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Wiener Jobbörsen für den Westen

22.03.2017

Chronischer Mitarbeitermangel: Nachdem viele Stellen vor allem im Westen nicht mehr besetzt werden können, kündigt das AMS an, neue Wege zu gehen. In St. Johann im Pongau wurden einige Pläne und Ideen ventiliert

Arbeitskräfte sollen von Ost nach West wandern.
Eine Jobbörse für Wiener soll den Fachkräftemangel im Westen lösen.

Wie so oft klingen die Tourismuszahlen auf den ersten Blick beruhigend: Der Februar bescherte mit plus 3.479 Beschäftigten (ohne Geringfügige) der Branche einen neuen Rekord. „Unsere Branche steckt voller Chancen, steht aber auch vor großen Herausforderungen“, schränkte Spartenobfrau Petra Nocker-Schwarzenbacher bei einem von der WKÖ veranstalteten Hintergrundgespräch in ihrem Hotel in St. Johann ein. „Wir sind eine sehr dynamische Branche, Veränderungen am Arbeitsmarkt schlagen bei uns schneller durch.“ AMS-Vorstandsmitglied Johannes Kopf, der als Experte geladen war, sagte: „Wir haben ganz eindeutig einen Köchemangel in den westlichen Bundesländern Vorarlberg, Salzburg, Tirol und Oberösterreich.“ Er leitet daraus einen klaren Auftrag ab: „Wir müssen die Branche unterstützen, wir brauchen mehr Beweglichkeit. Wir müssen uns intensiver mit dem Tourismus beschäftigen.“ 

Denn die Realität vor Ort sieht so aus: Im Pongau waren im November 580 Stellen im Tourismus beim AMS gemeldet. Das waren 40 Prozent mehr als im Vorjahr. Ihnen standen 503 Arbeitslose im Tourismus gegenüber. Von denen hatten allerdings 470 schon eine Einstellungszusage für die Wintersaison. Übrig blieben also 40 Menschen, die das AMS vermitteln konnte. Theoretisch. Denn viele dieser Arbeitslosen sind aus mehreren Gründen nicht vermittelbar. „Touristische Betriebe liegen selten im Zentralraum“, sagt Thomas Burgstaller vom AMS Bischofshofen.

Wo die Arbeitslosen leben

„Hier leben aber die meisten Arbeitslosen. Wir haben am Land das Problem eines unzureichenden öffentlichen Verkehrs und einer unzureichenden Kinderbetreuung, vor allem am Wochenende. Das stellt uns in vielen Fällen vor unüberwindbare Barrieren.“ 
Deshalb blieben im Pongau in der abgelaufenen Wintersaison 250 Stellen unbesetzt. Die betroffenen Betriebe mussten ihr Angebot reduzieren oder sich mit Familienangehörigen über die Zeit retten. Man hat versucht, Fahrgemeinschaften oder Shuttleservices zu organisieren, aber das löst das Problem nicht wirklich. Man benötigt mehr Anreize. Burgstaller hofft jetzt zum Beispiel auf die Ausbildungsgarantie der Regierung für 19- bis 24-Jährige. „Da gibt es Finanzierungsmöglichkeiten.“ Denn (junge) Erwachsene können sich eine Lehrausbildung schlicht nicht leisten. Deshalb zahlt das AMS bis zur Erreichung eines Hilfsarbeiterlohns zu. Diese Förderung gibt es für jeden Erwachsenen, der eine Lehre beginnt, auch jenseits der 24.

Petra Nocker-Schwarzenbacher möchte gerne ein Kurzarbeitszeitmodell im Tourismus einführen: Wer in der Nebensaison nur 20 statt 40 Stunden arbeitet, soll trotzdem 75 % seines Lohnes bekommen – wenn das AMS 25 % zuschießt. „Das ist besser, als stempeln gehen!“, sagt sie. „Und für uns ist es besser, Stunden zu reduzieren als Mitarbeiter. Wir wollen die Mitarbeiter ja halten.“ Das erinnert an Modelle, die die ÖHV vor Jahren propagiert hatte (Auszahlung des Arbeitslosengeldes an den Arbeitgeber), oder das Weiterbildungsmodell des AMS, bei dem man freie Zeit für geförderte Weiterbildung verwenden sollte. Letzteres funktionierte leidlich zu Saisonbeginn, aber gar nicht am Saisonende.

Mehr Mobilität

Bleibt das Problem der überregional ungleichen Verteilung von Jobs und Jobsuchenden im Tourismus. Bekanntlich gibt es im Osten und vor allem in Wien viele Arbeitslose im Tourismus, die man im Westen der Republik dringend bräuchte. Doch sie kommen nicht, vor allem nicht für eine Saison. Das hat viele nachvollziehbare Gründe. Deshalb möchte man seitens des AMS neue Angebote machen.

Man will die Chance des Mobilitätspakets der Bundesregierung aufgreifen. Es soll die Möglichkeit eines Kombilohns geben: Wenn nicht mehr als ein Drittel mehr als das Arbeitslosengeld gezahlt werden kann, gibt es vom AMS einen Zuschuss. Entfernungsbeihilfen gibt es schon. Hier übernimmt das AMS einen Großteil der Kosten. Das laufe gut, vor allem in der Steiermark. Letztes Jahr wurde allerdings die Übersiedelungsbeihilfe wieder abgeschafft, weil sie niemand brauchte. „Niemand zieht wegen eines neuen Jobs sofort um“, sagt Kopf. Dafür gibt es eine neue Idee: Die Bezuschussung von doppelten Wohnsitzen. Wer auf Saison geht, soll Unterstützung für den Aufwand seiner doppelten Haushaltsführung bekommen. 

Thomas Burgstaller wird noch heuer ein Modellprojekt starten: Angelehnt an seine erfolgreichen Jobbörsen in Norddeutschland in den zurückliegenden Jahren, wo er über 100 Mitarbeiter für den Pongau rekrutieren konnte (die Quelle sei allerdings „versiegt“), möchte er Pongauer Tourismusbetriebe einladen, sich im Sommer oder Frühherbst in Wien auf Jobbörsen zu begeben. Dort sollen sie auf vom AMS Wien vorsortierte Jobsuchende treffen, die Interesse an einem Job im Westen haben. Die können dann einige Tage im Rahmen von „Arbeitstrainings“ des AMS in einem Pongauer Betrieb arbeiten und bei gegenseitigem Gefallen im Winter loslegen. „Wir müssen Hemmschwellen überwinden, viele wissen gar nicht, was touristische Betriebe bieten können.“ Burgstaller fordert die Betriebe auf, attraktive Angebote zu machen: „Vier Tage am Stück frei, damit die Leute nach Hause fahren können. Und vielleicht einen Reisekostenzuschuss obendrauf.“ 

Das sieht Petra Nocker-Schwarzenbacher ganz ähnlich: „Wir brauchen gut ausgebildete, motivierte Mitarbeiter. Die müssen wir wertschätzen. Denn der wichtigste Wettbewerbsfaktor im Tourismus ist das Personal. Daran werden wir gemessen.“ Sie bietet in ihrem Hotel zum Beispiel auf die Bedürfnisse von alleinerziehenden Frauen abgestimmte Dienstpläne: „Das machen sich vier Damen untereinander aus, und das funktioniert gut.“ 

Autor/in:
Thomas Askan Vierich
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