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Anders als in Venedig in Wien eher selten: Touristenmassen. Und so soll es auch bleiben.

Wie viel Tourismus verträgt Wien?

01.03.2017

Momentan wird in vielen europäischen Städten darüber diskutiert, wann die Grenze der touristischen Belastbarkeit erreicht ist. In Wien ist es noch nicht so weit – zeigt eine Umfrage unter Bewohnerinnen und Bewohnern

In Barcelona, Venedig, Amsterdam, Prag und sogar Berlin wird medial heftig darüber diskutiert, ob die Grenze dessen, was eine lebenswerte Stadt an Tourismus vertragen kann, nicht längst überschritten wurde. „Städte stehen vor der Herausforderung, lebenswert für ihre Bewohnerinnen und Bewohner, liebenswert für ihre Gäste und profitabel für Unternehmen zu sein“, zitiert der Wiener Tourismusdirektor Norbert Kettner seine Amsterdamer Kollegen und fügt hinzu: „Nur eine Stadt, die gut zu ihren Bewohnerinnen und Bewohnern ist, ist auch gut zu ihren Gästen.“

18 Millionen zu viel?

Ist Wien als Tourismusmagnet mit aktuell knapp 15 Millionen und für 2020 angepeilten 18 Millionen Gästenächtigungen  gut zu den Wienerinnen und Wienern? Oder ist die Belastung durch Reisebusse und Fähnchen schwenkenden Touristengruppen vor allem in der Inneren Stadt schon zu groß? Um das herauszufinden, gab WienTourismus eine Studie bei market in Auftrag, die im Winter und im Sommer 2016 die Wienerinnen und Wiener telefonisch und online zu ihrer Einstellung zum Tourismus in ihrer Stadt befragte .

Ergebnis: Die Einstellung ist in allen Bezirken in etwa gleich. Und sie ist überwiegend positiv. 77% hätten auch mit 18 Millionen Nächtigungen kein Problem. 90% sind davon überzeugt, dass Wiens Einwohner und Unternehmen vom Tourismus profitieren. 82% sind stolz darauf, dass Wien eine für Touristen so attraktive Stadt ist. Die Aussage „Es profitieren einzig die Hotels, die Gastronomie und die Museen vom Tourismus“ unterschreiben nur 24% der Befragten.

Keine Kulissenstadt

Das sind natürlich Ergebnisse, die den Auftraggeber WienTourismus glücklich machen. Aber sie bestätigen eindrucksvoll auch Skeptikern, dass Wien eben keine Kulissenstadt für Touristen ist – auch nicht im 1. Bezirk. „Kennzeichen eines nachhaltigen Tourismus ist, dass für Gäste keine potemkinschen Dörfer gebaut werden“, sagt Kettner. „Die Hardware muss für Einheimische wie Gäste gleichermaßen attraktiv sein.“ Und das ist sie in Wien. Dreiviertel der Wiener Bevölkerung besuchen selbst die Sehenswürdigkeiten und Museen ihrer Stadt.  

Dass das so bleibt, wird von Norbert Kettner als Auftrag an Tourismuswirtschaft, Stadtentwicklung und öffentliche wie private Initiativen gesehen: „Es gilt beispielsweise auf einen ausgewogenen Branchen-Mix in den Einkaufsstraßen, Vielfalt in den Erdgeschoßzonen und sorgsamen Umgang mit dem öffentlichen Raum zu achten. Im Tourismusmarketing forcieren wir außerdem einen niederschwelligen Zugang zu Wiens Top-Angeboten etwa im Kunst oder Kulturbereich, ohne aber deren Qualitätsstandards zu senken. Und führen auch den Einheimischen Institutionen von Weltrang vor Augen, die es ohne Tourismus nicht in dieser Vielfalt geben könnte.“

Kein Massentourismus

Massentourismus in Wien ist – anders als in manchen anderen europäischen Städten – keine konkrete Gefahr. Obwohl hier die befragten Wienerinnen und Wiener schon etwas gespaltener sind: Immerhin meinen 26%, dass Wien bereits überlaufen sei, 34% sind unentschlossen und nur 40% glauben, dass alles im grünen Bereich liege - und zwar quer durch alle Bezirke. Die Kritiker wohnen also NICHT vermehrt im 1. Bezirk.

Norbert Kettner dankt die Tatsache, dass Wien nicht mehrheitlich als überlaufen wahrgenommen wird, der vorausschauenden Stadtplanung eines Otto Wagner: Dessen Generalregulierungsplan von 1893 sah eine Struktur für eine 4-Millionen-Metropole vor. Und das ist Wien noch lange nicht – auch nicht in der Hochsaison. Während im europäischen Durchschnitt der zehn nächtigungsstärksten Metropolen – ohne Paris und London, die als Megametropolen in einer eigenen Liga spielen – rund 11 Nächtigungen auf einen Einwohner kommen, sind es in Wien unterdurchschnittliche 8. „Diese Fakten stützen die Wahrnehmung der Wienerinnen und Wiener, dass die Stadt in Balance ist“, sagt Kettner. Damit das so bleibt, will Kettner auch weiterhin touristische Attraktionen außerhalb des Zentrums und der Hotspots forcieren.

Sharing-Economy

Auch das in Barcelona, New York oder Berlin von vielen Einheimischen als existenzielle Bedrohung wahrgenommene Vermieten von Privatwohnungen an Touristen stellt für die Wienerinnen und Wiener kein Problem dar (59%). Dass sich die Stadt Wien dieser Frage dennoch kritisch widmet, sieht Kettner positiv: „Im Sinne der Tourismusgesinnung halte ich es als weiteren Schritt durchaus für überlegenswert, Privatleuten die Vermietung an Reisende ähnlich dem Londoner oder Amsterdamer Modell künftig nur noch für einen beschränkten Zeitraum zu ermöglichen.“ In London sind dies beispielsweise 90 Tage.

Auch andere Reizthemen wurden angesprochen – und eher erwartungsgemäß beantwortet: Die Wienerinnen und Wiener wollen einen besseren zentralen Busbahnhof (63%) und eine höhere Taxi-Qualität (78%). Auch hier hat Kettner eine neue Idee: Die Taxler aus Wien und Schwechat sollten sich endlich über eine Erlaubnis zur Mitnahme von Fahrgästen auf der Retourfahrt einigen, damit geschätzte 10 Millionen Leerkilometer im Jahr zwischen Wien und seinem Flughafen vermieden werden könnten. Praktisch im Gegenzug hätte er natürlich gerne die 3. Landebahn… Bei einem weiteren Lieblingsthema des WienTourismus ergibt sich ein eher gespaltenes Bild: Nur die Hälfte glaubt, eine Sonntagsöffnung solle ein besonders wichtiges Projekt der Wiener Tourismuswirtschaft sein. 30% lehnen sie schlichtweg ab.

Download der Studie „Tourismusgesinnung der Wiener Bevölkerung“ unter b2b.wien.info/de/presse/tourismusgesinnung2016

Autor/in:
Thomas Askan Vierich
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