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Der Gastraum ist leer, die Martineks bleiben trotzdem optimistisch: Das Zustellgeschäft haben sie zur Gänze selbst organisiert.

Serie "Mein Wirtshaus": Gasthof Martinek

29.04.2021

Die Chefin kocht, der Gatte liefert aus, die Tochter packt mit an: Wie der Gasthof Martinek in Baden bei Wien aus der Not eine Tugend gemacht hat und warum es viel mehr Betriebe geben müsste wie diesen.

Darauf freuen sich Gäste: Endlich wieder beim Wirt sitzen können und den Herrgott einen guten Mann sein lassen.
Für das Take-away-Geschäft wurde eigens Geschirr angeschafft. Styropor und Aluboxen sind tabu. Die gesamte Logistik mit Warmhalteboxen und Co war anfangs eine große Herausforderung.

Man kann als ein in der Küche Ungeübter während eines Lockdowns in den nächsten Supermarkt gehen und das tun, was man in einem Supermarkt eben so tut: das Einkaufswagerl mit Frischfleisch, Erdäpfeln und Gemüse füllen und hoffen, dass man sonst keine Zutaten vergessen hat, um daheim seine Schnitzel mit Bratkartoffeln und Salat zuzubereiten. Brösel? Oje, hoffentlich haben wir genug davon. Eier? Mehl? Öl? Essig? Und dann auch noch die Patzerei ...

Oder man geht zum Wirt seines Vertrauens und bestellt sich diese und andere Köstlichkeiten und nimmt sie – in Zeiten der Pandemie leider nicht anders möglich – einfach mit nach Hause. Aber es ist trotzdem nicht dasselbe.

Die Martineks in Baden hätten sich wohl auch nie träumen lassen, dass sie gezwungenermaßen ihren Betrieb zur Gänze auf das Zustell- bzw. das Take-away-Geschäft umstellen würden. Aber es ist erstaunlich, wie schnell man sich an neue Gegebenheiten gewöhnen und aus der Not eine Tugend machen kann. Dazu ist aber auch ein eiserner Wille vonnöten. Und der Glaube daran, dass alles gut wird.

Top-Lage

Der Gasthof mit seinen 15 Gästezimmern liegt gleich ums Eck vom Weilburgpark, der zum Betriebsgelände des Badener Thermalstrandbades gehört. Der Doblhoffpark, das Rosarium, die Römertherme, aber auch das Casino Baden sind allesamt zu Fuß innerhalb von etwa 20 Minuten erreichbar. Das ist wohl auch der Grund dafür, dass bis vor wenigen Jahren Sommerfrischler zu Gast bei den Martineks waren. Aber die Zeiten ändern sich.

Sommerfrischler

„Unsere Sommerfrischler haben ihre Zimmer teilweise bis zu drei Wochen lang gebucht“, sagt Junior-Chefin Barbara Martinek, die seit dem Vorjahr das Team (in vierter Generation) verstärkt. Die Sommerfrischler sind pendelnden Arbeitern gewichen, die hier zumeist von Montag bis Freitag bleiben. Aber wer weiß, vielleicht kommen sie ja wieder. Corona hat ja auch das Reiseverhalten verändert ...

Im Gasthof Martinek fühlen sich Gäste bald einmal wohl. Die Tische sind aus Holz und die Wände in imperialem Schönbrunner Gelb gehalten, geschmückt mit historischen Ansichten aus Baden und dem pittoresken Helenental. Auf den ersten Blick ein ganz normales Wirtshaus. Was aber den Unterschied macht, das ist die Herzlichkeit, die hier jedem sofort entgegenschlägt.

„Wir sind ein alteingesessener Betrieb. Ich glaube, uns zeichnet die Konstanz aus. Außerdem haben wir viele Stammgäste, die im Laufe der Zeit zu Freunden wurden“, sagt die Junior-Chefin. Das wichtigste sei aber die Mundpropaganda, die heute immer noch ebenso wichtig ist wie die zahlreichen Fans auf ­Facebook (derzeit 2.100) oder auch positive Bewertungen auf Google (momentanes Rating: 4,5). 

Und dann wäre da noch das Wichtigste: die Küche. Hier kocht die Chefin persönlich, traditionelle österreichische Kost mit einem modernen Touch, ohne Schnörkel. Zu den Highlights auf der Karte gehören neben dem Zwiebelrostbraten auch Martineks Bierbratl mit Honig-Malzbiermarinade. Der Fleisch­einkauf erfolgt regional, so kaufen die Martineks ihre Ware gerne bei einem Direktvermarkter in Furth im Triestingtal. Großeinkäufe werden über Kröswang und Kastner abgewickelt. Getränkepartnerin ist die Brau Union, den Wein bezieht man über regionale Winzer. Apropos Winzer: Zu den Highlights gehören in nichtpandemischen Zeiten die Fünf-Gänge-Menüs mit Weinbegleitung, die in Zusammenarbeit mit Winzern erstellt werden. 

Kulinarischer Saisonplan

Saisonale Gerichte sind im Gasthof Martinek ebenfalls der Renner. Zwar hagelt es wegen des Lockdowns Absagen im kulinarischen Plan – in dieser Woche wären etwa Steakspezialitäten auf dem Programm gestanden –, aber einiges konnte man ins Take-away- bzw. Zustellgeschäft hinüberretten. So gab es etwa eine Frühlingsbox für daheim (siehe Foto oben), das nicht nur in Styropor- oder Aluschachteln verpackt wurde, sondern in echtem Geschirr. „Das Take-away-Geschäft war im ersten Lockdown viel besser als jetzt“, sagt Barbara Martinek. Möglicherweise kochen jetzt doch mehr Leute daheim? „Vielleicht ist es ja auch ein Zeitvertreib für die Leute.“  

Das Zustellgeschäft haben die Martineks übrigens selbst organisiert, der logistische Aufwand war anfangs enorm. Die Chefin steht in der Küche, der Gattte liefert mit Barbara Martinek aus. Ausgeliefert wird täglich nur ein Menü. Die Vorfreude auf das Ende des Lockdowns ist groß. Mit dem Zustellgeschäft soll es dann aber vorbei sein. Hoffentlich für immer.

 

Autor/in:
Alexander Grübling
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