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Serie "Mein Wirtshaus": Landgasthof Streicher

28.05.2020

Unauffällig, im Wald versteckt, liegt der Landgasthof Streicher in Vestenötting. Trotzdem ist er ein Geheimtipp, der liefert, was Gäste seit Ewigkeiten wünschen

Landgasthof Streicher

Pächter: Michael Schandl
seit: Juli 2015 (die Geschichte des Wirtshauses geht auf das Ende des 18. Jahrhunderts zurück)
Mitarbeiter: 16 (davon 5 in der Küche)
Küchenschwerpunkt: regionale Spezialitäten
Sitzplätze: 100 („bei Bedarf 120, aber dann wird es schon recht kuschelig“), im Garten weitere 100
USPs: traditionelle Waldviertler Küche
Öffnungszeiten: Di–Fr 9.00–14.00 Uhr, 17.00–23.00 Uhr, Sa/So 9.00–23.00 Uhr (Montag Ruhetag)
Adresse: Vestenötting 27, 3830 Waidhofen an der Thaya
Website: www.landgasthof-streicher.at

Vestenötting liegt gut versteckt hinter dem Wald, der die B5 säumt. Mit seinen gerade mal 59 Einwohnern ist der Ort im Gemeindegebiet von Waidhofen an der Thaya auch recht überschaubar. Trotzdem sind die Parkmöglichkeiten entlang der kurvigen Dorfstraße bestens gefüllt. Sehr zur Freude von Michael Schandl, der den Waldviertler Traditionsbetrieb seit Sommer 2015 gepachtet hat: „Unsere Stammgäste kommen zu gut 80 Prozent aus der Gegend, der Rest findet uns vor allem über Mundpropaganda.“

Nach dem Corona-bedingten Lockdown öffnet „der Streicher“ am 15. Mai wieder die Tür zur gemütlichen Gaststube. Michael Schandl erwartet in den ersten Tagen „keinen großen Ansturm. Ich denke, dass bei uns alles ruhig über die Bühne gehen wird.“ Wie viele andere Betriebe hat er für seine Mitarbeiter das Kurzarbeitsmodell der Regierung in Anspruch genommen und zuletzt nur an den Wochenenden gegen Vorbestellung aufgekocht. Natürlich ist der wirtschaftliche Verlust spürbar, doch in erster Linie ist der Niederösterreicher „dankbar, dass in unserem Umfeld alle gesund geblieben sind. Letztendlich war die Situation für alle gleich und es hätte wesentlich schlimmer kommen können.“ 

Fest verwurzelt

Der Landgasthof Streicher blickt auf eine lange Geschichte zurück. Ursprünglich als Pferdestall neben dem Schloss Vestenötting errichtet, beherbergt das Gebäude vermutlich seit Ende des 18. Jahrhunderts ein Wirtshaus. Seit 1910 ist es in Besitz der Familie Streicher, Leopold und Birgit Streicher übernahmen das Lokal 2003 in dritter Generation.
Michael Schandl war selbst lange Zeit Kellner „beim Streicher“. Der heute 35-jährige Waldviertler ist als Kind mit seinen Eltern nach Wien übersiedelt, hat in der HBLA Berg-
heidengasse Koch/Kellner gelernt – und ist keinen Tag länger als nötig in der Hauptstadt geblieben: „Am 25. Mai 2002 war ich ausgelernt, am 26. Mai war ich im Waldviertel hauptgemeldet, am 1. Juni habe ich zu arbeiten begonnen.“ Seine erste Station war das Golfhotel Waidhofen, das den „Streicher“ damals gepachtet hatte. Nach dem Zivildienst arbeitete Schandl aushilfsweise an Sonntagen im Landgasthof mit, später wurde daraus eine 20-Stunden-Anstellung. 
Dass er ein Team aus ehemaligen Kollegen führt, war anfangs eine große Herausforderung. „Ich war zwischendurch zwei Jahre im Außendienst bei der Brau Union. Als mich Herr Streicher gefragt hat, ob ich das Lokal pachten möchte, habe ich gezögert.“ Letztendlich hat der Reiz alle, auch finanziellen, Bedenken überwogen. „Natürlich gab es Schwierigkeiten; ich musste meinen Platz erst finden. Aber ich habe die Leute, mit denen ich privat befreundet bin, immer wieder gefragt: Wie habt ihr das früher gemacht? Wie würdest du entscheiden?“

Wenn der Kanzler kommt

Bekannt ist „der Streicher“ vor allem für die frisch zubereiteten Fleisch- und Grammelknödel, für die selbst die hungrigsten Gäste eine 25-minütige Wartezeit in Kauf nehmen. „Frau Lunzer, die seit fast 40 Jahren in der Küche arbeitet, kann sich erinnern, dass die Speisekarte früher viel kleiner war. Aber die Knödel sind immer schon drauf gestanden.“ Sie waren auch einer der Gründe, warum der damalige Bundeskanzler Franz Vranitzky, dessen Ehefrau Christine Waldviertlerin ist, immer wieder in Vestenötting zu Gast war: „Heute lässt er sich die Knödel hin und wieder von seinen Kindern holen.“
Spezialitäten wie das „Streicher-Pfandl“ (Schweinsmedaillons – in wechselnden Saucen – mit Kroketten, wahlweise gerne mit Waldviertler Knödeln), Wildvariationen oder Fische aus regionalen Gewässern sind weitere Visitenkarten des Landgasthauses. „Bei uns steht und fällt alles mit der Qualität der Küche“, sagt Michael Schandl, der als Bezirkswirtevertreter auch Sprachrohr seiner Kollegen gegenüber der Wirtschaftskammer ist. Dafür fehlen, im Gegensatz zu vergleichbaren Lokalen, die klassischen Schanksteher – nicht zuletzt, weil das Lokal per Fuß nur mit größter Motivation erreichbar ist. 
Früher ging es in Vestenötting freilich ganz anders zu. Der „Felsenkeller“, in dem tatsächlich Felsgestein die hintere Wand bildet und der heute einer der drei Lokalteile ist, war eines der ersten Vergnügungslokale in Waidhofen und Umgebung. Als Mischung aus Discothek und Pub mit schummrigem Licht und kuscheligen Nischen war der frühere Erdäpfelkeller der Treffpunkt der erlebnisorientierten Jugend und Junggebliebenen. „Damals sind die Leute nach ein paar Getränken noch mit dem Auto gefahren – nicht zuletzt, weil der Gendarm selbst die meiste Zeit bei uns unten im Keller gesessen ist ...“

Regionale Philosophie

Seine Waren bezieht der „Streicher“-Wirt möglichst lokal: Fleisch und Wurst von der Fleischerei Kainz in Waidhofen, Fische, vor allem Karpfen, von der Teichwirtschaft Kainz, wiewohl nicht verwandt ebenfalls aus Waidhofen, Erdäpfel von Bauern aus Großhaselbach, Klein Eberharts und Pfaffenschlag, Brot und Gebäck aus der Bäckerei Müssauer in Waidhofen. Sein Großhändler, Kastner in Zwettl, ist ebenfalls im Waldviertel zu Hause: „Sie besorgen ihre Waren zumindest weitestgehend aus Österreich, zum Beispiel Milchprodukte von NÖM oder donaulandRIND und donaulandSCHWEIN.“
Neben dem Landgasthof betreibt Schandl, der auch Event-Catering anbietet, zwei weitere Locations in der Umgebung. Der Gemeindesaal in Windigsteig mit seinen Bällen, Theateraufführungen und Leichenschmäusen sowie die Skihütte in Ulrichschlag sorgen für rund fünf Prozent des Umsatzes – wobei die Skihütte eher Liebhaberei und Erfüllung eines Jugendtraums ist. Die Schneelage der vergangenen beiden Winter ermöglichte keinen regulären Betrieb, „aber im Schnitt haben wir dort alle zwei Wochen eine private Party. Die Location ist perfekt, weil es weit und breit keine Nachbarn gibt.“
Eine andere Art von Nachbar sorgt seit drei Jahren für eine sehr gute Auslastung der sieben Fremdenzimmer: Seit der Eröffnung des 111 Kilometer langen, grenzüberschreitenden Thayarunde-Radweges, der nahe des Gasthofs die ehemalige Trasse der eingestellten Thayatalbahn entlang führt, sitzen immer öfter Gäste aus Tschechien beim Streicher. „Anfangs haben wir eine tschechische Speisekarte angeboten, aber das wollten sie überhaupt nicht. Die tschechischen Radfahrer nutzen die Gelegenheit, um auch gleich unsere Kultur und unsere Sprache kennenzulernen.“
Und um Waldviertler Fleisch- und Grammelknödel zu genießen.
 

Autor: Hannes Kropik

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