Direkt zum Inhalt
Der Plan T steht (auch) für eine nachhaltigen Tourismus. Was tun, um den Plan mit Leben zu füllen?

Wie soll Österreichs Tourismus nachhaltiger werden?

12.05.2021

Vor zwei Jahren wurde der Tourismus-Zukunftsplan „Plan T“ präsentiert. Ein vages Bekenntnis: Österreich solle die nachhaltigste Urlaubsdestination Europas werden. Dann kam Corona. Wir haben Persönlichkeiten aus der Tourismusbranche nach Ideen gefragt, um den Plan mit Leben zu füllen. Hier die Antworten.

 

 

Dagmar Lund-Durlacher

ist eine der führenden Forscherinnen zu Tourismus und Nachhaltigkeit in Österreich und hat derzeit eine Gast-Professur an der Hochschule für nachhaltige Entwicklung in Eberswalde

"Der Plan T beinhaltet eine Reihe von Nachhaltigkeitszielen im Tourismus, deren Erreichung eine mutige Neuorientierung etablierter Strukturen und Prozesse sowie umfangreiche Angebotsinnovationen benötigt. Die oberste Priorität hat für mich die Umsetzung eines klimaschonenden bzw. -neutralen Tourismus, in dem die Tourismusunternehmen prosperieren können und ein klimaneutraler Urlaub nicht als Verzicht, sondern als eine neue Qualität empfunden werden soll. Um die kürzlich verschärften Klimaziele der EU einhalten zu können, muss die dringend notwendige Reduktion von Treibhausgasen ein Projekt für alle am Tourismus Beteiligten werden und entlang der gesamten Reisekette erfolgen. Starke Kooperationsmodelle, die Schaffung von „zukunftsorientierten Denkräumen“ und auf Klimaschutz basierte Initiativen auf allen Ebenen und über Wirtschaftssektoren hinweg sind gefragt wie nie; sie bergen Chancen für Innovationen, lassen neue gemeinsam entwickelte Angebote entstehen und sind Zeichen der eigenen branchenorientierten Verantwortung, die als zukunftsorientierte Existenzsicherung gelten können. Nicht zu vergessen sind die Reisenden, die durch Information und Bewusstseinsbildung, aber auch durch Anreize zur Verhaltensänderung in die Lage versetzt werden sollen, klimaschonende Urlaubsangebote auszuwählen und zu realisieren."

Dagmar Lund-Durlacher, by d.nutz

 

Barbara Neßler

ist Tourismussprecherin der Grünen

"Aus der vielfach als nice to have bewerteten Forderung, eine nachhaltige Form von Tourismus zu schaffen, ist nun mit gleich zwei riesigen Krisen ein Must-have geworden. Die Pandemie hat klar gemacht, dass ein auf Quantität und Gewinnmaximierung ausgerichteter Tourismus so sehr diskreditiert ist, dass fraglich ist, ob sich Massentourismus, wie wir ihn bisher kannten, in Österreich jemals wieder wird etablieren können. Die Frage nach der Krisentauglichkeit ist nun jedenfalls mit einem klaren Nein beantwortet. Eine Impfung, die uns aus der Pandemie bringt, existiert in der Klimakrise nicht. Hier ist unter dem Motto „mit grünen Ideen schwarze Zahlen schreiben“ das Fördersystem so zu adaptieren, dass es im Verbund mit verpflichtenden Ökologisierungskriterien kleinstrukturierten Betrieben und den Menschen vor Ort zugutekommt, nachhaltiges Wirtschaften, qualitätsvolle Arbeitsplätze und die Umstellung auf krisenfesteren Ganzjahrestourismus belohnt. Flächenfressende Großprojekte sind zu stoppen, denn der Tourismus hängt wesentlich von den Naturräumen ab, die durch Expansion zerstört werden. Ein Tourismus der Zukunft ist einer, bei dem Wertschöpfung durch Qualität statt Quantität erzielt wird."

Barbara Neßler, by d.nutz
Ulrike  Rauch-Keschmann

Leiterin der Sektion Tourismus und Regionalpolitik im Ministerium für Landwirtschaft, Regionen und Tourismus

"Intakte Natur, Berge, Seen und Nationalparks, Städte, kulturelle Vielfalt, die österreichische Küche mit ihren hochwertigen regionalen Produkten, aber auch die ausgesprochene Gastfreundschaft sind die Haupt-Urlaubsmotive unserer Gäste. Tourismusdestinationen sind vor allem aber auch Lebensregionen. Daher ist es wichtig, dass der Tourismus einen Beitrag zu qualitätsvollen Lebensräumen leistet, in dem alle Aspekte des Zusammenlebens ineinandergreifen – Wohnen, Arbeiten, Wirtschaft, Landwirtschaft, Infrastruktur, Freizeitmöglichkeiten, Kultur, Natur. Möglichst alle Menschen in einer Destination sollen vom Tourismus profitieren können und Gäste und Bevölkerung sollen sich gleichermaßen wohlfühlen. Dabei geht es auch um eine gesamthafte Haltung und ein entsprechendes Tourismusbewusstsein. Aus diesem Grund wurden in der Tourismusstrategie des Bundes „Plan T – Masterplan für Tourismus“ die Leitplanken für eine nachhaltige Weiterentwicklung des Tourismusstandortes Österreich sowohl in ökologischer, ökonomischer als auch sozio-kultureller Hinsicht gesetzt. Die aktuelle Krise hat gezeigt, welch enorme Wertschöpfung am Tourismus hängt und dass der mit dem Plan T eingeschlagene Weg der richtige ist – mit dem Ziel zur nachhaltigsten Tourismusdestination der Welt zu werden."

Ulrike  Rauch-Keschmann, by d.nutz

 

 

Wolfgang Kleemann

ist Generaldirektor der Österreichischen Hotel- und Tourismusbank. In der Umsetzung des Zielkorridors 3 „Kräfte bündeln“ wird sein Haus eine ganz wesentliche Rolle spielen

"Ein Masterplan ist ein Masterplan ist ein Masterplan! Und als genau das sieht sich auch der Plan T, der unter Federführung des BMLRT von zig Experten im März 2019 präsentiert wurde. Er besteht – das ist nun einmal die Aufgabe eines Masterplanes – aus vielen Überschriften, die zu Zielkorridoren und Aktionsfeldern verdichtet wurden. Von üblichen Plänen und Konzepten unterscheidet er sich aber dadurch, dass über jede dieser Überschriften aus vielen unterschiedlichen Blickwinkeln nachgedacht wurde. Dieses interdisziplinäre Denken – dieses Diskutieren über jede einzelne Überschrift – unter Weglassen aller Vorbehalte und ohne ausschließlich an bereits gemachten Beobachtungen oder Erfahrungen hängen zu bleiben, lässt mich mit Überzeugung sagen, sie sind klug gedacht. Bedenkt man, dass zwischen Plan T und heute ein Jahr Pandemie stattgefunden hat, kein Stein auf dem anderen blieb, der Tourismus und das gesamte öffentliche und soziale Leben zum Stillstand gekommen sind, dann gilt dieses „klug gedacht“ umso mehr, weil keine einzige Überschrift deshalb obsolet geworden ist. 
Und jetzt müssen diese Überschriften natürlich mit Leben beseelt werden – es müssen in den jeweiligen Kapiteln tatsächlich die Weichen für die Zukunft stellen – das wird noch harte Arbeit, aber die Touristiker brennen dafür!"

Wolfgang Kleemann, by d.nutz

 

Autor/in:
Redaktion.OEGZ
Werbung

Weiterführende Themen

Hotellerie
12.05.2021

Sprechen Sie Nachhaltigkeit? Nein? Kein Problem, wir bringen es Ihnen bei. Von A wie Agrarpaket bis Z wie Zero-Waste – mit dem Buch „Nachhaltigkeit – Deutsch, Wörterbuch für die Hotellerie“.

Wunschbild oder Horrorvorstellung? Es kommt auf die Perspektive an.
Tourismus
08.12.2020

Die deutschen Touristiker haben sich jetzt auch so etwas wie einen Plan T gegeben – und sind selbst ganz begeistert. Überlegungen zu einem anderen Tourismus.

Die Klimakrise hat konkrete Auswirkungen auf den Tourismus.
Tourismus
01.10.2020

In Zeiten der Corona-Pandemie rücken die notwendigen Maßnahmen gegen die Klimakrise in den Hintergrund. Wieso beide Krisen zusammenspielen und was das für die Tourismusbranche bedeutet, haben wir ...

Hotellerie
10.09.2020

„Mehr Mitarbeiter-Bindung und Umsatz durch Nachhaltigkeitsprogramme in der Hotellerie“ – so lautet der Titel einer Befragung im Rahmen der Master-Arbeit von Sylvia Petz von der ...

Tourismus
07.05.2020

Manche prophezeien, dass die Covid-19-Krise im Tourismus die Transformation zu einem nachhaltigen Tourismus fördern wird. Harald Friedl, Professor für Ethik und nachhaltigen Tourismus an der FH ...

Werbung