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Wann nimmst du deinen Hut?

21.07.2005

Offener Brief an Präsident Fritz Dinkhauser

Innsbruck, am 19. Juli 2005

Sehr geehrter Herr Präsident, lieber Fritz,

vorerst möchte ich dir seitens der Tiroler Wirtschaft für dein außergewöhnliches populistisches Gespür gratulieren: Zu keinem anderen Zeitpunkt als jetzt hätten deine Aussagen in Richtung Deutschland größeren Schaden anrichten können. In einem deutschen Fernsehprogramm die Deutschen als Feinde des Tiroler Arbeitsmarktes zu bezeichnen, zeugt von einer Feinfühligkeit, die ihresgleichen sucht. Und das mitten in einer stagnierenden Sommersaison, wo vor allem bei den deutschen Gästen empfindliche Rückgänge zu verzeichnen sind. Es spricht auch für dein Timing als Trittbrettfahrer, die aktuell ins Negative gleitende Diskussion über den Zustrom deutscher Studenten auch auf den Tourismus auszudehnen. Die gesamte Thematik eröffnet allerdings auch einen tiefen Einblick, wieweit deine europäische Gesinnung kultiviert ist.

Auch deine Treffsicherheit steht außer Zweifel: Breitseiten auf den Tourismus sind in Tirol ein lohnendes Ziel. Der Tourismus ist der Motor für die gesamte Wirtschaft in Tirol und strahlt auf alle Branchen aus.

Auf deine Wortwahl brauche ich hier nicht lange einzugehen. "Feinde" ist nicht weit von "Schmarotzerbranchen" entfernt und bleibt dem Niveau deiner Äußerungen treu.

Dein Verhalten provoziert nicht nur die nördlichen Nachbarn, es provoziert auch bei allen Menschen, die in unserem Land wirtschaftlich bei Sinnen sind, ein Dutzend Fragen, die ich dich bitte, in aller Ruhe für dich selbst zu beantworten:

1. Wie kann man jemanden verdrängen, der gar nicht da ist? Tiroler Touristiker bevorzugen nachweislich heimische Arbeitskräfte – solange diese in ausreichendem Maß zur Verfügung stehen.

2. Wenn deiner Ansicht nach Deutsche vor die Bar gehören: Warum sollen sie sich dorthin begeben, wenn sie von keiner Arbeitskraft mehr bedient werden, die dahinter steht?

3. Willst du allen Ernstes heimischen Betrieben, die Deutsche anstellen, die Förderungen kürzen? Stellst du dich in diesen Betrieben, die keine Inländer finden, selbst in die Küche? Ist es dir tatsächlich lieber, dass solche Betriebe aus Arbeitskräftemangel zusperren und damit auch die besetzten Arbeitskräfte auf der Straße stehen?

4. Wie soll die "Tirol Werbung" seriöse Werbung am deutschen Markt betreiben, wenn du mit einer einzigen Aussage mehr Schaden anrichtest als die Imagekampagnen der nächsten fünf Jahre wieder ausbügeln können?

5. Warum zielst du auf jene, die arbeiten wollen und verschonst diejenigen, die dazu nicht bereit sind? Der Arbeitsmarkt im Tourismus ist ausgetrocknet. Der Dienst am Gast ist vielen Tirolern zu anstrengend. Die von dir laufend verteidigten Zumutbarkeitsbestimmungen fördern diese Haltung. Was können die Deutschen für dieses Tiroler Problem?

6. Woher nimmst du die abstruse Behauptung, dass nächstes Jahr alle Kellner, Köche und Tellerwäscher plötzlich als IT-Fachkräfte in Tirol einfallen werden und heimische Computerspezialisten verdrängen?
7. Hältst du Deutsche allen Ernstes für dumm? Deine Aussage, mit sächsisch sprechenden Mitarbeitern sei kein Qualitätstourismus möglich, lässt keine andere Deutung zu.

8. Wie soll generell Qualitätstourismus in Tirol funktionieren, wenn die notwendigen Mitarbeiter nicht zur Verfügung stehen?

9. Sind die Tiroler die Feinde der Schweizer? Über viele Jahrzehnte haben heimische Arbeitskräfte im Schweizer Tourismus gearbeitet, ohne dafür jemals mit Schimpf und Schande der Schweizer überschüttet worden zu sein.

10. Sehen so die arbeitspolitischen Maßnahmen aus, die du ab nun über dein Zukunftszentrum transportieren willst? Dann gehört ein reibungslos funktionierender Wirtschaftsstandort Tirol ab jetzt der Vergangenheit an. Außerdem rege ich die Umbenennung in Vergangenheitszentrum an.

11. Müssen wir uns ab jetzt darauf einstellen, dass du unter Sozialpartnerschaft das Maximieren deines Populismus der verbrannten Erde bei völliger Vernachlässigung zielgruppenspezifischer Lösungen verstehst? Für die Wirtschaftskammer Tirol bedeutet Sozialpartnerschaft, dass im Sinne der Wirtschaft UND der Arbeitnehmer der optimale Weg für das Land gesucht wird.

12. Ist Populismus heilbar? Wenn nicht: Wie lange muss der Standort Tirol noch deine Ausrutscher verkraften? Oder auf gut tirolerisch: Wann nimmst du deinen Hut?

Jürgen Bodenseer
Präsident der Wirtschaftskammer Tirol
Landesobmann des Tiroler Wirtschaftsbundes
Abgeordneter zum Tiroler Landtag

Autor/in:
Redaktion.OEGZ
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