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Rauchverbot belastet Branche

10.01.2008

In allen Ländern, in denen Rauchverbote beziehungsweise striktere Rauchergesetzt eingeführt wurden, beklagt sich die Gastronomie über teils heftige Umsatzeinbußen.

Rauchverbote in Gaststätten, Gasthäusern und Diskotheken sowie negative Folgen der Gewerbesteuerreform verdüstern auch die Perspektiven für 2008: „Mit Blick auf die Konjunkturaussichten ist unsere Wachstumsprognose für das nächste Jahr eher verhalten“, sagte der Präsident des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes (Dehoga), Ernst Fischer, ohne Details zu nennen.
Mit den gesetzlichen Rauchverboten steige der Druck auf die Gastronomie. „Das führt zu Umsatzverlusten, vor allem in den kleinen Gasthäusern, Bars und Diskotheken“, sagte der Dehoga-Präsident voraus. Blieben die Raucher weg, könne es für viele kleine Bierlokale finanziell eng werden. Der Verband will deshalb in die Offensive gehen und Wirte bei Verfassungsbeschwerden gegen Gesetze zum Nichtraucherschutz unterstützen.
Jeder vierte gastronomische Betrieb in Niedersachsen und Baden-Württemberg hat seit Einführung des Rauchverbotes im August einen Einbruch von zehn Prozent zu verkraften. Besonders betroffen sind Einraum-Kneipen (85 Prozent der befragten Betriebe). Dabei haben nur sechs Prozent der Gastronomen neue Gäste hinzugewonnen, ohne gleichzeitig Stammgäste zu verlieren. Dies geht aus einer Studie des internationalen Marktforschungsinstitutes CHD Expert/Marktplatz Hotel hervor.
„43 Prozent der Gastronomen sind als Verlierer zu bezeichnen, da sie mindestens Gästeeinbußen im einsteligen Bereich verzeichnen“, sagt Thilo Lam­bracht, Geschäftsführer von CHD Expert. „Gut die Hälfte von ihnen meldet sogar einen Gästeschwund von mehr als zehn Prozent. Erfahrungsgemäß sind unter diesen Betrieben wiederum viele, deren Verluste so groß sind, dass sie existenzbedrohend wirken können.“ Allerdings haben auch die Hälfte der Unternehmer keine Auswirkungen des Gastro-Rauchverbotes auf den Anteil der Stammgäste festgestellt.
In Bayern ist man vorsichtig
Das deutsche Bundesland Bayern will bei Verstößen gegen das neue Rauchverbot in Gaststätten zunächst keine Bußgelder verhängen. Dies kündig­te Ministerpräsident Günther Beckstein an – eine Übergangsphase, die mehrere Wochen gelten soll. Beckstein forderte zudem die Stadt München auf, beim Oktoberfest umsichtig vorzugehen. Er wolle keine Polizei in den Lokalen patrouillieren sehen. „Wir werden beim Einsatz repressiver Mittel sehr zurückhaltend sein“, sagte der CSU-Politiker.
Zuletzt war in der CSU die Befürchtung gewachsen, ein zu rigides Vorgehen könne die Partei Wählerstimmen kosten. Wirte protestierten. Eine Rücknahme oder Entschärfung des Gesetzes lehnte Beckstein aber ab.

Interessante Aussage
Das geplante Rauchverbot in deutschen Gaststätten wird sich nach Auffassung von Reemtsma-Chef Richard Gretler nicht negativ auf den Umsatz des Tabakkonzerns auswirken. „Darunter leidet vor allem die Gastronomie, nicht die Tabakindustrie“, sagt Gretler. „In Ländern, in denen radikale Rauchverbote in Kneipen eingeführt wurden, wie etwa in Irland, hat das nur kurzzeitig den Zigarettenabsatz belastet“, sagt der Reemtsma-Chef. „Die Leute haben das Rauchen einfach nach Hause verlegt.“
In Belgien schlugen die Wirte schon kurz nach dem Start des Rauchverbots wegen Umsatzeinbußen Alarm. Die Einnahmen in vielen Speiselokalen sind um rund ein Drittel zurückgegangen, geht aus einer Umfrage der Zeitung „Het Laatste Nieuws“ in belgischen Restaurants hervor. Einige Lokalbesitzer beklagten sogar einen Umsatzrückgang um die Hälfte. Viele Stammgäste gingen nun lieber in Beisln und Bars, denn dort darf – anders als in den Speisegaststätten – weiter geraucht werden.
Der Zeitung zufolge gestatten viele Speiselokale das Rauchen aber weiter, heimlich oder sogar öffentlich. Ein Wirt sagte, er hoffe, das Rauchverbot erweise sich als ein „echt belgisches Gesetz – übertrieben streng, aber ohne jede Kontrolle“. Danach sieht es allerdings im Moment nicht aus, denn schon in den ersten Tagen nach In-Kraft-Treten des Verbots wurden mehr als 200 Lokale kontrolliert. Für 2007 kündig­te das Gesundheitsministerium 25.000 Kontrollen an. Das Gesetz verbietet das Rauchen in allen Lokalen, die mehr als ein Drittel ihres Umsatzes mit Speisen erzielen. Restaurants haben zwar die Möglichkeit, einen separaten Raucherraum einzurichten, offenbar entschied sich aber eine Mehrzahl der Wirte für ein vollständiges Rauchverbot – auch wegen Platzmangels.
Eine slowenische Studie über die Auswirkungen des Rauchverbots in der Gastronomie hat die Fachgruppe in der steirischen Wirtschaftskammer alarmiert: Mehr als zwei Drittel der Wirte verzeichneten, knapp vier Monaten nach Inkrafttreten der rigorosen Regelung, enorme Umsatzeinbußen, jeder sechste will aufhören, jeder achte Gastronom ziehe die Entlassung von Mitarbeitern in Erwägung.
In Slowenien gilt seit August dieses Jahres ein generelles Rauchverbot in Gaststätten. Die Ergebnisse einer im Oktober unter slowenischen Gastwirten durchgeführten Umfrage sprechen laut Fachgruppenobmann Karl Wratschko eine deutliche Sprache: „Die Gäste wandern nun in den privaten Bereich ab und die Wirte behelfen sich durch die Gründung von Clubs und Vereinen.“
Besonders stark seien die Umsatzeinbußen in Lokalen mit bis zu 50 Quadratmetern, jener Kategorie, die laut Kammer-Vertreter auch in Österreich als die problematischste gelte. Naturgemäß ebenfalls stark zurückgegangen sei der Umsatz in Lokalen, die nur Getränke anbieten, zitierte Wratschko aus der slowenischen Erhebung.
Knapp sechs Wochen nach Einführung eines Gesetzes zum Schutz der Nichtraucher beklagen sich Betreiber von Cafés und Lokalen in Israel über Umsatzverluste von bis zu 25 Prozent. Viele Gäste blieben den Lokalen fern, während andere dort deutlich weniger Zeit verbrächten, berichtete die Tageszeitung „Maariv“ unter Berufung auf Wirte. Etliche Gastronomen rechneten sogar mit der Pleite, falls sich die Situation nicht ändert.
In Israel gilt seit Anfang November ein allgemeines Rauchverbot an öffentlichen Plätzen. Wer dagegen verstößt, muss umgerechnet rund 150 Euro Strafe zahlen. Eigentümer von Cafés und Lokalen müssen ihrerseits 850 Euro zahlen, falls in ihren Lokalen geraucht wird.

Autor/in:
Redaktion.OEGZ
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