Direkt zum Inhalt
„Geräusche halten meine Sinne wach“: Die Eventmanagerin Mihaela Bulzan klappt ihren Laptop öfter im Kaffeehaus auf.

Schöne neue Arbeitswelt

29.07.2014

Immer mehr Menschen setzen sich ins Kaffeehaus, um zu arbeiten. Die Geräuschkulisse fördert die Kreativität, haben Wissenschafter belegt. Doch für den Betreiber ist diese Klientel nicht gerade ein Umsatzbringer

Mihaela Bulzan ist Eventmanagerin einer bekannten Veranstaltungs GmbH in Wien. Ihr Büro ist schön, mit allem Notwendigkeiten ausgestattet und in guter Lage – und dennoch zieht es sie oft zum Arbeiten ins Café. Schon zu Studienzeiten sei sie zum Lernen ins Kaffeehaus gegangen, erzählt sie. Vor großen Prüfungen hat sie ihre Nachmittage regelmäßig im Café Weidinger am Gürtel verbracht. „Oft bin ich fünf Stunden oder länger drin gesessen. Nirgendwo konnte ich mich besser konzentrieren." Warum ausgerechnet dort? Ganz einfach. „Ich mag es, wenn ich ein bisschen was höre", erklärt sie.

Dass der moderate Geräuschpegel, der Hintergrundlärm aus Stimmengewirr und Geschirrgeklapper die Menschen beim Arbeiten nicht stört, sondern sogar die Kreativität fördert, ist nun auch wissenschaftlich belegt. Ein Team rund um den Forscher Ravi Metha hat in Experimenten rund 300 Probanden immer wieder vor Aufgaben gestellt, dessen Lösungen ihnen assoziatives und flexibles Denken und eine Portion Kreativität abverlangt haben. Die Forscher setzten die Gruppen unterschiedlichen Lärmpegeln aus. Das Kontrollgrüppchen saß in abgeschiedener Ruhe, andere im typischen akustischen Szenario eines Cafés, wiederum andere wurden Autobahnlärm ausgesetzt.
Das Ergebnis: Wer von einer dezenten Geräuschkulisse umgeben war, erzielte die besten Ergebnisse und fand die kreativsten Lösungen. Bulzan wundert das nicht. „Das Kaffeehausgeschehen hält dich auf einem bestimmten geistigen Level. Die Eindrucke, die man hat, die Gesprächsfetzen, die man mithört, etwa wenn der Kellner mit jemandem scherzt, das alles hält die Sinne wach. Wenn etwas um dich herum passiert, wirst du weniger schnell müde", erklärt sie. Außerdem motiviere es, wenn andere Leute unweit von einem selber sitzen und ebenfalls an einer Sache arbeiten. Aber: Es gibt gewisse Anforderungen, die so ein Kaffeehaus mitbringen muss.

 

Der ideale Arbeitsplatz
„Musik darf keine laufen. Das ist in einem klassischen Kaffeehaus aber auch nicht üblich", so Bulzan. Zweitens dürfe es auch abgesehen davon nicht zu laut sein. Ab einer gewissen Uhrzeit, wenn die Besucher in Feierabendstimmung sind, ließe es sich nicht mehr gut am Laptop tippen. Auch vom Servierpersonal dürfe man nicht dauernd gestört werden. Ein bis zwei Stunden in Ruhe gelassen zu werden, nachdem man das Getränk bekommen habe, wäre das Optimum. Kellner in solchen Lokalen würden das wissen, dass man nicht durchgehend was konsumieren möchte, meint sie. Dann brauche es den strategisch gut gelegenen Platz im Lokal, am besten in keiner Durchgangssituation, eher etwas Abgeschiedenes in der Ecke. „Wenn dann noch eine Steckdose zum Aufladen des Laptops vorhanden ist, ist der Platz ideal", ergänzt sie. „Und, heute unabkömmlich, ist der WLAN-Hotspot."

Wie weit die Wiener Kaffeehäuser damit sind, lässt sich unter helge.at/wlan nachlesen. Die dort angeführte Liste zeigt, dass ein Gros der bekannten Lokale das kabellose Internet für ihre Gäste bereits eingeführt hat. Doch wie sieht die Sache für den Kaffeehausbetreiber aus? Ein Gast, der stundenlang einen Tisch okkupiert und dabei nur wenig konsumiert, ist nicht gerade ein Umsatzbringer.

Muss ich WLAN haben?
Ein Betreiber eines namhaften Kaffeehauses in der inneren Stadt erzählt beispielsweise, dass er WLAN eingeführt, es aber nach ein paar Monaten wieder abgeschafft hat. „Das ging gar nicht. Kundschaft kam, wollte was essen, und es gab keinen Platz. Die Leute sind ganze Nachmittage lang vor ihren Computern gesessen bei einem Espresso. Mir ging viel Geschäft flöten." Dann hätten sich die Arbeitenden auch noch darüber echauffiert, dass es nicht genug Stecker gäbe. Das war dem Betreiber dann zu viel des Guten, er sei ja keine Stromgesellschaft. Schlussendlich musste er die besagte Klientel „wegstampern", wie der Österreicher zu vertreiben sagt.

Doch wie die Reihe an Kaffeehäusern mit WLAN zeigt, scheinen viele diese Kundschaft auch ansprechen zu wollen. Oder sie beugen sich schlichtweg dem Zeitgeist, der immer mehr nach einer dauernden digitalen Verfügbarkeit verlangt. Diese zu gewährleisten, so ist wohl das Credo, gehört langsam aber sicher zum Standard eines Kaffeehauses dazu.

Autor/in:
Redaktion.OEGZ
Werbung

Weiterführende Themen

Die ÖGZ ist einigen Volksweisheiten zum Kaffee nachgegangen. Einige entpuppten sich als ziemlich daneben.
Gastronomie
24.09.2019

Man erzählt sich allerlei über den Kaffee. Manches stimmt, vieles nicht. Wir haben mal die wichtigsten Kaffeeweisheiten nach ihrem Wahrheitsgehalt abgeklopft.

Das Café Griensteidl zu seiner Blütezeit im 19. Jahrhundert
Gastronomie
25.02.2019

Weil im ehemaligen Café Griensteidl jetzt eine Billa-Filiale einziehen wird, gehen die Wogen in Wien hoch. Die irrwitzigen Mieten lassen wohl keine andere Lösung mehr zu.

Kaffee-Welt-Initiator Goran Huber will mit den Kaffee-Meisterschaften Wissen für Profis vermitteln.
Gastronomie
26.09.2018

Im Rahmen der Kaffee-Wettbewerbe auf der Fafga fand auch heuer wieder die  Filter Coffee Challenge statt. Tipps von Goran Huber zur Umsetzbarkeit im Betrieb.

Filterkaffee ist nicht gleich Filterkaffee: Oft steckt viel Handarbeit in der Zubereitung – was der gastronomischen Inszenierung zugutekommt.
Gastronomie
26.09.2018

Filterkaffee hat unter Kaffeegourmets in den letzten Jahren ein Revival erlebt.  Wie kann man den Hype nutzen und in der Gastronomie/Hotellerie mit Filterkaffee einsteigen,  was muss man dafür ...

In einem leer stehenden Geschäftslokal entstand für einige Wochen ein Kaffeehaus. Möbel, Geschirr und Lebensmittel spenden Anrainer.
Cafe
18.07.2018

Ein Künstlertrio schuf in Wien ein Kaffeehaus, das nur aus Spenden entstand. Die ÖGZ besuchte das Café Mangel.

Werbung