Direkt zum Inhalt

Wieder Olympia-Aus: Chance vertan? Oder Steuergeld gespart?

09.07.2018

Das Österreichische Olympische Comite (ÖOC) hat die Kandidatur von Graz und Schladming für die Winterspiele 2026 überraschend zurückgezogen. Begründung des ÖOC: die mangelnde Unterstützung der Landesregierung. Das trifft vor allem auch die Regionen. Tourismus-Experten sprechen von einer Riesen-Chance, die vertan wurde.

Graz hätte sich international weiter hervortun können, sagte Tourismus-Chef Dieter Hardt-Stremayr, doch diese Chance wurde vergeben, und die Gründe dafür seien auch in den eigenen Reihen zu suchen. „Wahrscheinlich müssen wir uns auch selber an der Nase nehme. Uns ist es offenbar nicht gelungen, die letzten Zweifel zu zerstreuen und nicht gelungen, die neue Agenda des IOC glaubhaft zu vermitteln, weil es eben eine neue Zeitrechnung von Olympischen Spielen sein wird in Zukunft. Irgendjemand wird davon profitieren - wir nicht“, so Hardt-Stremayr.

Schladming: „Macht traurig, muss man hinnehmen“

Auch in Schladming, dem großen Partner für die Initiative Olympia 2026, ist die Enttäuschung groß. Was die Alpine SKi-WM 2013 ermöglicht hat, hätte Olympia 2026 noch übertreffen können, meinte der Schladminger Tourismus-Verantwortliche Matthias Schattleitner: „Wenn ich denke, dass wir von damals 2,8 Millionen Nächtigungen mittlerweile auf 3,5 Millionen Nächtigungen gewachsen sind, sieht man, dass nachhaltige Großveranstaltungen möglich sind. Macht natürlich ein bisschen traurig, aber man muss das so hinnehmen.“

Kreischberg hatte Konzept „fix und fertig“

Auch am Kreischberg, wo die Snowboard- und Freestyle-Bewerbe geplant waren, muss man die Planungen jetzt wieder ad Acta legen, erklärte Geschäftsführer Karl Fussi: „Wir waren mitten dringen in den Vorbereitungen, waren guter Dinge, haben unser Konzept schon fix und fertig gehabt. Gerade im Freestylesport gibt es immer neue Entwicklungen, und das wäre die Chance gewesen, unsere Sporteinrichtungen im Rahmen der Olympiavorbereitungen wieder auf den neuesten Stand zu bringen.“

Investitionen ohne Steuergelder?

Doch Investition in Sportstätten werden nicht ausbleiben - nur zahlen müssen sie jetzt andere, sagt Philipp Walcher vom Tourismus in der Ramsau: „Jetzt muss Ramsau auch tief in die Tasche greifen, aber ich hoffe, dass es da auch finanzielle Unterstützung vom Land oder dem Bund gibt für uns.“

ÖOC: Unterstützung durch Landespolitik fehlt

„Das ÖOC muss aufgrund der derzeit herrschenden politischen Diskussionen mit großem Bedauern feststellen, dass ein klares politisches Bekenntnis bzw. eine entsprechende Unterstützung durch die steirische Landesregierung - vom ÖOC von Beginn an als obligatorisch erachtet - bis heute nicht erfolgt ist. Unter diesen Umständen ist ein Projekt dieser Dimension nicht umsetz- und international kaum vertretbar“, hieß es in einer ÖOC-Pressemitteilung.

Man habe das Internationale Olympische Komitee (IOC) bereits über das Ende der Bewerbungsbemühungen informiert, damit keine weiteren Kosten entstehen würden. „Das ÖOC verabschiedet sich schweren Herzens von der Idee der Olympia-Bewerbung Graz 2026“, hieß es weiters.

Die ÖOC-Spitze zeigte sich enttäuscht, dass nach dem im vergangenen Herbst gescheiterten Bemühen mit Innsbruck erneut keine Kandidatur zustande kommt. „Wir bedauern, unseren Topathleten und den Wintersportfans diese einmalige Chance, Olympische Heimspiele, in naher Zukunft nicht ermöglichen zu können“, so ÖOC-Präsident Karl Stoss.

Nach der negativ ausgegangenen Volksbefragung in Tirol hatte sich das ÖOC im März gemeinsam mit den Städten Graz und Schladming entschlossen, einen weiteren Anlauf zu nehmen. Bereits von Beginn an gab es in Graz Widerstand von der Opposition und die Forderung nach einer Volksbefragung. Die Landesregierung gab in dieser Woche nach der Präsentation einer Machbarkeitsstudie an, dass das Budget keinen Spielraum für das Großereignis zulasse und man keine Haftungen übernehmen werde.

Das ÖOC glaubt weiterhin, „dass mit der Machbarkeitsstudie und den bereits geleisteten Organisationsarbeiten eine mögliche Basis für zukünftige Bewerbungsverhandlungen geschaffen wurde“. Man sei sich sicher, dass Österreich als Wintersportnation „nachhaltige Winterspiele zu organisieren vermag“.

Nagl: „Graz und Schladming im Stich gelassen“

Der Grazer Bürgermeister Siegfried Nagl (ÖVP) reagierte am Freitag enttäuscht und mit Vorwürfen auf das Aus für die Olympiabewerbung: „Die größte Chance ist dahin. Graz, Schladming und die Wintersportgemeinden wurden im Stich gelassen.“ Er nehme die Entscheidung des ÖOC „bedauernd zur Kenntnis“.

Die Machbarkeitsstudie habe ergeben, dass Olympische Winterspiele, nach der Agenda 2020 des IOC, kein finanzielles Risiko, seien, so Nagl: „Diese Studie ist wider besseren Wissens aus politischen Gründen angezweifelt und von einigen gar nicht gelesen worden.“

,„Die vereinigte Verhinder-Koaltion aus KPÖ Grünen und auch der SPÖ hat das verunmöglicht“, sagte auch der Schladminger Bürgermeister Jürgen Winter. „Die Enttäuschung ist sehr groß, wobei aber das Verständnis für das ÖOC durchaus gegeben ist.“

Grüne und KPÖ reagieren erfreut

Erfreut reagierten die Grünen auf die ÖOC-Entscheidung: „Das finanzielle Himmelfahrtskommando von Nagl wurde rechtzeitig gestoppt, dem Bau des teuren Kartenhauses wurde Einhalt geboten“, sagte der grüne Klubobmann Lambert Schönleitner.

Die Grazer KPÖ-Stadträtin Elke Kahr jubelte nach dem Rückzug des ÖOC: „Das ist eine große positive Überraschung. Das übertrifft alle meine Erwartungen.“ Das ÖOC habe die Reißleine gezogen und „will der steirischen Landesregierung den schwarzen Peter dafür zuschieben.“

Schickhofer: Landeshaushalt nicht zu gefährden

Landeshauptmann-Stellvertreter Michael Schickhofer (SPÖ) sagte, dass man keine Gefährdung des Landeshaushaltes zulassen könne, und eine Volksbefragung unbedingt notwendig gewesen wäre. Es habe sich nun offenbar gezeigt, dass Olympia nicht ohne Haftungen durchgeführt werden könne.

Der steirische Finanz- und Sportlandesrat Anton Lang (SPÖ) meinte in einer ersten Reaktion: „Anscheinend glaubt das ÖOC nicht an die Zahlen der Machbarkeitsstudie, wonach eine finanzielle Unterstützung des Landes nicht notwendig ist. Positiv ist, dass die Reißleine schon jetzt gezogen wurde und den Steuerzahlern Geld für die Durchführung einer Volksbefragung und Prüfung der Studie erspart wird.“

Die steirische Wirtschaftslandesrätin Barbara Eibinger-Miedl (ÖVP) zeigte sich irritiert von der überraschenden Entscheidung des ÖOC: „Ich habe immer gesagt, dass Olympische Spiele aus touristischer Sicht zu begrüßen wären. Ich habe aber auch klar gesagt, dass wir alle Daten und Fakten brauchen und diese dann genau prüfen werden. Diese Vorgangsweise war dem ÖOC von Beginn an bekannt. Klar ist für mich auch, dass die Bevölkerung in ein Projekt von der Dimension Olympischer Spiele eingebunden werden muss.“

Koordinator Pichler: Feuer erloschen, ehe es brannte

Das olympische Feuer sei erloschen, noch bevor es richtig gebrannt hat, sagte der Koordinator für Olymische Winterspiele 2026, Markus Pichler: „Es ist eine Mischung aus Enttäuschung und Wut. Die Bereitschaft, an einem Strang zu ziehen, war nicht da, der Rückzug aus Sicht des OÖC hat völlig zu Recht stattgefunden.“

Groß ist das Fragezeichen bei Pichler, warum die Machbarkeitsstudie und damit anerkannte Institutionen wie Joanneum Research oder die TU Graz angezweifelt wurden: „Dass jetzt auf Zahlen, Daten und Fakten basierende Studie so in Frage gestellt wurde, ist mir völlig unerklärlich.“

Sportminister Strache: „Etwas überraschend“

Vizekanzler und Sportminister Heinz-Christian Strache (FPÖ) zum Rückzug der Kandidatur: „Die Meldung kam für mich etwas überraschend, da ich in Spielberg einen anderen Eindruck gewonnen habe. Ich akzeptiere natürlich die Entscheidung des Österreichischen ÖOC, werde noch mit Präsident Karl Stoss über den Entschluss sprechen.“

Zuletzt Olympische Spiele 1976

Zuletzt und zum insgesamt zweiten Mal fanden die Winterspiele in Österreich 1976 in Innsbruck statt. Salzburg scheiterte im Bemühen um die Spiele 2010 und 2014, die an Vancouver bzw. Sotschi gingen. Graz hatte es für 2002 nicht in den Kreis der Kandidatenstädte geschafft.

Für 2026 sind noch Italien mit Turin, Mailand und Cortina, Schweden mit Stockholm, die Türkei mit Erzurum, Kanada mit Calgary und Japan mit Sapporo im Rennen. Die Schweiz mit Sion hatte unlängst nach einer negativen Volksbefragung aufgegeben. Die Verlautbarung der Kandidatenstädte erfolgt im heurigen Oktober, die Vergabe im Herbst 2019.

 

RED/ORF

Werbung

Weiterführende Themen

Petit Four a la Café Gourmand im Midi
Gastronomie
14.07.2018

In Wien häuft sich die Zahl an Anbietern einer sehr zeitgenössischen französischen Küche. Der letzte Neuzugang ist das zweite Midi Café & Bistrot in der Innenstadt.

Dietmar Eiden
Gastronomie
13.07.2018

Von Köln nach Salzburg: Dietmar Eiden übernimmt die operative Geschäftsführung des Bereichs Fachmessen.

Gastronomie
13.07.2018

Pop-Up-Osteria, Steak-House, Burger-Brasserie, Feuer&Flamme-Grill, Vinothek, süße Theke, Chicken-Run: Vom 26. bis 29. Juli verwandelt sich der Hauptplatz von Bad St. Leonhard im Kärntner ...

Beliebt bei Flussfahrtschiffen: Dürnstein
Tourismus
11.07.2018

Vorschlag des Exbürgermeisters von Melk erregt die Gemüter.

Prof. Dagmar Lund-Durlacher und Harald Hafner im ÖGZ-Interview.
Tourismus
11.07.2018

Der Tourismus braucht eine bessere Ausbildung – vor allem auf der Ebene der Hochschulen. Das fordern die Hochschulexperten Prof. Dagmar Lund-Durlacher von der Modul University Vienna und Harald ...

Werbung