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Tu felix Austria, braue!

24.04.2014

Völlig losgelöst vom strengen Reinheitsgebot unserer deutschen Nachbarn, mischen hierzulande immer mehr Kleinbrauereien die Branche mit Eigenkreationen auf. Was bislang als Geheimtipp und Nischenprodukt galt, findet nun auch Nachahmer bei den großen Konzernen.

Brauerin Anita Herzog aus der Steiermark: „Ich braue, was mir schmeckt.“
Tobias Frank (Ottakringer) will Bierspezialitäten in kleinen Mengen einbrauen.

Text: Ute Fuith

Ein dunkles Bier mit Schokoladenaroma, ein helles Ale, das mit Chili-Schoten gebraut wurde, oder ein Weizenbier, das nicht nur nach Bananen, sondern auch nach Südfrüchten schmeckt: Craft-Bier-Brauer bedienen sich einer fast unendlich großen Auswahl an Aromen und Zutaten und haben mit ihrem Erfindungsreichtum schon einige Dynamik in die heimische Bierbranche gebracht. „Craft" bedeutet zwar wörtlich „Handwerk", aber wer es mit „Kraftbier" übersetzt, liegt auch nicht falsch, denn die von Hand und in kleinen Mengen gebrauten Biere haben meist einen deutlich höheren Alkoholgehalt. Die Craft-Szene zeichnet sich aber vor allem durch ihre abwechslungsreiche und innovative Vielfalt aus und steht außerdem für höchste Qualitätsansprüche. Obwohl die Klein- und Mikrobrauer noch vergleichsweise homöopathische Mengen produzieren, erhalten sie doch viel Aufmerksamkeit. Selten zuvor wurde so viel über Bier geredet und geschrieben wie jetzt. Bezeichnungen wie „IPA (India Pale Ale) und Stout oder brautechnische Fachbegriffe wie „Hopfenstopfen" und dergleichen sind mittlerweile in aller Munde.

Neue geschmackliche Dimensionen
Das allgemein große Interesse zeigte sich auch Ende März, als die Getränkegroßhändler Del Fabro und Kolarik & Leeb zum 1. Österreichischen Craft-Beer-Symposium in den kürzlich eröffneten DC-Tower in Wien luden. Bierexperte Sepp Wejwar führte rund 200 Gastronomen durch die Verkostung. „Die Craft-Bier-Bewegung ist eine Chance für jene heimischen Bierbrauer, die Geschmack haben, Engagement zeigen, ihr Handwerk perfekt beherrschen und Außergewöhnliches schaffen wollen", postulierte der Biersepp. Ähnlich begeistert von den neuen Bieren zeigte sich Wejwars Kollege Conrad Seidl: „Die Bierkultur hat sich in den vergangenen eineinhalb Jahrzehnten deutlich weiterentwickelt", erklärte der „Bierpapst", dessen mittlerweile 15. Bierguide vor kurzem erschienen ist. „Heute gibt es einige Brauereigründungen mit Spezialitäten, von denen man vor fünfzehn Jahren kaum zu träumen gewagt hätte. Die Brauerei Forstner etwa mit ihren sensationellen Ales. Oder die gerade fertig gewordene Shilling-Brewery in Kärnten. Oder das Brauhaus Gusswerk, das seine mit Bio-Kräutern gewürzten Biere bis nach Finnland liefert", schwärmte Seidl.

Brauen aus Leidenschaft
Hinter dem Erfolg der Brauerei Gusswerk steht Reinhold Barta. Der ausgebildete Braumeister und Di-plom-Biersommelier zählt zu den Pionieren der heimischen Craft-Bier-Szene. In der Salzburger Brauerei wird ausschließlich Biobier mit großteils österreichischen Zutaten aus biologisch-dynamischem Anbau gebraut: „Wir arbeiten ohne jegliche synthetische Hilfsmittel nach alten und traditionellen Verfahren so schonend, dass wertvolle Vitamine, Mineralien und Spurenelemente erhalten bleiben und sich der einzigartige und wahre Geschmack des Bieres entfalten kann", beschreibt Barta seine Produktionsweise. Der Gusswerk-Chef versteht sich nicht nur als Handwerker, sondern auch als Ideologe im besten Sinn, für den vor allem eines zählt: „Leidenschaft".

Bevor sich Barta 2006 selbstständig machte, war er einige Jahre für Stiegl Bräu tätig. Als jetzt unabhängiger Brauer schätzt Barta vor allem die „uneingeschränkte Entfaltungsfreiheit". Bis jetzt hat der Salzburger 16 verschiedene Sorten gebraut – vom alkoholfreien bis zum Starkbier. Die Biere heißen „Black", „Horny Betty" oder „Dies Irae – Tag des Zorns" und schmecken genauso vielversprechend, wie sie klingen. Barta beliefert mit seinen Spezialitäten ganz Österreich sowie Deutschland, Italien oder Skandinavien: „Die Nachfrage ist groß. Momentan produzieren wir zweieinhalbtausend Hektoliter pro Jahr", beziffert Barta das Volumen. Längerfristig peilt der Salzburger Brauer 5.000 bis 6.000 Hektoliter an. Dass inzwischen auch Großbrauereien die Craft-Bier-Nische für sich entdeckt haben, stört Barta nicht, im Gegenteil: „Wenn Unternehmen wie Ottakringer Craft-Biere bewerben, schafft das auch für uns mehr Aufmerksamkeit. Es gibt genug Platz für alle. Letztendlich geht es um Qualität und Persönlichkeit."

Große Pläne mit kleinen Mengen
Wie ernst Ottakringer das Thema „Craft Beer" nimmt, zeigt das Projekt „Brauwerk": Auf dem Gelände der Ottakringer Brauerei entsteht gerade eine eigene Spezialitätenbrauerei. In dieser werden in Zukunft drei Biersorten als fixes Sortiment geführt, diverse weitere Sorten werden temporär über das Jahr verteilt gebraut. Insgesamt soll der Bierausstoß im ersten Jahr bei rund 1.000 Hektolitern liegen. Neue und innovative Bierkreationen, abseits der standesüblichen Biere, stehen im Fokus des Braulabors. Ein wichtiger Aspekt des Brauwerks ist die Produktentwicklung. Tobias Frank, Braumeister der Ottakringer Brauerei, dazu: „Unser Fokus liegt vor allem auf der Entwicklung neuer Bierkreationen. Das Brauwerk ist der ideale Ort, um Bierspezialitäten in kleineren Mengen einzubrauen, das Sortiment der Ottakringer Brauerei um Spezialitätenbiere zu erweiteren und sich so im wachsenden Craft-Beer-Segment zu positionieren. Mit Martin Simion als künftigen Braumeister des Brauwerks werden wir gezielt an neuen Bierkreationen arbeiten."

Neue Aromen – neue Geschäftsfelder
Anregungen für neue Produkte holte sich Otta-kringer bereits im Vorjahr während der hauseigenen Braukulturwochen. Dabei präsentierten neun Gastbrauereien ihre Biere. Eine davon war Herzog Hofbräu. Dort ist mit Anita Herzog eine der wenigen Braumeisterinnen Österreichs am Werk. Die Autodidaktin hat ihr erstes Bier in ihrer Küche mit einem Einkochtopf gebraut. Inzwischen ist die Steirerin nicht nur ausgebildete Bier-Sommelière, sondern auch mehrfach ausgezeichnet. Ihr „Kirschenbier" und das „Herzlich Herbe" gewannen bei der Staatsmeisterschaft der Kleinbrauereien 2013 den zweiten Platz. Im Jahr davor schafften es ihre Biere sogar auf Platz eins. „Ich braue, was mir gefällt", meint die „Herzogin" und: „Ich mag süffige Biere mit Charakter." Mit ihrer Leidenschaft hat sie auch ihre beiden Söhne angesteckt. Einer ist ebenfalls Bierbrauer und der zweite Koch. Gemeinsam werden die drei im Juli die „Bierbotschaft" in Wundschuh bei Graz eröffnen. Dort werden nicht nur die rund 40 Bierspezialitäten der Hausherrin angeboten, sondern auch Bierreisen nach Deutschland, England oder Belgien. Denn auch dafür gibt’s eine stetig steigende Nachfrage. Ähnlich wie Barta fürchtet Herzog die Großkonzerne nicht. „Meine Zielgruppe sind genuss-orientierte Kunden, die bereit sind, auch etwas mehr für ein Bier zu zahlen."

Innovationen mit Beispielwirkung
Viel Geld können Großkonzerne zwar nicht mit Craft-Bieren machen, aber sie sind gut fürs Image. Davon profitiert auch die Brauunion. Neben den fünf Großbrauereien – in Göß, Puntigam, Wieselburg und Zipf – betreibt die Brauunion auch regionale Spezialitätenbrauereien, darunter die Manufaktur Kaltenhausen in Salzburg. Hier werden regelmäßig „Limited Editions" nach Craft-Manier hergestellt. Im Frühling konnten sich Bierliebhaber von einem „Riesling-Style" überzeugen, das mit Weinhefe und Weintrauben vergoren wurde. Im Sommer präsentierte die Biermanufaktur das „Coffee Style" mit Kaffeeextrakten und einem reichhaltigen Charakter, während im Herbst auf das bereits bewährte „Maroni Style" gesetzt wurde, das sich vor allem als Begleiter zu Wildgerichten großer Beliebtheit erfreut. Die Sonderedition „Kardinal" – ein roter Doppelbock – stellte im November schließlich die historische Verbindung des Hofbräus Kaltenhausen mit dem Salzburger Erzbistum her.
Ob Craft Beer in Österreich auch weiterhin ein Trend bleibt, wird auch davon abhängig sein, ob und wie die Großen diese Bewegung als Chance wahrnehmen. Vorausgesetzt, die Qualität stimmt, werden all diese Aktivitäten das Image des Bieres sicherlich heben. Davon kann letztendlich der gesamte Biermarkt profitieren. Somit hat die Leidenschaft der fantasievollen, risikobereiten Craft-Beer-Brauer jetzt schon viel bewegt.

Autor/in:
Redaktion.OEGZ
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