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Von der Marktnische zum Mehrwert

06.10.2009

Experten aus 24 Ländern diskutierten Ende September in Wien beim zweiten internationalen ENAT (European Network für Accessible Tourism) Kongress über Trends und Perspektiven im barrierefreien Tourismus. In zahlreichen Präsentationen, Workshops und Round-Table-Gesprächen wurde den Teilnehmern ein wahres Feuerwerk an innovativen Projekten, Best-Practice-Beispielen sowie praxisorientierten Lösungsansätzen und Strategien serviert.

Barrierefreier Tourismus wird immer wichtiger

Staatssekretärin Christine Marek begrüßte die zahlreichen Gäste, die aus allen Erdteilen nach Wien gekommen waren, im Namen des Bundesministeriums für Wirtschaft, Familie und Jugend, das die Veranstaltung maßgeblich unterstützte. Ehrengast war Mohammed Al-Tarawneh, Mitglied des Komitees der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen.
In Europa wird das Marktpotenzial für barrierefreien Tourismus auf 134 Millionen Menschen mit Behinderungen geschätzt, die auf Reisen mehr als 80 Millionen Euro auszugeben bereit wären. Prognosen zur demografischen Entwicklung im EU-Raum zeigen bis 2030 ein Wachstum der Generation 60plus, das deutlich über 30 Prozent liegt. Dieser Wandel wird nach Einschätzung der Experten ebenfalls als starker Motor für barrierefreie Tourismusangebote fungieren.

Mehr Komfort und Service

Markus Lassnig von Salzburg Research nimmt an, dass barrierefreier Tourismus - jetzt vielerorts noch als Marktnische wahrgenommen - ab 2026 überall als Standard etabliert sein wird, "weil der Megatrend zu mehr Komfort die Umsetzung eines barrierefreien Tourismus für alle unterstützt". Eine Marktnische wird allerdings weiter bestehen: Urlaubsangebote für schwer und mehrfach behinderte Gäste erfordern nicht nur entsprechende Investitionen, sondern auch ein hohes Maß an Service, Engagement und Wissen im Dienstleistungsbereich.
Dimitrios Buhalis von der Bournemouth University (UK) warnt davor, perfekte Lösungen für alle Behinderungsarten einzufordern, weil es schon jetzt verschiedene Levels hinsichtlich der Zugänglichkeit (Accessibility) gibt: "Die Tourismusindustrie unterliegt wirtschaftlichen Beschränkungen und es mangelt am Wissen im richtigen Umgang mit Gästen mit Behinderungen." Buhalis möchte lieber von Minimalanforderungen sprechen, weil sie seines Erachtens realistischer wären. Amerikanische Reisende mit Behinderungen wären bereit jährlich 13,6 Milliarden Dollar für barrierefreie Reiseangebote auszugeben, schätzt Buhalis.

Attraktivität für alle

Der deutsche Tourismusexperte Peter Neumann präsentierte aus seiner aktuellen Studie sieben Erfolgsfaktoren für die nachhaltige Implementierung eines barrierefreien Angebots. "Barrierefreier Tourismus muss sexy werden", forderte Neumann provokant. "Attraktivität für alle ist das Ziel! Es gilt, barrierefrei zugängliche und erlebbare Produkte und Angebote im Sinne eines ‚Designs für Alle' zu entwickeln und damit einen wesentlichen Beitrag zu mehr Qualität im Tourismus für alle zu leisten." Neumann sprach auch das weltweite Problem der "Insellösungen" an. Solche Initiativen, von denen es auf nationaler Ebene inzwischen schon sehr viele gibt, setzen wichtige Impulse im barrierefreien Tourismus. Sie sind in der Regel nicht mit anderen Anbietern vernetzt, was ausschlaggebend für ihren nachhaltigen wirtschaftlichen Erfolg wäre. Die regionale bzw. nationale Vernetzung mit anderen barrierefreien Destinationen ist laut Neumann ein wesentlicher Erfolgsfaktor. Um für alle Gäste zugänglich und nutzbar zu werden, sind einzelne lokale Angebote darüber hinaus von der Unterstützung privater und öffentlicher Personentransportunternehmen abhängig.

Eigene Standards bei Scandic Hotels

Dass Barrierefreiheit nicht nur ein Thema für einzelne Anbieter oder Regionen sondern auch für eine renommierte Hotelkette ist, beweist Scandic Hotels. Dort beschäftigt man sich seit sechs Jahren sehr intensiv mit der Thematik. "Wir haben eigene Normen dafür entwickelt und sprechen generell von Gästen, nicht von Menschen mit Behinderung", erzählte Magnus Berglund, der als "Disability Coordinator" bei Scandic auch für die Schulung des Personals zuständig ist. Scandic ist in zehn Ländern mit 140 Hotels vertreten, Barrierefreiheit ist fester Bestandteil des Angebots: "Everyone is welcome at Scandic" lautet der Titel des Folders für Gäste mit besonderen Bedürfnissen.
Berglund weiß natürlich um die häufigsten Vorurteile und Ängste der Touristiker, die da lauten: Gewinnmaximierung lässt sich nur mit kleineren Einheiten erzielen, behinderte Gäste vertreiben die "normalen" Gäste, Barrierefreiheit kostet zu viel Geld, usw. "Der Platzverlust durch größere Zimmer bzw. Bäder wird relativiert, wenn man von einer maximalen Auslastung von 83 Prozent ausgeht. Niemand hat ständig 100 Prozent Auslastung", argumentiert Berglund. Darüber hinaus sind die Mehrkosten für barrierefreie Neubauten durchaus finanzierbar. Wenn die in den österreichischen Normen enthaltenen Planungsanforderungen bereits während der Projektierungs- und Planungsphase berücksichtigt werden, ist mit Mehrkosten von 0,15 bis maximal 3 Prozent der gesamten Baukosten zu rechnen. Dass Hochpreiskategorien eher barrierefrei sind als Billigangebote liegt auf der Hand.

Einfach Design für alle

"Wie unterstützen und motivieren wir interessierte Anbieter?", lautete eine der Fragen im abschließenden Round-Table-Gespräch. Im Bereich Kommunikation könnte ein positives Wording negative Assoziationen verhindern: "Sprechen wir doch von ‚accessible' statt barrierefrei, von ‚Design for all' statt behindertengerecht", lauteten einige Vorschläge. "Design for all" verbindet Funktionalität mit Ästhetik und widerlegt das Vorurteil, barrierefreie Lösungen seien grundsätzlich unattraktiv und somit unzumutbar für "normale" Gäste. Die Industrie ist sehr an "Design for all" interessiert, weil sich mit kreativen Lösungen neue Produktgruppen und Märkte in den Bereichen Bauen, Wohnen und Einrichten erschließen lassen. Dem gegenüber stehen allerdings noch enorme Defizite bei der Aus- und Weiterbildung von Planern, Architekten und Professionisten. Architektin Monika Klenovec unterrichtet an der TU Wien und setzt sich für die verbindliche Verankerung des Themas Barrierefreiheit in die Studienpläne für Architektur ein. Ihre Idee, einen "Award" für Best-Practice-Beispiele und barrierefreie Gebäude einzurichten, wurde äußerst positiv aufgenommen.

Autor/in:
Redaktion.OEGZ
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