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Speisekarten im Telefonbuchformat

10.01.2008

Die Kennzeichnung von in der Gastronomie eingesetzten Lebensmitteln beschäftigt Konsumentenschützer schon längere Zeit. Konkret geht es um möglicherweise allergen wirkenden Stoffe, die Herkunftskennzeichnung und um die Nährwertkennzeichnung.

Auf nationaler Ebene konnte der Fachverband Gastronomie Vorstöße zur Ausdehnung der Lebensmittelkennzeichnungsvorschriften auf die Gastronomie erfolgreich abwehren. Nun beschäftigt sich die EU-Kommission intensiv mit dieser Thematik. Die Generaldirektion Sanco (zuständig für Lebensmittelsicherheit und Konsumentenschutz) hat einen ersten Vorschlag für eine Revision des Kennzeichnungsrechtes vorgelegt. „Dieser ist äußerst unklar und verwirrend und lässt befürchten, dass dadurch auch die Gastronomie in die auf Industriebetriebe zugeschnittenen komplizierten Kennzeichnungsvorschriften ein­bezogen werden soll“, kritisiert Dr. Thomas Wolf, Geschäftsführer des Fachverbands Gastronomie, und er führt dazu einige Beispiele ins Treffen.

Obwohl sich die Kommission auf Seite 8 des Entwurfs ausdrücklich zum Subsidiaritätsprinzip bekennt, wird dieses in der Folge in sehr weitreichender Weise durchbrochen bzw. überhaupt auf den Kopf gestellt: Nach Artikel 41 in Verbindung mit Artikel 13/6 wäre der nationale Gesetzgeber verpflichtet, innerhalb einer Übergangsfrist von zwei Jahren eine zwingende Kennzeichnung von möglicherweise allergen wirkenden Stoffen (aufgelistet in 14 Produktkategorien im Annex II) auch für das Gastgewerbe vorzusehen.
In der Praxis würde dies zu einem unzumutbaren administrativen Mehraufwand führen, der vor allem für kleinere und mittlere Betriebe mit ihrem täglich wechselnden Produktsortiment und ihrer großen Produktvielfalt kaum zu bewältigen ist. „Gerade die Gastronomie lebt von oft spontanen Produktvariationen, die den Betrieben nach diesen Vorgaben praktisch nicht mehr möglich wären“, führt Wolf ins Treffen. Zudem seien Speisekarten im Umfang von Telefonbüchern oder ein unüberblickbarer Schilderwald an den Verkaufstheken sicher nicht im Interesse der Gäste. „Bei einem Wiener Schnitzel mit gemischtem Salat (um ein in Österreich gängiges Standardgericht zu nehmen) müsste auf der Speisekarte zumindest auf die Zutaten Ei, Milch und Weizenmehl sowie allenfalls auf Sojafett und Erdnussbestandteile im Siedefett und darüber hinaus auf Senf, Sojalecithin und Sellerie als Zutaten im Salat hingewiesen werden“, illustriert Wolf an einem weiteren Beispiel den seltsamen Effekt solcher Vorschriften, den – so zeigte schon 2006 eine vom Marktforschungsinstitut Karmasin durchgeführte Studie – auch die österreichischen Konsumenten nicht wollen.
Demnach halten 76 % der Gäste die bisherige Auszeichnung auf den Speisekarten für ausreichend. Der Hinweis auf mögliche allergen wirkende Stoffe auf den Speisekarten wird von nur 14 % der Gäste als wünschenswert erachtet.

Nationale Zuständigkeit
„Wir treten vehement dafür ein, dass die Regelungskompetenz für unverpackte Lebensmittel (und somit insbesondere das Gastgewerbe) weiter in der nationalen Gesetzgebung verbleibt. Gastronomiebetriebe sind durchwegs klein strukturiert und regional tätig, insofern ergibt sich dadurch keinerlei Auswirkung auf den innergemeinschaftlichen Handel, weshalb wir auch nicht einsehen, warum die EU-Kommission in diesem Bereich überhaupt tätig werden soll“, betont Fachverbands­obmann Helmut Hinterleitner
In diesem Sinne hat sich der Fachverband auch an die europäische Dachorganisation des Gastgewerbes (HOTREC) gewandt und Widerstand gegen die praxisfremden Kennzeichnungsbestimmungen eingefordert.

Autor/in:
Redaktion.OEGZ
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