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„Tourismus ist ein großes ­Märchentheater“

12.05.2021

Wird der Tourismus nach der Pandemie nachhaltiger? Tourismusethiker Harald A. Friedl meint: eher nein! ­Einzige Chance: Wenn den Gästen Lust auf besseren Konsum gemacht wird

Harald A. Friedl, Jurist und Philosoph und forscht und lehrt mit Schwerpunkt Nachhaltigkeit am Studiengang Gesundheitsmanagement im Tourismus an der FH Joanneum in Bad Gleichenberg.

Sie haben in einem Interview mit Der Standard vor einem Jahr den Tourismus mit Drogenhandel verglichen. Weil den Konsumenten Lügen und Märchen erzählt werden und die Auswirkungen für die Allgemeinheit (Stichwort Klimaerwärmung) verheerend sind. Viele meinen, der Tourismus würde jetzt nach einem Jahr kaltem Entzug in Zukunft nachhaltiger werden. Sind Sie auch der Meinung? 
Harald A. Friedl: Tourismus ist ein großes Märchentheater einer schönen, heilen Welt, wirkungsvoller als Hollywood, weil wir als Touristen in diesen Märchen selbst die Hauptrolle spielen – als Prinzessin, Indianer Jones oder Wonderwoman. Das macht uns glücklich. Die ökologischen und sozialen Kosten, wie die Klimaerwärmung, werden aber abgewälzt. Machen Impfungen touristische Reisen wieder möglich, werden sehr viele Menschen sofort wieder aufbrechen, um ihre Sehnsucht nach Traumwelten zu stillen. Nachhaltigkeit ist vielfach ein Angebot für jene, die schon alles gesehen und ausprobiert haben und nun übersättigt ihre Erfüllung in der veganen Enthaltsamkeit finden. Überzeugt ermahnen sie zu Verzicht auf Fleisch, Flüge und flotte Flitzer. Doch dieser moralisierende Anspruch bewirkt eher Ablehnung als Anhängerschaft. Darum ist auch der Boom der SUVs ungebrochen.

Die Enthaltsameren sind bestrebt SUV-Fans oder Viel­fliegern ihren Lebensstil mit Verboten oder massiven Verteuerungen auszutreiben.
Der Motor unserer Welt ist das Ringen um mehr: größere Autos, lustvollere Erlebnisse, spürbarer Erfolg, wirkungsvoller Einfluss! In diesem Spiel geht es darum, immer weiter nach oben zu klettern, was voraussetzt, im Spiel zu bleiben. Warum sollten also jene, die es bis oben geschafft haben, jenen, die sie hinaufgehoben haben, ihre liebsten Spielsachen wegnehmen, wenn sie das aus dem Spiel kicken würde?

In Ihren Vorträgen sagen Sie, dass „Nudging“ – also positive Anreize zu schaffen – der zielführendste Weg ist, der Klima­krise entgegenzuwirken. Haben Sie ein touristisches Beispiel?
Das menschliche Gehirn ist versessen auf alles, was Lust bewirkt: köstliche Speisen, schöne Menschen, ekstatischer Sex, grandioser Erfolg … und besonders das Gefühl, dazuzugehören. Mit der Wahl des Grünen Sees zum schönsten Ort Österreichs im Jahr 2014 wurde dieser Insider-Ort über Nacht in ein „Pilgerziel“ verzaubert. Plötzlich musste jeder die suggerierte „Magie“ dieses Ortes erfahren, Teil dieses „besonderen“ Erlebnisses werden. Das führte zwar zum Übertourismus, aber wenigstens vor der Haustüre, ohne Flug um die halbe Welt. Die seit Jahren durch Werbung geprägten Menschen werden auch weiterhin nach „Paradiesen“ suchen. Wer Drogen verbietet, verhindert sie nicht, sondern zwingt diesen Markt in den Untergrund. Wer jedoch Drogenkonsum kultiviert und attraktivere, lustvollere, magischere Angebote von „Paradiesen vor der Haustür“ entwickelt, kann zumindest zu klimafreundlicherer Reise(sehn)sucht beitragen. 

Touristisch gesehen ist Österreich ein Exportmeister. In Tirol hängt beispielsweise jeder vierte Arbeitsplatz am Tourismus. Mit Urlaub ums Eck lässt sich die Wertschöpfung nicht halten. Dass Österreich das nachhaltigste Reiseland werden will, ist für viele eine leere Ansage. Wie kann denn diese Transformation gelingen? 
Kurzfristig gar nicht, weil das Tourismussystem hochkomplex und darum durch Teil-Systeme mitgesteuert ist. So wird etwa bislang in keinen touristischen Bildungseinrichtungen operatives Know-how über Nachhaltigkeit, Klimaschutz und Change Management hinreichend umfassend, geschweige denn systematisch vermittelt. Den meisten Praktikern wie auch Tourismuspolitikern fehlen solche Kompetenzen völlig. Doch auch in seriöser Forschung sucht man vergebens nach einheitlichen und durchschlagenden alternativen Theorien, was der Komplexität der Herausforderungen geschuldet ist. Darum setzen die meisten ­Menschen weiterhin auf das vertraute numerische Wachstum, allen Problemen zum Trotz. Langfristig sind externe Faktoren wie spürbare Verknappung von Rohstoffen bei steigenden Kosten und zunehmenden Schäden – sowie die zunehmenden Krisen in exotischen Destinationen – entscheidend. Der Mensch verändert sich immer nur, um Lust zu maximieren oder Schmerz zu minimieren. 

Autor/in:
Daniel Nutz
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