Direkt zum Inhalt

Täglich einen Marathon laufen

15.06.2009

Wie bringt man das alles unter eine ­Kochmütze? Einen schweren Schicksalsschlag verdauen, zwei Töchter im Alleingang erziehen und dann kontinuierlich auf Drei-Hauben-Niveau kochen? Erich Pucher und sein ganz „normaler Wahnsinn“

Erich Pucher bei der Auswhal der Kräuter.

Erich Pucher ist ein religiöser Mensch, wie er selbst sagt. Doch mitunter hat er den Glauben an den Herrgott verloren. Lange stemmte sich seine Frau Ruth gegen den Krebs, vor vier Jahren verlor sie den Kampf endgültig. Erich Pucher ging damals in die Kirche zum Beten, unzählige Male, die Hilfe von oben blieb aus. „Wenn man von tausenden Toten beim Tsunami hört, ist das tragisch, erst, wenn es einen selbst erwischt, merkt man, wie hart so ein Schicksal ist.“ Sein Wille hielt ihn aufrecht und seine Töchter Lisa und Alina.

„Ich fühle mich meiner Frau verpflichtet, dass beide eine gute Erziehung bekommen.“ Eine Menge Aufgaben, der Tagesablauf ist daher ein täglicher Marathon. Um 6 Uhr aufstehen, Frühstück für die Kinder machen und schauen, dass sie in die Schule kommen. Um 9 Uhr ab in die Küche, bis 14.30 Uhr, dann zu Hause Essen kochen, Schulaufgaben mit den Kindern checken, Abendessen kochen, in die Arbeit und um Mitternacht wieder nach Hause. In der Minifreizeit bleibt gerade einmal eine schnelle Runde im Swimmingpool, ein Ausflug zum Fischen oder Schwammerlsuchen.

ihn bei WestIn zum Koch des Jahres, auch ­seine Aufgaben in St. Moritz, Kopenhagen, am ­Arlberg, in Los Angeles und in Johannesburg erledigte er problemlos. Nach Singapur wollten ihn seine Chefs nicht gehen lassen. „Das Problem ist: Zuerst sagen sie, wenn man gut ist, kommt man überall hin. Und wenn man wirklich Leistung bringt, wollen sie dich nicht weglassen.“ Er klopfte also bei Royal Viking Sun an. Normalerweise der direkte Weg auf die Warte­liste, doch Pucher bekam sofort einen Startplatz in der Edelkombüse eines Kreuzfahrtschiffs. Bald nahm er dennoch die Ausfahrt retour Richtung Heimat.
Er nützte die Chance, die Rahmhube auf der Stolzalpe zu übernehmen. 22 Jahre lang blieb sie sein kulinarischer Mittelpunkt, unter Kennern wurde sie als Geheimtipp gehandelt und mit zwei Hauben ausgezeichnet. Für zahlreiche Laufkundschaft war die Lage allerdings nicht die Beste. Nach einer Anzeige des Arbeitsinspektorats wegen einer defekten Gasanlage nahm Erich Puchers Leben ziemlich abrupt eine Abzweigung. Die Ironie des Schicksals: Eine genauere Überprüfung des Hauses brachte eine lange Liste an Reparaturen, das Einzige, was nicht beanstandet wurde, war die Gasanlage. In Murau fand er eine neue Herausforderung im Lerchers Panoramahotel, ein Traditionshotel seit 1704, das kulinarisch durchstarten wollte.

Vom Berg ins Tal ... Vor 20 Jahren war Erich Pucher auf der Rahmhube ein Pionier, doch qualitative Produkte gab es in der Umgebung damals keine. Jede Woche pilgerte er deshalb nach Graz zum Einkaufen: „Wegen eines Wolfsbarschs wäre kein Lieferant früher gekommen.“ Jetzt bekommt er Tauben, Wachteln und Meeres­fische frisch geliefert. Sicher könnte er auch ausschließlich heimische Fische nehmen, aber auf Dauer verliert ein Soloauftritt der Forelle an Reiz. „Einige Gäste kommen zu uns, weil sie auch Thunfisch oder Gänseleber essen wollen.“
Dennoch spielen heimische Produkte bei ihm eine sehr große Rolle: Schafscamembert von Adalbert Oberreiter, geräucherter Ziegen-Schafs-Käse vom Lendlbauern oder die Forellen aus dem Gut des Fürsten Schwarzenberg.
Mit Stickstoff und andere Spielereien kann er nicht mehr allzu viel anfangen. Doch hin und wieder eine gewagte Kombination, das juckt ihn. Fleisch mit Fisch war vor 20 Jahren ­verpönt. Probiert hat er es dennoch. Auf der Grazer Messe kochte er Kalbsrücken mit Lachs und Mango. „Da haben die Leute komisch geschaut, aber nur skurril zu kochen ist zu wenig. Es muss schon schmecken, erst dann ist es wahre Kochkunst“, so Pucher. Geräucherten Hirsch mit Jakobsmuscheln serviert er heute gerne, oder Kalbsstelze mit Gänseleber.

Ein typischer Mittelstürmer … Erich Pucher ist ein Beißer, einer, der seine Linie schon fast stur verfolgt: „Ein bisschen verrückt ist jeder Koch, es kommt halt darauf an, wie man spinnt.“
Eine Karriere als Fußballer hätte ihn fasziniert, als Bursch hat er sogar zusammen mit Goleador Walter Schachner gespielt. Was geblieben ist, sind die gemeinsamen Fisch- und Schwammerl­jagden. Und manchmal treten sie heute noch im gleichen Dress an.
Erich Pucher ist Gründungsmitglied der österreichischen Nationalmannschaft der Haubenköche, bei der immer wieder Gastkicker wie Heimo Pfeifenberger oder Walter Schachner „aushelfen“. Weiters regelmäßig dabei: Martin Sieberer, Gerhard Gugg, die Brüder Obauer oder Thomas Dorfer. Angefangen hat alles, weil die österreichischen Köche den Deutschen beim Skifahren ständig um die Ohren sausten. Daher der Vorschlag der Nachbarn auf Fußball umzusteigen, geändert hat es in der Siegesbilanz nur wenig. Nicht zuletzt dank unseres energischen Mittelstürmers mit der Nummer neun.*

Autor/in:
Redaktion.OEGZ
Werbung
Werbung