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Wenn Hotelier und Betrieb in die Jahre kommen

18.09.2009

Veraltete Betriebsstrukturen, Investitionsrückstau und Schulden zwingen pensionsreife Hoteliers zum Weitermachen. Fachgruppenobmann Harald Ultsch fordert einen fairen Ausstieg mittels Steuerbefreiung

Harald Ultsch

Tirol hat einen zu hohen Altbestand an Betten ließ Tourismusberater Jakob Edinger jüngst die Leser der Tiroler Tageszeitung wissen. Dieser führte zu Überkapazitäten im Sommer ebenso wie zu übertriebenen Diskontaktionen. Eine Abwrackprämie für den „Altbestand“ würde sich Edinger daher wünschen. Aus den ehemaligen Gästeunterkünften könnten laut Edinger Wohnungen für Mitarbeiter größerer Hotels entstehen, oder man baut den Altbestand in Wohnraum für heimische Familien um.

Harald Ultsch, Fachgruppenobmann Hotellerie der Sparte Tourismus und Freizeitwirtschaft in der Wirtschaftskammer Tirol, weist darauf hin, dass dieses Thema bereits vor Monaten im KAT (Koordinationsausschuss Tourismus) behandelt wurde. Zu diesem touristischen Jour fixe war Landesrat Bernhard Tilg geladen. Die KAT-Mitglieder nutzten die Chance, „dieses schwierige und komplizierte Thema“ einmal auf politischer Ebene zu erörtern. „Es ist in erster Linie ein steuerrechtliches und ein Bundesproblem“, erkärt Ultsch.

Fairer Lebensabend
Sinn und Ziel sollte sein, Unternehmern, die ein Leben lang in der Branche gearbeitet haben, den Ausstieg und einen fairen Lebensabend zu ermöglichen. Ausstieg deshalb, weil die Betriebsgrößen meist nicht marktfähig sind, weil ein Investitionsrückstau vorhanden ist, der aus dem Ertrag nicht erwirtschaftet werden kann und nicht zuletzt ist die Immobilie bzw. der Betrieb zumeist mit hohen Schulden belastet. „Wir sprechen hier von allen Kategorien“, so Ultsch. Bei einem Verkauf können bestenfalls nach Versteuerung die Schulden gedeckt werden, in vielen Fällen jedoch nicht einmal diese. Ein Ausstieg, meint Ultsch, sei unter diesen Voraussetzungen schlicht und einfach nicht möglich. „Es ist auch nicht vertretbar, die Jugend dazuzubringen, diese Betriebe zu übernehmen, da sie wirtschaftlich nicht rentabel sind. Mit einem Schuldenberg zu beginnen, verbaut den jungen Leuten die Zukunft.“

Sterneverlust vergrößert Dilemma
Ultsch kann auf leidvolle Erfahrung als Mitglied der Sterne-Kommission blicken. „Wir kommen im Rahmen anstehender Zertifizierungen immer wieder in die Situation, dass man eigentlich Sterne wegnehmen müsste.“ Für den betroffenen Hotelier verstärke sich das Dilemma dann noch. Verliert der Betrieb einen Stern, kann er seinen Preis oft nicht mehr durchsetzen. „Das ist eine Spirale, die nach unten geht und wo der Hotelier keinen Boden mehr findet.“
Ein Ausweg, den sich Obmann Ultsch vorstellen kann, wäre eine zeitlich begrenzte Lösung. Geschaffen werden müssten aber in jedem Fall Steuererleichterungen, mit denen man den Betrieben den Ausstieg ermöglicht. Auch mit der von Edinger vorgeschlagenen alternativen Nutzung der betroffenen Immobilien kann sich Ultsch anfreunden. „Man müsste sich das in jedem Fall einzeln anschauen. Auch als Teil einer größeren Hotelstruktur ist eine Verwendung möglich.“
Anhand eines Rechenbeispiels erklärt Ultsch, welchen Effekt eine Einkommenssteuerbefreiung hat. Bei dem Verkauf eines Betriebs gibt es zwei Varianten.

Erste Variante: Der Unternehmer ist jünger als 60 Jahre und der Betrieb wird verkauft: Die Einkommensteuer liegt bei ca. max. 50 Prozent. Davon müssen die Schulden getilgt werden und ein Restbetrag sollte zur Existenzsicherung übrig bleiben. Wird ein Hotel also z. B. um eine Million Euro verkauft, beträgt die Einkommensteuer auf dem herkömmlichen Weg in etwa 500.000 €.
Zweite Variante: Der Unternehmer ist über 60 und stellt die Erwerbstätigkeit ein: Der Betrieb wird verkauft und es wird ein halbierter Einkommensteuersatz eingehoben. Die Einkommensteuer beträgt also max. ca. 25 Prozent, in diesem Fall daher 250.000 €.

„Das macht natürlich einen großen Unterschied. Aber unter der Annahme, dass die Verschuldung des Unternehmens in etwa dem Wert des Hotels entspricht, was in der Praxis durchaus der Fall sein kann, dann müsste der austiegswillige Unternehmer im günstigeren Fall 250.000 €, im ungünstigeren 500.000 € draufzahlen“, rechnet Ultsch vor. Damit sei es unmöglich auszusteigen.
Der Fachgruppenobmann ist überzeugt, dass eine gänzliche Einkommensteuerbefreiung einen vielfachen Effekt erzeugen würde. „Sie ermöglicht ein menschenwürdiges Ausscheiden aus dem Betrieb. Der Staat kann nicht verlieren, weil die betroffenen Betriebe nicht in der Lage sind, diese Forderungen zu bedienen. Verringerte Kapazitäten ermöglichen es aber benachbarten und umliegenden Betrieben, noch aktiver zu wirtschaften. Dadurch fallen für den Staat wieder höhere Einnahmen an.“

Begrenzte Lösung
Bis es zu einem konkreten von der Tiroler Fachgruppe Hotellerie angedachten fairen Ausstiegsszenario kommt, dürfte es noch ein langer Weg sein. „Einkommensteuer ist Bundessache“, so Ultsch. Es müsste also eine Möglichkeit geben, das Problem bundesweit anzugehen und zu lösen. In jedem Fall spricht sich Ultsch für eine zeitlich begrenzte Steuerbefreiung z. B. für die Jahre 2010 und 2011 aus. „Die bundesweite Lösung ist eine Option. In Tirol besteht allerdings aufgrund der Anzahl der Betriebe erhöhter Handlungsbedarf.“

Autor/in:
Redaktion.OEGZ
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