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Venedig ist nicht totzukriegen

11.09.2018

Essay: Zu viele oder zu wenige Touristen? Ein Ausflug in die Metropole des Overtourism offenbarte überraschende Erkenntnisse.

 

Meine frisch Angetraute wollte unbedingt in die berühmt-berüchtigte Lagunenstadt. Sie war da schon geschätzte zwanzig Mal in den letzten 30 Jahren gewesen. Ich erst einmal. Und ich war skeptisch, ob ich meinen Honeymoon Ende August wirklich zwischen Tausenden, ach was Millionen anderer Touristen verbringen möchte – mit der Aussicht auf vorbeifahrende Riesenschiffe, die den Himmel verdunkeln, zwischen stinkenden Kanälen, bevölkert von arroganten Gondolieri, die zu einem Wucherpreis verblendete Touristen zwischen verfallenden Hausruinen herumschippern. 
Die nächtliche Anfahrt war etwas beschwerlich. Allerdings kostete der pickvolle Nachtbus für zwei Personen weniger als ein Tag Parken auf dem zentralen Parkplatz Tronchetto.

Wir erreichten den Busbahnhof halbwegs ausgeschlafen Montag morgens um 8 Uhr. Im Internet hieß es noch, man solle sich seine Tickets für das Vaporetto (Wasserbus) vorbestellen, um lange Wartezeiten an den Verkaufsstellen zu vermeiden. Wir fanden gleich beim Bahnhof eine mit einer gut gelaunten Verkäuferin, die sich viel Zeit ließ. Konnte sie auch, außer uns wollten nur zwei offensichtlich einheimische Damen ein Ticket.

Grünflächen in Venedig

Dann ging es mit dem Vaporetto (Sitzplatz zu bekommen war kein Problem) gemütlich außen rum um die Hauptinsel, bis wir gegenüber vom Markusplatz auf der Insel Giudecca anlegten. Dort befand sich unser Hotel (wir hatten die Zimmer vor Monaten zum halben Preis ergattert) mit riesigem Garten nach hinten hinaus. Grünflächen in Venedig? Gibt’s offenbar doch. Nach vorne raus hatte man einen wundervollen Blick übers breite Wasser auf den Markusplatz und die leuchtend weiße Basilika di Santa Maria della Salute. 

Das hoteleigene Boot (okay, den Luxus hat nicht jeder Venedigbesucher) brachte uns gleich nach dem Einchecken (weit vor 15 Uhr ohne Vorankündigung auch kein Problem!) rüber zum Epizentrum des Overtourism. Und siehe: Wir waren hier zwar nicht allein, aber an einem Montagvormittag stehen auf dem Stephansplatz mehr Touristen herum. Auf alle Fälle mehr historistisch verkleidete Kartenverkäufer. Auffällig viele Tauben gab’s auch keine. Lediglich vor dem Campanile und der Basilika bildeten sich bereits Schlangen. 

Ein Cappuccino kostet im Café Florian aktuell 12,50 Euro. Nicht 16 Euro, wie mir letztens ein Kollege zugeraunt hatte. Ansonsten bekommt man (fast) überall in der Stadt seinen Cappuccino für 2,50 und den Espresso für wohlfeile 1,20. Setzt man sich, kosten beide einen Euro mehr. Aber der Italien-Kenner trinkt seinen Kaffee eh immer „al bar“.

Touristenfalle

Rund um den Markusplatz entdeckten wir schon die eine oder andere gastronomische Touristenfalle und viel zu viele Luxusmarkenboutiquen. Deshalb muss man nicht nach Venedig fahren. Aber dazwischen immer noch viele wirklich individuelle Läden, in bester Lage sogar ein ramschiges Eisenwarengeschäft.

Wer von den Trampelpfaden wie der Strada Nova abbiegt, hat Venedig praktisch für sich und kann sich in aller Ruhe in den Gassen und Gässchen verlaufen, wie sich das in Venedig gehört. Eine ist idyllischer als die andere.

Wie meinte ein Bewohner des „alternativen“ Sestiere Cannaregio rund um die Strada Nova: „Die hält uns wie ein Staubsauger die Tagestouristen vom Leib!“ An solchen Trampelpfaden fanden wir tatsächlich viele (Souvenir)-Geschäfte, in denen fast immer Chinesen arbeiten. Das gilt auch für die unzähligen Handtaschengeschäfte, deren Angebot sich auffällig gleicht (dafür aber für jeden bezahlbar ist). In den dreimal so teuren Boutiquen wird man natürlich von Italienerinnen bedient. Zumindest sehen sie so aus und hören sich so an. Wem die Geschäfte gehören, ob Chinesen, Einheimischen oder internationalen Fondsgesellschaften, wissen wir nicht. Und wollen es auch gar nicht wissen.

Preis-Leistungsverhältnis

Schnell klar war auch, dass in den Lokalen mit „typisch venezianischer Küche“, in denen man von schlecht gelaunten Asiaten bedient wurde, das Preis-Leistungs-Verhältnis am schlechtesten war. Solche Etablissements muss man meiden – wie fast überall in der Welt. Dafür wurden wir fast nie von marktschreierischen Kellnern belästigt, die einen in ihr mittelmäßiges Lokal locken wollen. 

Trotzdem hatte mich ein guter Freund, der vor wenigen Wochen in Venedig war (übrigens mit dem Fahrrad, das musste er aber auch am Stadtrand abstellen) gewarnt: Nirgendwo isst man so teuer und schlecht wie hier! Vielleicht hatten wir Glück, aber wir haben fast überall günstig und sehr gut gegessen. Vor allem getrunken! Italienischen Weißwein hatte ich von meinen früheren Italienbesuchen (außer in Triest und im Friaul) in viel schlechterer Erinnerung. Sogar gegenüber des Fischmarkts an der Rialtobrücke, also einem weiteren Epizentrum des Massentourismus, konnten wir ein Glas sehr guten Weins für 2,50 Euro plus eine Kleinigkeit zu essen (Cicchetti, eine venezianische Mischung aus Tapas und Sushis) für 1,50 bekommen. Und durften uns sogar setzen. Tische vor der winzigen Bar (bàcara) waren auch noch zu bekommen, sogar zur Mittagszeit.

Die meisten Kirchen kosten immer noch keinen Eintritt, obwohl drin Meisterwerke der venezianischen Renaissancemalerei hängen. Wir standen vor einem weltberühmten Altarbild Tizians – ganz allein, und kein Wärter blaffte uns an, wir möchten doch Abstand halten.

In einer extrem coolen Weinbar am Fondamente Misericordia, dem „Vino Vero“, tranken wir nicht nur ausgezeichneten naturbelassenen Wein (erneut zu bezahlbaren Preisen) und aßen die besten „Cicchetti“ der Welt, wahre Kunstwerke (für 2,50), sondern kamen auch ins Gespräch mit einer jungen Gondoliera. Die hatten wir zuvor auf dem schmalen Rio gesehen, wie sie ohne das übliche Ringelshirt zwei junge Touristen herumfuhr. Es stellte sich heraus, dass sie offiziell eine Ruderschule betrieb und Touristen auf kulinarischen Entdeckungstouren begleitete. Ihr Non-Profit-Verein Row Venice widmet sich dem Erhalt der alten venezianischen Rudertradition. Am Nebentisch feierten Einheimische Geburtstag, jemand öffnete eine Flasche Sekt mit einem gezielten Messerhieb. Zugereiste Gäste wie wir waren auch da, fielen aber kaum noch auf.

Zerstörerisch

Und die berüchtigten Kreuzfahrtschiffe, die durch ihre Bugwellen angeblich die alten venezianischen Paläste zum Einsturz bringen? Wir haben in drei Tagen genau eines gezählt, das langsam am Markusplatz vorbeizog – aber nicht etwa auf dem Canal Grande, sondern auf der viel breiteren Wasserpassage zwischen Giudecca und Hauptinsel. Kein schöner Anblick, aber kein zerstörerischer.

Natürlich haben wir auch die Zettel und Aufschriften von frustrierten Anwohnern an einigen Hauswänden gelesen: „Venezia is not Disneyland!“. Natürlich wissen wir, dass immer weniger Menschen in Venedig wohnen (wollen). Aber ein Venedig ohne Touristen wäre schlicht nicht lebensfähig. Das Problem sind die Tagestouristen, die mit eben jenen Cruisern oder unzähligen Bussen und Ausflugsdampfern von den nahen Strandorten herangekarrt werden. Die verursachen mehr Müll als Einnahmen, heißt es. 

Müll haben wir übrigens mindestens so wenig wie in Wien gesehen. Dafür viele Müllmänner, die ihren Job gelassen und durchaus mit Stolz verrichteten. Wie übrigens fast jeder in Venedig: Vom Gondoliere, der listig mit den Augen zwinkerte, als wir von einer niedrigen Brücke sein gewagtes Ausweichmanöver im Kanal goutierten, bis zum Schaffner auf dem Vaporetto, der auch mal bei einem Passagier ohne gültiges Ticket ein Auge zudrückt.Venedig

Venedig überlaufen? Überteuert? Nur noch eine kitschige (Foto-)Kulisse? Wir haben ein Paradies für Flaneure erlebt, eine sehr entspannte, einzigartige Stadt ganz ohne Autos, die sich noch nicht völlig ausverkauft hat, sondern ganz im Gegenteil dabei ist, ihre alten Traditionen neu zu beleben.

Anmerkung: Dieser Text wurde NICHT vom venezianischen Tourismusbüro gesponsert.

Autor/in:
Thomas Askan Vierich
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