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Spannende Mörderjagden in den Wiener Kaffeehäusern

28.06.2007

Über 40 Wiener Kaffeehäuser beteiligten sich an der dritten Kriminacht. Wie schon im Vorjahr stürmten auch heuer wieder 16.000 Wiener die Lesungen. Über den Besucherandrang freuten sich die Krimiautoren, Kriminacht-Erfinder Christian Pöttler und FG Obmann der Kaffeesieder Günter Ferstl.

Krimi-Brunch auf der Terrasse der Erste-Bank am Petersplatz: Mit Kriminacht-Erfinder Christian Pöttler und FG Obmann der Wiener Kaffeehäuser Günter Ferstl sowie den Krimiautoren Santo Piazzese und Gabriel Barylli (v.l.n.r.stehend) sowie Edith Kneifl und Sabine Naber (v.l.n.r.sitzend)

Eine Mord-Serie bisher nicht gekannten Ausmaßes erschütterte halb Europa - von Berlin bis Palermo, von Warschau bis Hermannstadt und besonders Wien - Morde am laufenden Band. Diese Morde erfolgten noch dazu organisiert. Die dritte Kriminacht im Wiener Kaffeehaus lockte auch diesmal wieder 16.000 Besucher zu den Lesungen.

Tatort Kaffeehaus
„Nach dem überaus großen Erfolg bei der Premiere konnten wir im letzten Jahr die Anzahl der teilnehmenden Kaffeehäuser mehr als verdoppeln, in manchen lasen sogar zwei Autoren zu unterschiedlichen Zeiten. Wir wollen mit dieser Aktion durchaus die Erinnerung an die großen Literatur-Cafés aufrechterhalten, gleichzeitig aber auch unsere Kaffeehäuser als Orte der Begegnung vorstellen. Die Wiener Kaffeehäuser sind hinlänglich bekannt für ihren charmanten Service, das große Angebot an Kaffeespezialitäten sowie für ihre Produktqualität und sind als Touristenmagnet aus der Stadt nicht wegzudenken. Die Kriminacht stellt eine Werbung für alle 2.710 Mitgliedsbetriebe der Fachgruppe Wiener Kaffeehäuser dar, aber 2.710 Lesungen lassen sich halt unmöglich organisieren“, betont Günter Ferstl, Fachgruppenobmann der Wiener Kaffeehäuser, und bedauert gleichzeitig, dass er nicht einmal alle 44 mitmachenden Kaffeehäuser aus zeitlichen Gründen besuchen kann.

Einfache Idee
„Die „Kriminacht“ ist eine durchaus einfache Idee- und deshalb so erfolgreich, meint Kriminacht-Erfinder Christian Pöttler und begrüßte die große Krimi-Familie, die sich alljährlich in Wien trifft. Spannende Texte zur heißen Melange gab es bei der dritten Kriminacht, dem größten Fest des Krimigenres, heuer nicht nur in Wien, sondern auch in Berlin, Budapest, Hermannstadt oder Palermo. „Ein österreichisches Konzept auf internationalem Erfolgskurs. 44 Locations werden in Wien und 22 im restlichen Europa bespielt“, freut sich Christian Pöttler, der die „Kriminacht“ zum größten europäischen Krimifest ausbauen möchte. Erstmals gab es auch Kriminacht-Souvenirs: T-Shirts mit Kriminacht-Aufdruck, Feuerzeuge und eine CD mit dem Kriminacht-Sound.
Bei der offiziellen Eröffnung im Café Landtmann outete sich auch Bürgermeister Dr. Michael Häupl als großer Krimi-Leser, neben den klassischen Krimi-Autoren wie Agatha Christie oder George Simenon bevorzugt er historische Krimis, aber: „Das ist bei mir jahreszeitlich bedingt. Gerne mag ich auch Donna Leon oder Veit Heinichen.“
Der in Triest lebende Erfolgsautor Veit Heinichen war ebenfalls in Wien und verglich beide Städte: „Triest hat ja mehr eine Bar-Kultur. Und man kann nachlesen, dass schon vor 200 Jahren nirgendwo in Europa mehr Kaffee getrunken wurde als in Triest! Aber über die Kriminacht kann man als Autor nur dankbar sein.“ Und meinte über seine Bücher „Meine Krimis haben mehr Tiefgang als die Badewanne, in der man sie liest.“
Ehrenkieberer „Trautmann“ Wolfgang Böck: „Ich lese sehr gerne Krimis und da ist alles möglich: Veit Heinichen, weil ich Triest sehr gut kenne und sehr mag, die „Liebermann“-Krimis von Stuart Kaminsky, besonders gefallen hat mir in der letzten Zeit auch „Morpheus“ von Jilliane Hoffman, zwei amerikanische Autoren“.

Torten-Feuerwerk
Zum ersten Mal einen Krimi schrieb Gabriel Barylli, der am Tag vor der Kriminacht seinen 50. Geburtstag feierte, und von den Landtmann-Besitzern Anita und Bernd Querfeldt eine Torte überreicht bekam, die so feurig sprühte, daß Barylli blitzartig konstatierte: „Wenn die Torte jetzt noch explodiert, wären wir mitten in einem Krimi!“ Und auf die Frage von Markus Pohanka, der die Kriminacht-Eröffnung moderierte, warum Barylli nun auch einen Krimi („Ballerina“) schrieb, gestand er: „Ich wollte endlich „Rotkäppchen“ toppen. Man muss nur die Märchen der Gebrüder Grimm lesen, das ist das ABC der Spannung“. Gabriel Barylli der erfolgreiche Bühnen und Romanautor wurde 1957 als Sohn eines Wiener Philharmonikers und einer Opernsängerin geboren. Er begann eine Schauspielausbildung am Max ReinhardtSeminar und bekam schon vor abschluss ein Engagement im Wiener Burghteater. 1989 erschien sein Debütroman „Butterbrot“, der zum Bestseller wurde. Er las aus seinem neuesten Roman „Ballerina“ um 21 Uhr im café landtmann, um dem es um einen Mordfall in der Opernwelt geht.

Spannende Krimiwelt
Eröffnet hat den Reigen der Lesungen die Italo-Engländerin Magdalen Nabb im Thalia Mediencafé: „Als ich letztes Jahr die Kriminacht-Einladung nach Wien annahm, war ich von dem Event so begeistert, dass ich spontan sagte, dass ich immer wieder kommen werde.“
Während der Kriminacht erfuhr auch der griechische Star-Autor Petros Markaris, daß sein neuer Kostas Charitos-Krimi „Der Großaktionär“ die neue Nr. 1 der „Krimiwelt-Bestenliste“ ist. Markaris spricht perfekt deutsch, besuchte er doch das berühmte österreichische St. Georgs-Kolleg in Istanbul und studierte von 1960 bis 1965 in Wien, er übersetzte auch Thomas Bernhard, Brecht´s „Mutter Courage“ oder Goethes „Faust“ ins Griechische. Im „Nachtfalter“ (1998) schickt Markaris seinen Kommissar in die Welt der Athener Bouzouki-Bars mit den dazugehörigen Schönen und Reichen: „Die wahren Verbrechen haben heute keine Schusswaffen mehr, sie sitzen in reichen Häusern und lenken von dort aus ihre „Geschäfte“. Das wahre Verbrechen ist globalisiert und investiert Geld ins Verbrechen, damit macht man das ganz große Geld und diese wahren Verbrecher sind sher schwer zu fassen. Was mich interessiert, ist die Verknüpfung von sozialen Umständen mit menschlicher Tragödie.“ Und über sein hassgeliebtes Athen sagt er: „Athen ist eine rasende Stadt, in der sich nichts bewegt. Ich glaube, die Athener leben tagsüber in der Hölle, damit sie in der Nacht einen Platz im Paradies haben.“
Ebenfalls bei der Kriminacht dabei: Adi Hirschal (liest gerne Veit Heinichen oder Mickey Spillane), der im Café Korb Texte von Sabine Naber las. Im Café Museum standen gleich zwei Autoren, um 21 Uhr Ernst Hinterberger und um 23 Uhr die wohl jüngste Krimiautorin Wiens, Anna F. Herzig, im Mittelpunkt der Kriminacht.

Engel als Mörder
Im Café Sperl bei Manfred Staub las Raoul Biltgen, der seit 14 Jahren als freier Schauspieler, Dramaturg und Schriftsteller in Wien lebt, Ausschnitte aus „perfekt morden“ und einzelne Texte aus seiner Monologsammlung „einer spricht“, welche voraussichtlich im Herbst erscheinen wird.
Der Wiener Thomas Raab studierte Mathematik und Sportwissenschaften. Er las aus seinem Krimi-Erstling „Der Metzger muss nachsitzen“ im ORF Kulturcafé., in welchem der kauzige Einzelgänger Willibald Adrian Mettzger einen alten Klassenkameraden tot auffindet und bald recht unfreiwillig in die Mordermittlungen stolpert.
Rechtzeitig zur Kriminacht erschien auch Sabine Nabers vierter Kriminalfall „Der letzte Engel springt“ in gedruckter Form. Sie erläutert dazu: Ich wollte ja schon einmal einen Liebesroman schreiben. Aber nach zehn Seiten hatte ich plötzlich schon wieder einen Toten …“
Zur Geisterstunde gab Axel Karner im Café Drechsler seine in Mundart geschriebene Prosa und Lyrik wie „A meada is aa lei a mensch“ zum Besten.

Krimi-Nesthäkchen
Mangel an Einsatz und Ideen kann man Anna F. Herzig bestimmt nicht vorwerfen: Gerade zwanzig Jahre alt geworden, kann das Nesthäkchen der Kriminacht auf einen Krimi zurückblicken („Der Tod kann warten“), den sie bereits als Sechzenjährige verfasst und mit dem sie die letzte Kriminacht beehrt hat.
Derzeit werkelt die vor Energie überschäumende Jungautorin an zwei Kurzfilmen und einem eigenen Kabarettprogramm. Und da war doch noch was mit einem Fantasyroman. Hausarrest kann offenbar manchmal ganz hilfreich sein: Sie sei eben kein braves Kind gewesen und hätte oft Hausarrest und somit viel Zeit zum Lesen gehabt ...und später auch zum Schreiben, wird erzählt.

Autor/in:
Redaktion.OEGZ
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