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Süßwein in Österreich

05.05.2003

Bei internationalen Weinmessen in England, Japan, USA oder Australien werden Süßweine - nicht zuletzt auch jene aus Österreich mit Höchstnoten bewertet. Die KonsumentInnen in den eben genannten und auch anderen Ländern sind bereit, hohe Summen für entsprechende Qualitäten zu zahlen. Die Nachfrage übersteigt das Angebot bei weitem.

Wie entsteht Süßwein?

Die Rede soll hier in erster Linie von hochwertigen Beeren- und Trockenbeerauslesen sowie Ausbrüchen sein. Gemeinsam haben diese 3 Weinkategorien, daß die Zuckerbildung am Rebstock erfolgt und nicht durch Auflegen und Trocknen des Traubenmaterials wie bei Schilfweinen oder durch eine abgebrochene Gärung des Traubensafts unter Zugabe von Branntweinen zwecks Gärstopp wie bei der Portweinerzeugung üblich. Erwähnenswert sind noch Eisweine, die aus gefrorenen Beeren (Lesetemperatur von mindestens minus 8 Grad Celsius) gekeltert werden.
Trauben für Beerenauslesen müssen einen Mindestzuckergehalt von 25 KMW (Klosterneuburger Mostwaage als Einheit zur Messung des Zuckergehalts), jene für Ausbrüche 27 KMW und jene für Trockenbeerauslesen mindesten 30 KMW aufweisen. Die Trauben sind in dieser Reifegradation rosinenartig eingeschrumpft und meist von Edelfäule überogen. Die Verbreitung dieses Pilzes mit dem lateinischen Namen "Boytritis cinera" benötigt eine relativ hohe Luftfeuchtigkeit vor der Lese. Weltweit gibt es nur 3 Weinbaugebiete, wo diese Edelfäule regelmäßig auftritt. Das Sauternes unweit von Bordeaux in Frankreich, Tokaj in Nordostungarn und schließlich die Gegend um den Neusiedler See, vor allem im Seewinkel mit dem Zentrum Illmitz.

Was zeichnet Süßwein aus?

Das rosinenartigen Einschrumpfen der Trauben bewirkt nicht nur eine erhöhte Zuckergradation sondern erhöht auch die anderen Komponenten in den Beeren wie den zuckerfreien Extrakt und die Säurewerte. Es entsteht quasi ein hochkonzentrierter Most, der im Idealfall auch höchste Komplexität aufweist. Die Konzentration dieser Weine bewirkt auch eine enorm lange Lagerfähigkeit. Französische Sauternes - Süßweine aus dem 18. Jahrhundert erwiesen sich bei diversen Raritätenverkostungen als noch immer hochklassig und hatten durch die lange Lagerung sogar an Klasse gewonnen.

Dass der Arbeitsaufwand hoch sowie der Ertrag bei Süßweinen durch die um ein Vielfaches geringere Saftausbeute äußerst niedrig ist, führt klarerweise auch zu einem gehobenen Preisniveau dieser Kressenzen. Von einigen wenigen Produzenten abgesehen, die sich am internationalen Markt bereits etablieren konnten und sich auch preislich an diesem orientieren, ist die durchschnittliche Preis-/Leistungsrelation österreichischer Erzeugnisse als sensationell zu bezeichnen.

Wann und wozu trinkt man Süßweine?

Als Weinberater rate ich zur Verwendung von Beeren- und Trockenbeerauslesen als Aperitif dringlich ab, da die Konzentration und der Restzucker die nachfolgenden Speisen und begleitenden Weine zu stark überlagern würden. Als klassisches Einsatzgebiet bietet sich das Dessert in Form von Süßspeisen an, wobei sich aber Gerichte, die von Obst dominiert werden, weniger eigenen, da sich die Wein- und Fruchtsäuren in Kombination unharmonisch auswirken. Abzuraten ist auch von der Begleitung zu schokoladengeprägten Desserts, da deren Aroma den Wein übertönen würde. Ein interessantes Einsatzgebiet stellt die Kombination mit Blauschimmelkäsen dar, deren ausgeprägte Salzigkeit durch die hohe Süße bei gleichzeitiger Fruchtsäure der Weine gut ergänzt wird.

Aber warum sollte hochwertiger Süßwein nicht auch gelegentlich als Getränk für sich genossen werden, gleichsam als Meditationswein? Denn erst durch die eingehende und konzentrierte Verkostung dieser edlen Kressenzen kann deren tatsächliches Potential erkannt werden. Dieses kommt in unglaublich vielschichtigen Fruchtnuancen und enorm langem Abgang zum Ausdruck. Sich einmal einen Abend mit einer Demibouteille Süßwein zu beschäftigen, führt außer einem tieferen Verständnis für diese Weine auch zu höchstem persönlichen Genuss.

Warum wird die Klasse österreichischer Süßweine im Inland noch zu wenig gewürdigt?

Die in den 80er Jahren als österreichischer Weinskandal bekannten Ereignisse führten in der Folge zu einer zweifellos positiven Besinnung auf Qualitätsweinbau, die nach wie vor anhält und Österreich als Weinland auch international einen beachtlichen Status einräumte. Leider waren jedoch gerade Süßweine vom Weinskandal am meisten betroffen und konnten sich in Folge - obwohl nur wenige, vornehmlich Großerzeuger auch darin verwickelt waren - am schwersten davon erholen. Die weniger weinversierten KonsumentInnen assoziieren mit Süßweinen vor allem halbtrockene, milde Schankweine, die keinesfalls mehr kosten dürfen als ein trockener Heurigenwein. Die Einsicht, für eine Halbflasche Trockenbeerauslese mehrere hundert Schillinge hinzulegen, fehlt bei diesem KonsumentInnenkreis verständlicherweise völlig. Aber auch das weininteressierte Publikum zahlt lieber für einen Wachauer Smaragdwein oder einen mittelburgenländischen Rotwein den vielerorts dafür verlangten hohen Preis als für einen Süßwein.

Den erstklassigen Süßweinproduzenten bleibt oft nichts anderes übrig, als sich im Ausland nach geneigter Kundschaft umzusehen, um ihre Weltklassekressenzen zu verkaufen. Von der Schweiz über Deutschland, England, USA, Japan bis Australien scheint das Interesse dafür jedenfalls gegeben zu sein. In Österreich wird von Produzenten, Handel und Gastronomie noch viel Pionierarbeit zu leisten sein, um das nötige Bewusstsein zu schaffen, dass 60km östlich von Wien einige der größten Weine der Welt wachsen.

Text mit freundlicher Genehmigung der Weinberater - www.weinberater.at .

Autor/in:
Redaktion.OEGZ
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