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Roland Graf, ÖGZ-Wein- und Spirituosen-Experte, www.trinkprotokoll.at

Trinkprotokoll: Instant-Schnaps

31.10.2019

Für welche Getränke sich Konzern-Entwicklungsabteilungen und Start-ups ­begeistern, zeigt verlässlich Europas größte Bar-Messe BCB in Berlin.

Man kann sich sogar den Spaß machen und wie die Chinesen den Jahren Tierkreiszeichen des Trinkens zuordnen: Auf das Jahr der Gin-Schwemme (2017) folgte die Tonic-Materialschlacht (2018) und das Jahr der alkoholfreien Destillate (2019). Sie dominierten die Messe heuer. Und erfreulicher Weise mischt auch Österreich im neuen Markt (?) mit: Patrick Marchl hat seinem „Rick Gin“ eine Version ohne Promille folgen lassen.

Der Steirer war einer von gut zwanzig ­Anbietern von Alk-Alternativen, denen ­eines gemeinsam war: Man sollte sie nicht pur trinken! Im besten Fall schmecken sie nach Zitronenmelissen-Tee, im schlimmsten nach bitter gewordenen Blumenvasen-Wasser. Erst der Kontakt mit einem Filler lässt daraus wie von Zauberhand den gewünschten Geschmack (z. B. Gin-Tonic) ­erstehen. Aber: Kann man ein Getränk, das pur wenig bis nicht schmeckt, noch so nennen? Und wer soll das eigentlich trinken? Nichts gegen Entgiften und Alko-Fasten. Nur der Jogger wird sich nicht unbedingt nach einem elektrolytischen G&T-­Surrogat sehnen. Und eine Schwangere kann vermutlich auch mit einem g’spritzten Apfelsaft statt Cola-Rum-Ersatz gut leben. 
Also machte ich die Probe an der Schank des Vertrauens. Dort lautete die Logik des durstigen Volksmunds: „Wenn s’ kan ­Alkohol wollen, sollen s’ an Saft trinken.“ Mineralwässer und heimische (!) Früchte gäbe es schließlich genug in Österreich. Und so wird bei allem kommerziellen Erfolg von „Seedlip“ und „Wonderleaf“, den beiden Kategorie-Vorreitern aus England und Deutschland, vor allem eines zum Problem der neuen Kategorie „aromatisch nachgebaute Spirituosen“ werden: Sie sind so sexy wie eine Käsekrainer aus Tofu.
 

Autor/in:
Roland Graf
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