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Wann geht‘s wieder aufwärts?

17.06.2021

Keine Branche wurde so hart von der Pandemie getroffen wie die Beherbergung und Gastronomie. Wie kann ein Comeback des Tourismus gelingen?

These: Die Gäste kommen – langsam – wieder

Es wird kein Sommer wie damals. Damals vor der Pandemie, als das Tourismuswachstum grenzenlos schien. Aber irgendwie ist man sogar mit den Zahlen, die das Wirtschaftsforschungsinstitut (WIFO) präsentierte, sogar noch halbwegs zufrieden.

Ein Minus in der Tourismus-­Nachfrage um satte 40 Prozent wird für heuer prognostiziert. Das Problem sind klarerweise die fehlenden ausländischen Gäste. Nur die Deutschen blieben trotz der allgemeinen Reisebeschränkungen Österreich treu (leichtes Minus von 1,3 Prozent, siehe Seite 4). Fernmärkte (China: minus 99 Prozent) brachen völlig ein. Die Urlaubslust ist in der Pandemie aber nicht verloren gegangen – das zeigen Reiseanalysen. Auch das Geld für Hotel- und Restaurantbesuche ist da. Der private Sektor ist – auch dank staatlicher Maßnahmen – relativ ungeschoren durch die Krise gekommen. Es darf auf Nachholeffekte im Konsum gehofft werden. Wobei: Reisen, nächtigen und konsumieren in der Gastronomie ohne Einschränkungen wird es wohl auch in der Zukunft nicht spielen: Die Maske wird uns ziemlich sicher noch länger begleiten. 

These: Es braucht internationale Kooperation 

Das Gute käme von den Nationalstaaten, das Schlechte von der EU (gemeint ist dabei meist die Kommission), ist eine zu oft erzählte Unwahrheit, die meist darauf abzielt, innenpolitisch Kleingeld zu wechseln. Ein genauer Blick zeigt aber: So schlecht funktioniert das gemeinsame Vorgehen Europas nicht. Trotz anfänglicher Probleme funktioniert die Durchimpfung, und auch das Thema Grüner Pass (übrigens eine griechische, nicht wie von Österreichs Regierung behauptet, eine heimische Idee) gibt es EU-weit gleich schnell wie im kleinen Österreich. Wichtig war auch der gemeinsame Schritt der Währungsunion-Staaten, den Stabilitätspakt bis mindestens 2022 auszusetzen und das Subventionsverbot aufzuheben. Fakt ist: Wir schießen uns derzeit wirtschaftlich gesehen ins Knie, wenn wir die Grenzen hochziehen. Wäre es im Tourismus vielleicht an der Zeit für mehr Europa? Am heurigen ÖHV-Kongress sprach der Vertreter der EU-Kommission in Wien, Martin Selmayr, die Forderungen aus, dass es eine europäische Koordination des Tourismus geben solle. Bislang lag dieser Bereich fast vollends in der Verantwortung der Nationalstaaten. 

These: Tourismus ist besonders getroffen

3,7 Billionen Euro wurden für Europas Wirtschaft zur Verfügung gestellt, um Liquidität zu sichern. Die öffentlichen Investments machten sich bezahlt, indem die Wirtschaft sehr gut am Laufen blieb. Österreichs Industrie hatte – aufgrund der Hilfen – laut der Wirtschaftsdaten die Krise bereits im Oktober des Vorjahres überwunden. Ganz anders schaut die Situation natürlich im Tourismus aus. Allein ein Blick auf die Nächtigungsstatistik zeigt: Die Top-Bundesländer Tirol, Salzburg und Wien liegen laut Prognose des WIFO im Vergleich zu 2019 heuer bei der halben Nächtigungsanzahl oder noch darunter. Die Verlängerung der Mehrwertssteuersenkung in Hotellerie und Gastronomie sowie anderer Hilfen wie des Ausfallbonus sind berechtigte Forderungen an den Staat. Andererseits stellt sich die Frage, wie lange noch öffentliche Gelder fließen sollen? Die wirtschaftsliberale Seite (vertreten etwa durch den Thinktank Agenda Austria) plädiert für ein Rückfahren der Hilfen. 

These: Es braucht spezifische touristische Maßnahmen

Es gibt Unternehmen, die hatten 2020 das beste Ergebnis seit ihrem Gründungstag. Auch Tourismus­unternehmen sind darunter. Diese Tatsache bringt das Problem auf den Punkt. Eine Gießkannen-Hilfe ist zwar am Beginn der ärgsten Krise notwendig, aber auf lange Sicht ineffizient. Was wir laut WIFO derzeit sehen, ist ein sehr uneinheitliches Bild zwischen Stadt und Land. Während am Land Gäste und Umsätze vielerorts wieder zurückgekehrt sind, stecken die Stadthotels- und Restaurants mitten in der Krise. Der Grund ist schlichtweg das Ausbleiben der internationalen Touristen. 

These: Die Eigenkapitaldecke ist zu gering 

Gut, das Thema ist nicht neu. Traditionell finanziert der Tourismus viel über die Hausbank. Während der Krise dürfte die Eigenkapitaldecke der Beherbergungsbetriebe und der Gastronomie nochmals um 1 bis 2 Prozent gesunken sein und irgendwo zwischen 12 bis 16 Prozent liegen, bei einer Ausfallwahrscheinlichkeit von 3,2 Prozent. Das Thema Eigenkapital war und ist auch ein zentrales Anliegen des von Tourismusministerin Elisabeth Köstinger angekündigten Restart-Prozesses. Konkrete Ergebnisse und vor allem innovative Ideen blieben allerdings bislang aus. Der Vorschlag der Branche, etwa von ÖHV und WK, dass nicht entnommene Gewinne nicht oder weniger besteuert werden, ist zwar naheliegend, aber letztlich auch nicht mehr als eine Subvention der Branche. 
These: Aktionen 
für den Arbeitsmarkt 
Die Krise hat an der Struktur genagt. Aufgrund der Unternehmensschließungen und Kurzarbeit haben viele Mitarbeiter die Branche verlassen. Der Fachkräftemangel wird wieder schlagend, und einfache Lösungen (etwa durch mehr Anwerbung aus dem Ausland) sind nicht in Sicht. Die Mitarbeiter können mit einer guten Unternehmenskultur aber natürlich auch mit besserem Gehalt gewonnen werden. Woher nehmen? Bleibt an der Preisschraube zu drehen, was in einer Marktwirtschaft ein bekanntlich nicht ganz so steuerbares Unterfangen ist. Oder darauf zu hoffen, dass eine ökosoziale Steuerreform tatsächlich mal umgesetzt wird. Wäre nicht nur für das Weltklima wichtig, sondern auch für die Tourismusbranche, denn diese Maßnahme würde die Lohnnebenkosten senken.

Autor/in:
Daniel Nutz
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