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Hannes Anton: "Das große Problem ist, dass für viele Ortsverbände der Tourismus am Ortsschild aufhört."

Uns fehlt die touristische Tradition

20.04.2017

Der Kärntner Hannes Anton ist ab Juli für den Burgenland Tourismus verantwortlich. Die ÖGZ sprach mit ihm über seinen Quereinstieg in den Tourismus, die Zusammenlegung von Tourismusverbänden und ungeliebte Surfveranstaltungen.

ÖGZ: Herr Anton, Sie sind gelernter Schlosser, waren Marketingleiter für eine Brauerei und Landtagsabgeordneter. Wie kamen Sie zum Tourismus? 
Hannes Anton: Ich habe nicht studiert und auch keine spezifische Marketing- oder Tourismusausbildung. Aber der Verkauf liegt mir, dafür habe ich Leidenschaft. Als Marketingleiter bei den Vereinten Kärntner Braue-reien und Geschäftsstellenleiter der Schleppe Brauerei kam ich in engen Kontakt mit der Hotellerie und Gastronomie. Ich durfte das Gastro-Konzept für das erste Harley-Davidson-Treffen am Faaker See mitentwickeln. Hannes Jagerhofer (Veranstalter u. a. vom Klagenfurter Beachvolleyball-Weltcup, Anm.) wurde auf mich aufmerksam und hat mich zur Kärnten Werbung geholt.
 
Was war Ihre Motivation, für das BZÖ in die Politik zu gehen? 
Das war eher Zufall. Nach dem Tod von Landeshauptmann Jörg Haider wurde Gerhard Dörfler dessen Nachfolger. Wir kannten uns aus meiner Zeit bei der Brauerei Schleppe, und er hat mich gebeten, die Leitung seines Büros zu übernehmen und im Landtag als Tourismussprecher für das BZÖ zu arbeiten.

Wenn ein Ex-Politiker überparteiliche Aufgaben übernimmt, führt das bei manchen zu Misstrauen.
Aufgrund meines Werdegangs behaupte ich, dass ich zwar parteipolitisch denke, aber mit allen kann. Mir ist wichtig, das Land oder die Region touristisch möglichst gut zu verkaufen. Durch das neue Tourismusgesetz und den Beirat kommt die Tourismusstrategie jetzt auch direkt von den Unternehmern. Die Politik muss die geeigneten Rahmenbedingungen schaffen, und die Verbände sollen ohne parteipolitischen Einfluss arbeiten können. Das ist meine Vorstellung. Natürlich gibt es von der Landesregierung gewisse Vorstellungen, auf die man eingehen muss. 

Welche?
In den vergangenen Jahren hat man in große Projekte wie etwa Thermen investiert. Die Hälfte der Nächtigungen passiert im Vier- und Fünf-Sterne-Bereich, der Rest in Pensionen oder auf Campingplätzen. Die neue Strategie 2020 legt ein Hauptaugenmerk auf die kleineren Einheiten, die Pensionen und Privatvermieter, die teilweise schon in die Jahre gekommen sind. Hier werden vom Land gezielt Förderungen eingesetzt. 

Was wird genau gefördert?
Etwa die Ausstattung der Zimmer oder der Bereich Onlinebuchung. Die Kleinen sollen fit für den Wettbewerb werden. Es geht nicht nur um Nächtigungszahlen, sondern um die dahintersteckende Wertschöpfung. Darum müssen wir die Qualität in den unteren Kategorien steigern, um einen entsprechenden Preis verlangen zu können. Die Gäste kommen kürzer, sind aber bereit, Geld auszugeben. Darum müssen wir die Qualität ausbauen. 

Das Burgenland hat mit drei Millionen Nächtigungen 2016 einen Rekord erzielt. Im Vergleich zu anderen Regionen ist das dennoch wenig. Wie kann man das steigern? 
Uns fehlt im Vergleich etwa zu Tirol die touristische Tradition. Unsere Tourismusgesinnung muss gestärkt werden. Wir haben zu wenig Selbstbewusstsein. In vielen Regionen, die sich jetzt über den Weinbau verkaufen, ist der Tourismus bislang eher nebenher passiert. Es gab keine konkrete Strategie, die Aktionen setzt, dass Gäste wiederkommen. 

Was wollen Sie tun?
Ich werde mit den Tourismusverbänden und auch mit den Bürgermeistern und den Unternehmern reden. Wir wollen junge Leute mit Lust und Liebe für den Tourismus finden und fördern. Nur diese Branche schafft Arbeitsplätze, die nicht abwandern können. Wir könnten dafür Bettenburgen bauen. Aber das macht nicht den burgenländischen Tourismus aus. Wir brauchen den Kontakt des Gastes mit seinem Vermieter. Urlaub bei Freunden soll unser Motto sein.

Ihr Vorgänger Mario Baier hat einige erfolgreiche Schwerpunktprojekte gestartet. Etwa die „Pannonischen Natur.Erlebnis.Tage“ oder „Gans Burgenland“. Wollen Sie diese fortführen?
Die Marken sind gut, und ich will sie weiter ausbauen. Wir können zum Beispiel das Thema Gans mit Wein verbinden. Der Gast ist ja mittlerweile ein Weinkenner. Auf diesen Trend wollen wir setzen. In der Vergangenheit haben die einzelnen Orte und Regionen vieles auf eigene Faust gemacht, ohne ein großes, gemeinsames Ziel. Das kann man verbessern.

Derzeit gibt es 17 Tourismusverbände. Sollen es weniger werden? 
Es gibt schon einzelne Pläne für Zusammenlegungen. Das finde ich gut. Ich will eine enge Kooperation. Das große Problem ist, dass für viele Ortsverbände der Tourismus am Ortsschild aufhört. Ich will Regionen vermarkten, die themenmäßig zusammenpassen. Der optimale Fall wäre, wenn wir in fünf Jahren größere Einheiten hätten. Es geht letztlich darum, das Geld in die Angebotsentwicklung zu stecken und nicht in die Verwaltung. 

Derzeit kommen hauptsächlich österreichische Gäste ins Burgenland. Welche Märkte haben Ausbaupotenzial?
Momentan haben wir tatsächlich 82 Prozent österreichische Gäste. Da Flugreisen derzeit weniger populär sind, haben wir die Chance, den süddeutschen Gast zurückzugewinnen. Aufholbedarf gibt es bei der Slowakei und Tschechien. Wie haben Tagesgäste, die Geld ausgeben können und wollen. Denen müssen wir etwas bieten, auch damit sie länger bleiben. 

Derzeit gibt es noch keine tschechische oder slowakische Version der Website. Planen Sie eine?
Ich bin noch nicht im operativen Geschäft tätig. Ich denke, dass man die Aktivitäten in diesen Märkten in Kooperation mit der Österreich Werbung angehen kann. 

In Ihrer Zeit als Tourismusdirektor in Podersdorf wanderte der Surfweltcup nach Neusiedl. Wieso war Ihnen die Veranstaltung nicht wichtig? 
Sie hat sich nicht gerechnet. Unser Tourismusverband hat ein Jahresbudget von 200.000 Euro, und der SWC hat uns bei weitem mehr an Kosten verursacht. Wenn ich die Nächtigungen dem Aufwand gegenüberstelle, komme ich auf keinen grünen Zweig. 

Aber ist es nicht schade um diese Veranstaltung für junges Publikum? 
Die Surfer und Kiter sind nicht wegen des SWC zu uns gekommen, sie kommen wegen der guten Bedingungen. Der Weltcup ist zu einem reinen Partyevent geworden. Ich habe nichts gegen Partys, und wir brauchen auch die jungen Leute. Aber dafür brauchen wir nicht ein zweitägiges Event mit viel Geld zu fördern. Wir veranstalten auch heuer für Surfer und Kiter einen Bewerb. Als Neuheit wird es 2017 eine große Bodypainting-Show geben, und wir wollen uns für das World Bodypainting Festival bewerben. Insgesamt setzt Podersdorf auf viele Events, um mehrere Zielgruppen ansprechen zu können. 

Woran soll man Ihren Erfolg als Tourismusdirektor einmal messen?
Dass die Kommunikation mit Verbänden und Unternehmen gestärkt wird. Ich will in den fünf Jahren die besten Ideen unserer Touristiker diskutieren und im besten Fall auch umsetzen. Ich will die Wertschöpfung steigern, also den Umsatz pro Gast. Das Burgenland soll als Ganzjahresdestination wahrgenommen werden. 

Interview: Thomas Askan Vierich, Daniel Nutz

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