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What a wonderful world

19.06.2019

Selbstgespräch eines Hotelier in fünfter Generation, der erzählt, wie es halt so zugeht an einem Tag im frühen März 2035 an seiner Rezeption, an der er mal wieder persönlich anwesend ist. Der „Human-Touch“, Sie verstehen?
 

Grüß Gott, Frau Huber. Schön, dass Sie uns wieder beehren! Ach, Sie heißen nicht mehr Huber? Sie haben geheiratet? Hat unser Scanner offenbar noch nicht mit mitbekommen, verzeihen Sie, Gnädigste. Aber Ihr 4-D-Zimmer ist schon auf 21 Grad heruntergekühlt. Natürlich, bei 60 Prozent Luftfeuchtigkeit, wir kennen doch Ihre Daten, Gnädigste. 
Schrecklich schwül heute wieder, gell, obwohl wir erst März haben! Was soll man sagen? Aber wir hatten einen schönen Winter – stabil bei 18 Grad. Und Sie hätten unseren Schnee sehen sollen! Natürlich taugt er nicht zum Skifahren, aber er schaut gut aus! Voll romantisch! 
Wir haben den Luftdruck in Ihrer Ruhekapsel bereits heruntergedimmt. Fühlt sich an wie September, Anfang März! Ja, Beethovens Violinkonzert mit Ihrem Liebling Itzhak Perlman ist schon eingestellt. Da haben wir uns diesmal etwas ganz Besonderes einfallen lassen, meine Liebe: Er erwartet Sie persönlich! Nicht Beethoven, Herr Perlman! Natürlich als Hologramm, Gnädigste, zaubern können wir auch im Jahr 2035 noch nicht. 
Meine Frau erwartet Sie morgen ganz 1:1 nach dem Frühstück in der Feelgoodzone für Ihre Bestrahlung in der fünften Dimension. Ja, Hamadari Rishat ist auch da. Er wird unser beliebtes Seelentraining fortsetzen. Natürlich können Sie bei uns Ihre Retro-Neo-Paleo-Diät einhalten, wo denken Sie hin, wir haben unsere Robos schon instruiert, jeder bekommt, was er verd ... äh, benötigt, Gnädigste. Darf Sie unser kleiner R2-D2 zu Ihrer Suite begleiten? Das Gepäck beamen wir Ihnen aufs Zimmer! Haha, natürlich ein Scherz, Gnädigste, darum kümmert sich unser kleiner Droide natürlich auch. Nein, Trinkgeld brauchen Sie ihm nicht zu geben, seien Sie ganz beruhigt.

Pfuuh, Trinkgeld gibt eh keiner mehr. Seit Einführung der Dienstleistungsroboter ist das in Vergessenheit geraten. Ich muss für die wenigen unserer verbliebenen Mitarbeiter aus Fleisch und Blut immer selbst was drauflegen. Sie glauben natürlich, das seien unsere Gäste, die sich für den Human-Touch erkenntlich zeigen ... 
Im Grunde sind sie alle überbezahlt, bräuchten ja auch gar nicht mehr hackeln seit der Einführung des bedingungslosen Grundeinkommens. Aber die sehen das als ihre „Pflicht“ an: Die einen pflegen die hundertjährige Verwandtschaft, die anderen kümmern sich um die oberen hunderttausend, die längst gar nichts mehr tun müssen außer an der eigenen Perfektionierung von Körper und Seele zu arbeiten. Da helfen wir gerne – in allen Dimensionen, wie meine Frau zu sagen pflegt. Wenn die Leistungsträger schon gar keine Steuern mehr zahlen, sollen sie wenigstens bei uns bluten, gell?

Geh! Schon wieder eine Anfrage von diesen Narrischen aus dem Mühlviertel. Ich zeige meinem Plasmabildschirm den Stinkefinger. Hoffentlich merkt sich das der Algorithmus nicht. Aber ich habe den Beschimpfungsfilter eingestellt, kann eigentlich nix passieren. Diese Idioten wollen ihr Selbstverteidigungstraining wieder in unserem Hotel abhalten. Seit ich vor einem Jahr in der Bubble damit angegeben habe, dass ich den schwarzen Gürtel im Jiu-Jitsu und auch Meister dieser neuen vierdimensionalen Verteidigungsstrategie aus Finnland bin, die den Gegner gleichzeitig einschläfert und überwältigt, glauben alle, wir sind hier Experten für so einen Kram. Davon stimmt natürlich nur die Hälfte. Und auf diese oberösterreichischen Aggrotypen von der Ö-Partei, die glauben, nur weil sie in der VR ihren Mann stehen, könnten sie hier einen auf dicke Hose machen, habe ich echt keine Lust mehr. 
Die verschrecken mir nur meine gut zahlenden Damen, die sich in unserer Feelgoodzone von meiner Frau bestrahlen lassen, um ihren inneren Frieden zu finden. Man kann und soll es nicht allen recht machen, auch wenn der Franz von der Cool-Hospitality mir dazu geraten hat, mein Profil zu schärfen. Ich habe schon genug mit diesen Hyper-Foodies zu tun. Gibt es eigentlich nur noch Hyper-Foodies? 
Gott sei Dank hat unser Ältester unser altes Bauern-Gen auf seiner letzten Bildungsreise nach Nordchina in sich wiederentdeckt. Auch wenn sich Urgroßvater im Grabe umdrehen würde, wenn er wüsste, was der Willie auf unseren Almen und Ställen für einen Zirkus veranstaltet. Aber gerade die Chinesen sind ganz geil darauf, zu erfahren, wie wir unsere Kühe therapieren. Der Höhepunkt jedes Besuchs ist immer die Safari zum Wolfsrudel oben auf dem Pass. Nur schlachten dürfen wir die halb gezähmten Isegrims nicht, auch wenn unsere amerikanischen Gäste durchaus scharf wären auf etwas Kurzgebratenes vom Wolf. 
Wir halten natürlich auch die Trennung zwischen Veganern und Meaties ein, die uns die VSE vorschreiben. Ist ja auch richtig so. Weder ist dem Fleischfan der Anblick der Gemüsefresser zuzumuten noch den Rohköstlern das Schmatzen der Meaties am Nebentisch, die sich über unsere rohen, in Granderwasser eingelegten T-Bone-Steaks hermachen. Obwohl sie sich mit ihrem Kult um das Nicht-Kochen durchaus näherkommen könnten. 
Immerhin spart das alles viel Arbeit in der Küche. Dort wirbeln meine beiden Cookies zwischen den drei Robotern von Rational eh nur mehr zur Gaudi unserer Gäste. Denn natürlich haben auch wir eine gläserne Küche. In der eigentlich händisch nicht mehr viel zu tun ist. 
Nächstes Jahr weihen wir dafür unsere gläserne Fleischhauerei zum Mitmachen ein – ganz ohne Automatisierung. Da wird noch wirklich das Hackebeil geschwungen! Das wird auch den Kampfsportlern von der Ö-Partei gefallen. Seit Gründung der Vereinigten Staaten von Europa haben die nicht mehr viel zu lachen. Hoffentlich erzeugt das viele Blut keinen Protestorkan der Veggies. Muss ich halt meinen Bubble-Filter wieder hochdrehen. Es lebe der Algorithmus – es kommt immer drauf an, was man daraus macht!

Herr Kommerzialrat, Sie möchten abreisen? Woher ich das weiß? Aber, Herr Kommerzialrat, Sie belieben zu scherzen ... Natürlich können wir nicht Gedanken lesen, noch nicht, haha, aber unser kleiner Scannerfreund hier kann, oder ist es eine -freundin? Man kennt sich ja nicht mehr aus, heutzutage. Er oder sie hat natürlich längst an Ihrem Gesichtsausdruck erkannt, dass Ihre schöne Zeit bei uns vorbei ist. Auch Ihre Körperdaten sprechen eine eindeutige Sprache, gell? Aber Sie sagen uns auch, dass Sie sich prächtig erholt haben bei uns! Na, na, da will ich gar nichts hören, da können Sie sagen, was Sie wollen: Die Chips unter Ihrer Haut lügen nicht! Das wissen Sie doch, Herr Kommerzialrat. Da ist leider kein Rabatt möglich. 
Aber ich kann Sie gerne von Frau Isabella zur Hyperloop fahren lassen. Ich weiß doch, dass Sie selbstfahrende Autos hassen. Ja, ganz altmodisch wie früher! Nein, einen Diesel haben wir natürlich nicht mehr, haha, das ist sowas von 2020! Aber Isabella wird sie gerne fahren. Guten Rutsch mit der Hyperloop bis nachhaus, Herr Kommerzialrat! Ja, bis nächstes Jahr, Pfiat Ihna Gott, alles Gute.

Autor/in:
Thomas Askan Vierich
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