler in Hamburg und Triest, natürlich kenne man einzelne Produzenten und habe diese auch schon besucht, aber: „Es braucht klare Strukturen bei den Einfuhrformalitäten, Qualitätsklassifizierungen und so weiter, das können uns nur Großhändler garantieren. Für Romantik ist im Kaffeegeschäft kein Platz“, so Lasselsberger in Anspielung auf das heute oft zitierte Asset „Direct Trade“. Das funktioniert beim Kaffee nur sehr bedingt.

Gastronomie-Spezialist

Rund 90 % der Produktion gehen in die Gastronomie und Hotellerie in Wien, CultCaffè wird unter anderem in der Café Bar Bloom oder im Hotel Topazz, beide unweit des Stephansdoms, serviert. In den vergangenen fünf Jahren habe sich, so Schweifer, ein gesteigertes Bewusstsein für Kaffeequalität durchgesetzt – und damit einen Boom bei Kleinröstereien ausgelöst. 

CultCaffè sei da aber schon einige entscheidende Schritte weiter gewesen: „Wir haben schon sehr früh mit Schulungen und Maschinenservice angefangen und bieten diese Dienstleistungen längst im Paket mit unseren Kaffees an.“ Das werde vor Ort bei den Kunden gemacht, aber auch vermehrt am CultCaffè-Firmenstandort in Neumarkt, wo die Räumlichkeiten für Seminare gerade erweitert worden sind. CultCaffè unterhält auch eine vertragslose Vertriebspartnerschaft mit fünf Maschinenherstellern im Siebträgerbereich und bietet darüber hinaus Kaffeemühlen und Nebenprodukte wie Geschirr und Beigaben an.

Über einen Webshop werden Endverbraucher und Gastronomen auch direkt mit CultCaffè bedient, zudem entsteht mit dem Export ein weiterer wichtiger Vetriebskanal. „Wir haben in Österreich und im bayerischen Raum noch ein riesiges Betätigungsfeld“, so Schweifer, der sich mittlerweile über Lieferungen bis nach Katar freut.

Autor/in:
Max Pohl
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