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Homosexuelle sind eine interessante Zielgruppe für Touristiker.

Tourismusangebote andersrum: Gay Tourism

09.05.2018

Schwule und lesbische Gäste sind eine besonders reiseaffine Zielgruppe. Kommendes Jahr werden zur Europride in Wien mehr als eine Million Besucher erwartet. Ein Blick auf die Reisegewohnheiten der sogenannten LGBT-Community

LGBT-Events in Wien
  • Life Ball 
  • Diversity Ball 
  • Vienna Boylesque Festival 
  • Identities – Queer Film Festival
  • Regenbogen-Parade
  • Vienna in Black

Wir schreiben das Jahr 2018. Und der FPÖ-Tourismussprecher Gerald Hauser ist offenbar entsetzt. Grund der Aufregung: Der WienTourismus wirbt in diversen Kampagnen dafür, dass homosexuelle Touristen die Bundeshauptstadt besuchen sollen. Hausner glitt darum in seiner Parlamentsrede, die eigentlich das Bundesbudget zum Thema hatte, ab und kritisierte die Vermarktungsstrategie der Wiener. Die plötzliche Aufregung des Tourismussprechers der Freiheitlichen verwundert Branchenkenner einigermaßen, da Wien bekanntlich schon seit 20 Jahren Marketing in der LGBT-Zielgruppe (das steht für lesbisch, schwul, bisexuell und transsexuell) macht. So reagiert auch der Wiener Tourismusdirektor Norbert Kettner mit Süffisanz auf die FP-Kritik: „Wir entscheiden unsere Strategie nach Marktkenntnissen und Kompetenz und nicht nach Vorurteilen“, sagte er am vergangenen Tourismus-Jour-Fixe des WienTourismus. Für die Gäste lagen bei der Veranstaltung übrigens spezielle 3D-Brillen mit der Aufschrift „From Vienna with Love“, bereit, durch die man Herzchen sehen konnte. Wien ist eine tolerante, offene Stadt, welche die Vielfalt der Lebensstile fördert, lautet die Botschaft. Homosexuelle sind willkommen – dafür gab es zuletzt auch Auszeichnungen wie etwa den Gay Travel Award 2017. 

Was ist Gay Tourism?

Doch warum geht es überhaupt beim Thema Gay-Travel, was macht Homosexuelle als Zielgruppe aus und besonders interessant? 

Wer ist die Zielgruppe?

Reisen Schwule und Lesben wirklich anders? Die Frage ist gar nicht einfach zu beantworten. Eine Umfrage aus dem Jahr 2015 kommt zu dem Schluss, dass die Gay-Community auf Qualität, Preis und Angebot der Destination setzt – was auch sonst!? Allerdings: Laut der Welttourismusorganisation UNWTO ist die LGBT-Zielgruppe für fünf bis zehn Prozent des weltweiten Tourismus verantwortlich. Demnach ist nicht bloß ihre Reisefrequenz höher, sondern auch das zur Verfügung stehende Budget. Darum wird in den USA der Begriff „Pink Dollars“ verwendet. Wien Tourismus hat übrigens im Jahr 2013 eine Marktstudie zum Reiseverhalten und den Potenzialen der Zielgruppen in verschiedenen Märkten umgesetzt. Dabei wurden mehr als 1.000 Personen online befragt (siehe Grafik). 

Braucht es spezielle Angebote? 

Der soziale Wandel und die im Laufe der Zeit abnehmende rechtliche Diskriminierung führten dazu, dass eine Gay-Travel-Community erst überhaupt sichtbar wurde. Wie der Second Global Report on LGBT-Tourism der UNWTO aus dem Vorjahr beschreibt, handelt es sich – wie nicht anders zu erwarten – bei den Reisenden um eine ziemlich heterogene Gruppe. Grob kann man aber aus Destinationssicht von zwei unterschiedlichen Motiven ausgehen, die Urlauber in gewisse Städte und Regionen locken.

 Zum einen zeichnen sich Destinationen über eine gewisse Willkommenskultur aus. Sprich, homosexuelle Gäste erfahren keine rechtliche Diskriminierung und werden auch sozial, also von der Stadtbevölkerung, anerkannt. Wenn zwei Frauen oder zwei Männer Hand in Hand durch die Wiener Kärntner Straße laufen, führe das zu keinen verdutzten Blicken. Der Wiener Tourismusdirektor Kettner umschreibt das im Gespräch mit der ÖGZ mit einer gewissen „Wurschtigkeit“, die die Wiener Bevölkerung an den Tag lege. Es gehe um leben und leben lassen! 

Darüber hinaus gibt es natürlich spezielle touristische Angebote für homosexuelle Gäste. Das beginnt etwa bei Anknüpfungspunkten zur lokalen Szene, also etwa Homo-Bars und -Clubs. Diverse Angebote in Wien werden etwa auf einer eigenen Website zusammengefasst (www.wien.info/en/vienna-for/gay-lesbian). Über die Grenzen bekannt sind Veranstaltungen wie der Life-Ball oder das Identities – Queer Film Festival (siehe Kasten). Darüber hinaus zeichnen sich Städte wie San Francisco, Barcelona, Berlin oder eben Wien dadurch aus, dass sie spezielle Angebote für die LGBT-Community bereitstellen. Populär sind etwa Hochzeiten sowie Hochzeitsreisen oder diverse Events wie etwa in Wien die Regenbogen-Parade.  

Ursprünge in den 1970ern

Die Ursprünge spezieller touristischer Angebote liegen übrigens in den 1970er-Jahren. 1973 soll ein US-Reiseveranstalter eine speziell für Schwule ausgerichtete Tour durch den Grand Canyon angeboten haben. Dies gilt als die Geburtsstunde des Tourismusmarketings für diese Zielgruppe. Aufgrund der relativ großen Kaufkraft der LGBT-Community begannen in den 1980er-Jahren mehr und mehr Touristiker, spezielle Angebote zu schnüren. 1983 gründeten einige Reiseagenturen und Hotels die International Gay Travel Association. Mittlerweile sind die Mitglieder in mehr als 70 Ländern weltweit präsent. 

Europride: Großevent in Wien

Ein Highlight am internationalen Eventkalender findet im Frühsommer 2019 in Wien statt. Zum bereits zweiten Mal nach 2001 kommt die Europride in die Donaumetropole. Neben der World Pride in New York stellt diese die zweitgrößte Veranstaltung der Community dar. Von 1. bis 16. Juni werden unterschiedliche Veranstaltungen, Diskussionen und der Höhepunkt der Regenbogen-Parade am 15. Juni stattfinden. Der Tourismusfaktor einer solchen Veranstaltung ist kaum hoch genug einzuschätzen. Schätzungen zufolge wird mit zumindest einer Million Besuchern gerechnet. Das heißt, dass der Event für Wien in einer Größenordnung der Fußball-EM 2008 steht. Die Wiener rühren bereits weltweit die Werbetrommel. 

Schlüsse können die Wiener jedenfalls aus Madrid ziehen. Dort fanden 2017 die Euro- sowie Worldpride statt. Über die Auswirkungen berichtete unlängst der zuständige Direktor der Veranstaltung Juan Carlos Alonso Reguero bei einem Besuch in Wien. Demnach sorgte die Veranstaltung von 23. Juni bis 2. Juli 2017 für einen Umsatz von 390 Millionen Euro. In den fünf stärksten Tagen wurden 115 Millionen Euro ausgegeben. 
Diese Zahlen sprechen dafür, dass es nicht nur moralisch fragwürdig, sondern ökonomisch töricht wäre, sich dieser Zielgruppe zu verschließen. 

Autor/in:
Daniel Nutz
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