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"Ich bin der Meinung, dass auch alle Gastronomen ihren Gästen sagen sollen, was auf dem Teller liegt": Sarah Wiener im ÖGZ-Interview.

Sarah Wiener: „Billige ­Lebensmittel machen niemanden glücklich“

22.09.2021

Im EU-Parlament setzt sich die Starköchin Sarah Wiener für eine ursprüngliche Landwirtschaft ein. Die ÖGZ sprach mit ihr über eine krankmachende Agrarindustrie, darüber, ob der EU-Green-Deal ein Ausweg ist und welche Art der Gastronomie davon profitieren wird.

Zur Person

Die Köchin und ehemalige Gastronomin Sarah ­Wiener sitzt seit 2019 für die österreichischen Grünen im EU-Parlament. Die Schulabbrecherin ist eine der bekanntesten TV-Köchinnen im deutschsprachigen Raum und legte mit ihrem Catering-Unternehmen und ihren Restaurants in Deutschland eine beeindruckende Karriere hin. 2020 schlitterten Teile ihrer Unternehmen in die Insolvenz. 

Die Ernährungswende spielt bei der Bekämpfung der Klimakrise eine bedeutende Rolle. Die ÖGZ hat vor einiger Zeit in einer Titelgeschichte über Fleisch aus dem Labor berichtet und wie Start-ups zu einem Teil der Problemlösung werden könnten. Wie sehen Sie das?
Sarah Wiener: Wer die Gastro­nomie abschaffen will, den Geschmack abschaffen will, der sollte den Aufbau einer solchen künstlichen Ersatzproduktion unterstützen. Es geht um die Frage, wie wir leben wollen? Ich ziehe das Natürliche eindeutig vor. 

Sie hatten auch einen Konflikt mit der grünen Bubble, weil Sie gegen Fleischersatzprodukte auftreten. Leute wollen damit etwas gegen den Klimawandel tun. 
Was wir brauchen, ist eine Balance zwischen dem Menschen und der Natur. Dafür müssen wir ökologische Kreisläufe schließen und verstehen, dass wir Teil der Natur sind. Die Lösung kann nicht sein, dass wir uns von der Natur entkoppeln und Substanzen mit künstlichen Nährstoffen essen, die nivelliert, ungesund und patentiert sind und von Konzernen nach dem Prinzip der Gewinnmaximierung vermarktet werden. Um eine solche Maschinerie am Laufen zu halten, braucht es zudem viele Ressourcen. Es braucht Energie, Rohstoffe, Verpackungsmaterial, Medikamente viel Müll. Lasst uns doch auf den richtigen Weg zurückkommen.
 
Liegt nicht eine Sehnsucht des Menschen darin zu glauben, die Technik werde uns aus der Klimakrise führen. Das sagt ja auch der österreichische Bundeskanzler. 
Ich sehe eine Sehnsucht nach der Natur, nach dem Ursprung. Was viele Menschen treibt, ist aber Angst. Angst vor Veränderung, vor Unsicherheit. Die Politik funktio­niert oft über Angst und erzählt uns, dass eine Technologisierung und Digitalisierung die Lösung ist. Ich finde es irritierend, dass gerade konservative Kräfte sagen: Der technologische Fortschritt werde es richten, ohne Respekt vor der Schöpfung und deren Lebenszusammenhängen.

Vielleicht sind Sie die echte Konservative?
Ich bin eher eine Neandertalerin (lacht), die Freude an der Natur, an natürlichem Essen und der Geschmacksvielfalt hat. Da bin ich zum Glück nicht alleine. Es gibt immer mehr Menschen, die ihre Ernährungssouveränität zurückgewinnen wollen. Ich freue mich, dass ich in manchen Restaurants keine Kunstprodukte auf den Tisch bekomme, deren Einsatz ja auch den Beruf des Kochs aussterben lässt.

Die Initiative Farm-to-Fork (vom Hof auf die Gabel) der EU-Kommission beleuchtet erstmals den gesamten Zyklus eines Lebensmittels. Das ist ein sehr weitreichender Ansatz, verglichen damit, wie Agrarpolitik über Jahrzehnte funktionierte. Sie haben für die Grünen im EU-Parlament die Position mitverhandelt. Wie zufrieden sind Sie?
Wie Sie sagen, geht es zum ersten Mal in der Geschichte der Europäischen Union darum, eine nachhaltige Strategie zu denken. Farm-to-Fork ist das Herzstück des Green Deal. Das ist zweifelsfrei eine Leistung von Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen. Die Fachausschüsse haben auch unter meiner Mitarbeit Abänderungen eingebracht und Position bezogen. Die Agrarlobby allerdings auch. Heute wird an der Landwirtschaft verdient und nicht mehr in ihr.

Die EU-Agrarpolitik hilft in erster Linie den Agrarkonzernen?
Sie subventioniert das Falsche, nämlich reine Flächensubventionierung und den Einsatz von Pestiziden und Mineraldünger. Das zerstört letztlich den fruchtbaren Boden und unsere Lebensgrundlage. Nicht nur der EU-Rechnungshof sagt, wir müssen an den Subventionen etwas ändern. Diese sind unfair, asozial und wettbewerbsverzerrend.

Und die Lösung wäre?
Wir brauchen dezentrale und regionale, vielfältige, ökologische Agrarsysteme – von der Mikrolandwirtschaft zum nachhaltigen Weidemanagement. Das Bauern­sterben muss ein Ende haben. Wir brauchen Preiswahrheit und Schutz unserer Ressourcen. 

Das klingt ganz schön. Aber man kann dagegenhalten, dass die Industrialisierung der Landwirtschaft dazu geführt hat, dass wir eben günstig konsumieren können und außerdem die Produktion effizient ist. Biologische Landwirtschaft hat einfach weniger Ertrag.
Es kommt immer auf die Art und Weise an, wo und wie man was anpflanzt. Es gibt Projekte wie Microfarming, die viel mehr Ertrag schaffen als große Flächen. So platt kann man das also nicht sagen. Und zur Produktion: Wir hatten nach dem Zweiten Weltkrieg eine Lebensmittelknappheit, diese war jedoch spätestens Ende der 1960er-Jahren behoben. Seither sind Überproduktion und diese unglaubliche Nahrungsmittelverschwendung entstanden. Ein Drittel der Bevölkerung leidet an Übergewicht. Ein Drittel der Nahrung landet im Müll. Wir sind durch diese billigen Lebensmittel nicht glücklicher und auch nicht resilienter geworden. Die schwerstverarbeiteten Nahrungsmittel führen dazu, dass chronische, entzündliche Krankheiten seit Jahrzehnten zunehmen. Wenn gehäuft 25-Jährige Darmkrebs bekommen und Allergien und Al­tersdiabetes ansteigen, darf man schon fragen, ob das der richtige Weg ist? Selbst Parkinson und Alzheimer werden mit dem Mikrobiom im Darm in Verbindung gebracht. Es ist eigentlich ein absurder Widerspruch, dass die Agrar-Lobby sagt, Nahrungsmittel sollen billig sein und darum dürfen wir nicht zu nachhaltig sein. Bauern müssen aufgeben, der ländliche Raum stirbt aus, Tiere leiden, Wasser verdreckt, und dann wandert die Überproduktion tiefgekühlt nach Afrika, um dort die regionale Fleischproduktion zu zerstören. 

Der grüne Konsumentenschutzminister Mückstein möchte in Österreich die Herkunftskennzeichnung auch in der Gastronomie. Der Koalitionspartner ÖVP ist zwiegespalten, aber eher ablehnend. Es scheint nicht unwahrscheinlich, dass Europa der heimischen Regierung diese Entscheidung abnimmt, oder?
Ich kann Ihnen sagen, dass die Farm-to-Fork-Strategie eine verpflichtende Kennzeichnung von allen Lebensmitteln vorsieht. Ich bin der Meinung, dass auch alle Gastronomen ihren Gästen sagen sollen, was auf dem Teller liegt. Für mich zählt das zur Verantwortung gegenüber den Gästen. Ich habe das schon vor 20 Jahren in meinen eigenen Restaurants so gemacht, und das war ein Boost für das Geschäft. Das heißt ja nicht, dass den Gastronomen verboten wird, gewisse Speisen anzubieten. Gastronomen, die gut und transparent kochen können, sind im Vorteil, weil sie sich von der Masse abheben. Tausend Betriebe, die genau das Gleiche machen, die gleichen Produkte verwenden, haben ein Problem, weil sie nicht mehr unterscheidbar sind und nur mehr über den Preis agieren können. Dass diese zunehmend noch durch Gastronomieketten unter Druck gesetzt werden, die mit billigen Preisen den Markt manipulieren, ist ein zusätzliches Problem. Viele dieser global agierenden Unternehmen zahlen vor Ort auch keine Steuern. 
 
Haben Sie selbst vor, wieder unternehmerisch tätig zu werden? 
Ich bin jetzt Vollzeit-Politikerin, das nehme ich sehr ernst. Da, wo meine Füße stehen, da bin ich. Zudem habe ich ja auch 2007 eine Stiftung gegründet, die Kindergarten- und Schulkindern durch Pädagogen Kochen beibringt. In Deutschland hat schon über eine Million Kinder so kochen gelernt. Denn wer nicht kochen kann, der muss das essen, was man ihm vorsetzt. Da fängt die Aufgabe an: bei unseren Kindern. Bei der Kultur und unserem Handwerk. Das gilt es zu verteidigen.

Autor/in:
Daniel Nutz
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