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Vlogger filmen, wie sie essen, reisen und Urlaub machen. Und Millionen schauen zu

Wahn und Sinn der Digitalisierung: ein Essay

02.11.2016

Seien Sie nett zu Ihrem Vlogger! Er oder sie könnte wichtig sein für Ihr Unternehmen. Oder auch teuer. Neueste Empfehlungen vom 12. Brennpunkt E-Tourism für die Digitalisierungsfront 

„Wer nicht auf Social Media ist, existiert nicht.“
Chris Perkles, Social-Media-Influencer

 

„Hm. Kaviar. Echter Kaviar. Schmeckt salzig.“
Casey Neistat, Vlogger

Fünfzig Prozent der Jobs-wie-wir-sie-kennen werden verschwinden, 40 Prozent der heutigen Unternehmen wird es in wenigen Jahren nicht mehr geben: Das hört man allenthalben von den Verkündern der Digitalisierung (Industrie 4.0). Das soll einen aufrütteln! Das soll einem sagen: Wer nicht mitmacht, ist verloren. Sagt Willkommen, Google, alles ist gut, Google, du darfst alles von mir wissen, Google, denn du bist gut zu mir, Google. Und wer bei Google nicht ganz oben steht, steht bald ganz unten. Wirklich?
Es gibt auch kluge Leute, die sagen halblaut: Die Digitalisierung macht uns alle krank. Vor allem das Gerede darüber. Auf der anderen Seite: Es ergeben sich tatsächlich viele neue Möglichkeiten. Das Marketing verändert sich, Erwartungshaltungen, Zielgruppen, Werkzeuge. Das kann und darf man tatsächlich nicht ignorieren – auch wenn man noch der Generation X oder gar den alten Säcken der Babyboomer angehört.

 
Millennials gehen uns alle an!

Zum Beispiel Chris Perkles und Casey Neistat. Der eine ist Österreicher, der andere US-Amerikaner. Chris Perkles trat beim 12. Brennpunkt E-Tourism an der FH Salzburg auf und erzählte von einem relativ neuen Phänomen in der wunderbaren Welt der „sozialen“ Medien: dem Vlogger. Er ist einer, und Kollege Neistat aus NYC ist der berühmteste. Casey Neistat (35) filmt fast täglich sein Leben und stellt das auf Youtube. Er ist ein Blogger mit bewegten Bildern, ein Videoblogger, kurz Vlogger. Perkles nennt solche Leute „Influencer“. Denn ihnen schauen Tausende, Zehntausende zu. Bei Neistat sind es sogar Millionen! Er erzählt zum Beispiel davon, wie er auf einem Emirates-Flug von Dubai nach New York von der Business Class in die First Class upgegradet wurde. Angeblich passierte das einfach so. Obwohl so ein First-Class-Flug 21.000 Euro kostet. Also zeigt er Millionen, was man alles Tolles in einer First-Class-Einzelzelle erleben kann: Er dreht Selfies. Darüber, wie er (zum ersten Mal?) echten Kaviar isst (Kommentar: „Schmeckt salzig“), wie ihm die Stewardess das Bettchen richtet und so weiter. Das Ganze kommentiert er in (selbst-)ironischer (gespielter?) Naivität. 
Neistat verdient auf diese Weise viel Geld. Oder finanziert sich damit zumindest ein Leben, in dem er nicht viel arbeiten, aber viel preisgeben muss. Perkles rechnet vor: 50.000 bis 100.000 Follower bringen etwa 12.000 Dollar pro Video. Zum Beispiel an Werbeeinnahmen. Und Emirates hat einen bei dessen Zielgruppe extrem glaubwürdigen Werbebotschafter, bezahlt oder nicht. Das Neun-Minuten-Filmchen haben sich seit 19. September 2016 über 24 Millionen Menschen angesehen. Und 386.851 mal geliket. Neistat hat auf Youtube 5.570.373 Follower. 
So ein Werbebotschafter möchte Chris Perkles auch sein. Er ist erst 23 und erzählt den anwesenden Studierenden und Experten aus der Tourismusbranche, dass er bereits zu den wichtigen „Influencern“ zählt. Er sagt tatsächlich: „Wer nicht auf Social Media ist, existiert nicht.“ Zumindest nicht für seine Generation der Millenials. Und die machen schließlich auch Urlaub, geben Geld aus, übernachten irgendwo. Momentan vermutlich eher noch in Privatquartieren oder in billigen Backpackerhotels. Die gut situierten Millennials aus den USA buchen schon Hotelzimmer, sagen Tourismusexperten. Aber die Hotels müssen natürlich Social-Media-tauglich sein. Sonst existieren sie nicht.
Damit sie Social-Media-tauglich werden, brauchen sie Leute wie Neistat oder Perkles. Die wollen sich dafür bezahlen lassen, dass sie etwas tun und darüber berichten. Damit sie das in Ihrem Hotel, in Ihrem Skigebiet, in Ihrem Restaurant tun, müssen Sie zumindest nett zu denen sein. Sie einladen, hofieren. So bekam kürzlich ein Sushiladen in Salzburg eine Million Klicks. Eine Million! 

So what?

 
Chris Perkles rät, dass man als Touristiker „Beziehungen zu Vloggern intensiv pflegen“ sollte. Damit könne man zwar „keine kurzfristigen Erfolge“ erzielen, aber in ein, zwei Jahren zahle sich das schon aus. Hey, das ist Marketing 4.0!
Aber bitte bedenken: „Influencer wollen frei arbeiten!“ Das möchte Chris Perkles schon betonen. Sie sind keine Werbeagentur, auch wenn sie sich für ihre Filme bezahlen lassen (ohne das den Zusehern immer zu sagen). Die Uhrenmarke Daniel Wellington ist so groß geworden! Sie kennen Daniel Wellington nicht? Entschuldigung: #danielwellington natürlich. Dann sind Sie ganz offensichtlich zu selten auf Facebook oder Youtube unterwegs. Dann sind sie ganz offensichtlich ALT.
Sie stört es, wenn Google aufzeichnet, wann Sie wo sind? Wann Sie das letzte Mal bei McDonald’s oder im Hilton waren? Können Sie alles bei Google abrufen! Google Now weiß alles über Sie. Solange Sie Ihr Handy permanent anlassen und Google erlauben, Ihren Standort zu erfassen. Aber das macht doch jeder! Wenn Sie das dennoch gruselig finden, sind Sie eindeutig kein Millennial. Dann denken Sie an Ihrer (kommenden) Zielgruppe vorbei! 
Denn die kümmert das überhaupt nicht, ihr Privatleben zu veröffentlichen. Sie schauen sich ja auch gerne das der anderen an. Datenschutz? Das ist was für alte Leute! So lange das alles der Bequemlichkeit und Unterhaltung dient, macht das alles nichts. Lass Google Trips deine nächste Reise planen. Schicke alle deinen privaten Mails an Google, damit die daraus deine Vorlieben ableiten und dir punktgenau sagen können, wann du wohin möchtest und was du dort erleben wirst. (Solche Anfragen von Google soll es tatsächlich schon gegeben haben! Denn es gibt noch Menschen, die ihren E-Mail-Verkehr NICHT über Google-Mail laufen lassen). Dann ist dir auch egal, ob der Vlogger für seine Aussagen bezahlt wird oder nicht. Ob er seine schräge Brille trägt, weil er die gut findet oder weil ihn jemand dafür bezahlt. Alles egal, ist eh alles nicht so ernst gemeint. So what!

Gekaufte Likes

Übrigens kann man sich Follower auch kaufen. Gut für Sie! Vor allem wenn Ihr Betrieb leider nur ganz normal ist. Dann brauchen sie die besonders dringend! Fragen Sie Google oder Facebook! Ob die gekauft sind, merkt man nur, wenn man bestimmte Programme wie Facebook Like Check über Ihre Follower laufen lässt. Dann sieht man plötzlich, dass 80 Prozent der Likes eines Tiroler Hotels aus Aserbaidschan stammen. Auch das hat Chris Perkles vorgeführt. Aber wer macht das schon, wenn er spontan eine Reise bucht und zwischen Frappuchino und Moccachino am Handy gerade über Ihr Hotel gestolpert ist? Damit er oder sie überhaupt stolpern kann, müssen Sie etwas tun. Sonst sind Sie und Ihr teures Spa, Ihr Mittagsmenü, Ihr Klettersteig für Familien schlicht nicht existent. 
Sie können Influencer auch gezielt suchen: über Headhunter, Agenturen und Tools wie www.icerocket.com, www.twingly.com oder www.blogheim.at. Da ist bestimmt der richtige Blogger oder Vlogger für Sie dabei: Einer, der gerne Ski fährt oder klettert, oder eine, die gerne auf Ihre Kosten in Ihrem Spa herumhängt und dabei ihr Smartphone mitfilmen lässt. Wenn’s der Aufmerksamkeit auf FB dient … Könnte höchstens sein, dass das andere Gäste, womöglich Stammgäste (sollten Sie solche noch haben), nicht so lustig finden, wenn dabei auch ihr Privatleben öffentlich wird. Und wenn sie dann noch mitbekommen, dass Sie als ihr Gastgeber dafür sogar bezahlt haben … Oje, oje, der Shitstorm ist schon vorprogrammiert. Denn irgendein Hassposting können auch Forty- oder Fiftysomethings absetzen. Das schaffen die noch. Und kommen nie wieder.

Autor/in:
Thomas Askan Vierich
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