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V. l. n. r.: Alexander Ehrhart (Casablanca Hotelsoftware), Klaus Niederacher (Seekda), Erika Ummenberger-Zierler (Wirtschaftsministerium), Andreas Lackner (TVB Mayrhofen), Andreas Mutter (Seekda), Ronald Felder (HRS-Group), Christian Klingler (Tirol Werbung) und Timo Zinkgraf (Expedia).

Ratenparität? Was wirklich zählt, ist Content

05.10.2016

Das neue Gesetz zur Ratenparität soll die Marktmacht der OTAs einschränken. Kommt jetzt der Wettbewerb um den Content? Eine Podiumsdiskussion auf der FAFGA mit Experten von OTAs und Tourismusverbänden.
 

„Tourismusverbände sind mehr als Online-Travel- Agenturen.“Andreas Lackner, TVB Mayrhofen

 

„Die Häuser, die uns die gleichen Raten bieten, werden höher gerankt.“ Timo Zinkgraf, Expedia

Die Bestpreisklausel für Onlinebuchungen soll mit Ende des Jahres per Gesetzesentwurf abgeschafft werden. So die Ankündigung aus dem Wirtschaftsministerium. Diese Ankündigung hat Erika Ummenberger-Zierler, Juristin aus dem Wirtschaftsministerium, im Rahmen des von Seekda (österreichischer Anbieter für Onlinebuchungstechnologie) veranstalteten Online Distribution Day auf der FAFGA in Innsbruck bestätigt: „Wir wollen keinesfalls die Buchungsplattformen infrage stellen. Die sind sehr wichtig. Wir haben uns aber im Detail angeschaut, dass es drei große Plattformen gibt, denen 14.000 Betriebe bzw. Hotels in Österreich gegenüberstehen, die Zimmer vermieten. Da ist es uns schon wichtig, einen fairen Wettbewerb sicherzustellen. Da gibt es seit einigen Jahren Konditionen, die an die Hotelbetreiber gestellt werden, die hinterfragenswert sind. Deswegen wird die Ratenparität mit Ende des Jahres abgeschafft. Österreich geht damit denselben Weg wie Deutschland, Frankreich und Italien.“

Selbermachen ist teuer

Auf die Marktmacht der OTAs (Online Travel Agency) und auf das neue Gesetz zur Ratenparitiät, das eine Trendwende einleiten soll, angesprochen, meinte Timo Zinkgraf von Expedia (viertgrößtes Reisebüro der Welt, hält Mehrheitsanteil an Trivago) im Rahmen der Podiumsdiskussion: „Eine eigene Homepage ist teuer. Gerade kleinere Betriebe müssen vor allem gegen Google-Budgets größerer Betriebe in Konkurrenz treten. Mit unserer Listung ist man praktisch immer mit dabei.“ Hinsichtlich Ratenparität habe Expedia schon vor längerer Zeit beschlossen, von dieser vertraglichen Verpflichtung abzusehen. „Wir verpflichten die Hoteliers nicht mehr, die gleichen Raten zu geben wie auf anderen OTAs oder der eigenen Homepage.“ Stellt Expedia fest, dass ein Hotel woanders günstiger buchbar ist, dann steht es bei Expedia nicht mehr an erster Stelle. „Der Gast würde bemerken, dass er einen schlechten Deal gemacht hat. Deshalb wollen wir letztlich auch die gleichen Raten haben, die anderswo online stehen. Die Häuser, die uns die gleichen Raten bieten, werden höher gerankt.“ 
Für Ronald Felder vom deutschen Hotelbuchungsportal HRS (hat Tiscover gekauft und wird in Deutschland gerade für seinen „Ranking Booster“ kritisiert, also der Möglichkeit für Hotels, sich ein höheres Ranking zu kaufen) ist die Ratenparität scheinbar kein Thema: „Damit beschäftigen wir uns zu 0,0 Prozent unserer Zeit. Dazu gibt es gesetzliche Vorgaben. Die sind in Deutschland gegeben, in Österreich liegt ein Gesetzesentwurf vor. Daran halten wir uns.“ OTAs als Feind zu sehen sei nicht die richtige Strategie. „Vertrieb kostet, egal ob man ihn selber macht oder über die OTAs. Auch Metasearcher oder Google gibt es nicht umsonst“, so Felder. 
„Bereits 70 % aller Hotelrecherchen werden via Internet gestartet. Ein zeitgemäßer Online-Vertrieb wird immer wichtiger“, betonte Klaus Nieder-
acher von Seekda. Dabei helfe die Online-Buchungstechnologie von Seekda, mit der man auf Augenhöhe mit den OTAs agieren könne, weil die Betriebe kommissionsfreie Direktbuchungen steigern und forcieren, Vertriebskosten reduzieren und dabei unabhängig bleiben könnten.

Daten sind wichtig

Für TVB-Mayrhofen-Geschäftsführer Andreas Lackner ist weniger die Bestpreisklausel ein Thema, sondern vielmehr die OTAs selbst: „OTAs sind wichtige Datenlieferanten. Für mich stellt sich die Frage, wie ich herausfinden kann, wie die Buchungslage beispielsweise am 3. Jänner 2017 ist. Das kann ich derzeit nicht. Einzelne Betriebe können das. Wir nicht. Wenn ich eine Destination steuern muss, dann muss ich Daten bekommen, egal ob die von den OTAs, Airbnb oder den eigenen Webseiten kommen. Wir können im Onlinemarketing nur effizienter werden, wenn wir aussagekräftige Daten haben.“ Dass die Bestpreisklausel fällt, ist auch bei der Tirol Werbung weniger ein Thema. „Natürlich arbeiten wir mit den OTAs zusammen und stehen im ständigen Kontakt. Schließlich wollen wir dem Endverbraucher ein gutes Angebot bieten“, so Christian Klingler von der Tirol Werbung. Vielmehr stelle sich die Frage nach dem Content: „Storytelling ist das Thema der Zukunft.“

Mobiler Trend

Die ÖGZ hat nachgefragt, welche Trends den Onlinebuchungsmarkt in Bewegung halten werden. So erwartet man bei Expedia eine weitere Steigerung im mobilen Buchungsverhalten. Immer mehr Kunden würden am Handy oder Tablet buchen. Der Trend geht eindeutig in Richtung mobiler Endgeräte und immer noch kurzfristigerer Buchungen. „Das sehen wir an unseren Zahlen“, so Timo Zinkgraf. „Die Hoteliers werden noch flexibler werden und immer kurzfristiger die Raten und Preise anpassen müssen.“ Künftig werde sich Expedia weltweit und im DACH-Raum auf das „ganze Paket“ konzentrieren, sprich Hotel, Flug, Mietwagen, Zuganbindung, Skipass etc. „Langfristig ist unser Plan, so was wie das Amazon des Reisens zu werden.“

Die Basics müssen stimmen

Mobil sieht auch Christian Klingler von der Tirol Werbung die Zukunft: „Der mobile Trend ist unaufhaltsam. Wenn das Roaming fällt, werden sich unsere mobilen Zugriffsraten von jetzt 40 % vermutlich verdoppeln. Diese massive Digitalisierung muss man technologisch erst einmal bewältigen.“ An die Betriebe appelliert Klingler höherwertigeren Content zu liefern und wenigstens die Basics (gute Bilder, gute Inhalte, laufende Aktualisierung, Wartung der Kontingente) zu beachten. „Wir müssen die besten Pferde in die Auslage stellen. Wir müssen die besten Geschichten erzählen, damit wir am Markt wahrgenommen werden.“ 
Auch Ronald Felder von HRS sieht „mobile“ als das beherrschende Thema. Der digitale Vertrieb über OTAs werde weiter steigen. „Im Alpenraum haben wir ein Wettrennen zwischen den Destinationen. Zwischen denen, die verstanden haben, dass sie auch eine Rolle im Vertrieb spielen, und jenen, die es auch verstanden haben, gemeinsam mit ihrem Vermietern Content zu erstellen. Diese Verbände holen ihre Vermieter so ab, dass jeder weiß, was für den digitalen Vertrieb relevant ist.“ 
Und da gebe es noch große Unterschiede zwischen den Destinationen. „Die Contentqualität auf der eigenen Homepage, der des Verbandes oder der Buchungsplattform muss die Gleiche sein.“ Wer das verstehe und seine Gastgeber an die Hand nehme, werde auch seinen Anteil am Buchungsgeschäft haben. HRS sei übrigens längst keine reine Buchungsplattform mehr. Inzwischen sei man zu einem der weltweit größten Hotelcontent-Lieferanten geworden. Großkunden wie Google, VW, Siemens, Swarovski nutzten die HRS-Technologie, um innerhalb ihrer Firmen Reisen zu organisieren.
Für Andreas Lackner vom TVB Mayrhofen verändert sich das Web hin zum Semantik-Web. Seit kurzem gibt es die App „Google Trips“. Jeder Tourismusverband, der die App öffne und dort seinen Content nicht finde, habe eine ganze Menge zu tun. Zudem müssten sich die Betriebe und Verbände mit Semantik-Technologien und Diensten und neuen Produkten wie z. B. „Echo Alexa“ von Amazon oder die neuerdings im iMessenger integrierte Airbnb-App auseinandersetzen. Online-Distribution verlange von den Tourismusorganisationen, „sich endlich einmal mit Begriffen wie Conversion auseinander zu setzen“. Es reiche nicht, bei HRS oder Feratel eine Buchungsstrecke zu bestellen. Man müsse als Tourismusorganisation verstehen lernen, wie eine solche funktioniert. Die Betriebe selbst sollten den jeweiligen Tourismusverband nicht länger als eine „Online Travel Agency“ betrachten, sondern als ihre jeweils eigene Plattform erkennen und dort auch das Angebot des Vermietercoachings nutzen. Im Tourismusverband Mayrhofen setze man sich bereits mit der Programmierung von Chatbots auseinander und wünsche sich tirolweit eine ähnliche Aufgeschlossenheit gegenüber digitalen Innovationen.
 

Autor/in:
Barbara Egger
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