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Norbert Kettner führt seit 2007 den WienTourism und ist somit der "Tourismusdirektor" der Hauptstadt.

Wiener Tourismuschef: "Wir werden durchhalten"

08.10.2020

Die Stadthotellerie Wiens ist von der Corona-Krise härter getroffen als die in allen anderen Bundesländern. Ein Gespräch mit Tourismusdirektor Norbert Kettner über die Hoffnung, aus der Krise auch Positives mitzunehmen, Milliardäre als neue Zielgruppe und warum jetzt Unternehmungen gefragt sind, auch wenn sie schräg erscheinen.

Kettner im Gespräch mit der ÖGZ.
Zur Person

Norbert Kettner ist seit September 2007 Geschäftsführer von WienTourismus – der Destinationsmarketing-
organisation der Gemeinde Wien.

Tourismus fand heuer in Wien kaum statt. Was fehlt Ihnen denn am meisten?
Norbert Kettner: Mir persönlich geht es ab, dass ich zum Flughafen Schwechat fahren kann und die Anzeigetafel mir Flüge von Los Angeles bis nach Tokio zeigt. Ich gehe ein paar Mal im Jahr in die Oper – aber es ging mir während des Lockdowns ab, die Möglichkeit zu haben, jeden Tag zu gehen, wenn ich es will. Andererseits haben wir sogar in dieser Zeit gesehen, dass Wien eine internationale Metropole ist. Man hat verschiedene Sprache gehört. Diese Stadt ist so international, und es stimmt mich froh, dass das nicht mehr umkehrbar ist. 

Die Krise hat die Wiener Stadthotellerie härter getroffen als alle anderen Regionen. Minus 70 Prozent bei den Nächtigungen. Am Beginn der Krise führten Sie eine Befragung durch. Das Ergebnis war, dass 20 Prozent der Beherbergungsbetriebe die Krise nicht überleben würden. Wie sieht diese Prognose jetzt aus?
Ich glaube, die Prognose ist nicht besser geworden. Es wird Betriebe geben, die über den Winter zumachen werden. Durch die Reisewarnung aus der Schweiz und Deutschland fehlt da einfach die Perspektive. Da bräuchten wir dringend so etwas wie eine Arbeitsstiftung vom Bund, mit der Mitarbeiter durch die schwierigste Zeit gebracht werden können. 

Was meinen Sie damit konkret?
Wir wissen, dass der Tourismus eine Branche mit hoher Fluktuation bei den Arbeitskräften ist. Was nun passieren wird, ist, dass viele gute Arbeitskräfte sich nach Jobs in anderen Branche umschauen müssen. Wir werden diese guten Leute aber brauchen, wenn es wieder aufwärts geht. Und es wird wieder aufwärts gehen! Es geht darum, dass die Leute weitergebildet werden und über eine Stiftung für die Branche verfügbar bleiben. Es geht ja nicht nur Wien so. Darum sollte der Bund das machen. 

Sie haben die Reisewarnungen angesprochen. In anderen Regionen der Welt funktioniert der Binnenmarkt derart gut, dass es touristisches Wachstum gibt – etwa in Australien oder Teilen der USA. In Europa denken wir nationalstaatlich und ziehen die Grenzen hoch. Versagt da Europa?
Wir haben die absurde Situation, dass aus dem gemeinsamen Markt Europa eine Kleinstaaterei geworden ist. Ich kritisiere das gegenseitige Anstänkern zwischen den Ländern. Natürlich freuen wir uns nicht über Reisewarnungen, aber wir gehen damit um. Wien beschimpft grundsätzlich keine Regierungen, schon gar keine befreundeten. 

Apropos Zahlen: Die Luxus-Hotelkette Mandarin Oriental kommt 2023 nach Wien. Es wird also auch in der Krise investiert. 
Es ist tatsächlich ein extrem positiver Indikator, wenn große Konzerne jetzt investieren. Das heißt, sie glauben an die Destination. Wir haben einige gute Beispiele von Projekten, die nicht gestoppt wurden, zum Beispiel auch Rosewood.

Wien buhlt um superreiche Touristen. Brandneu ist eine Kooperation von Wien Tourismus mit dem „PA Club“, einem Club von persönlichen Assistenten von Milliardären. Man mag kritisieren, das sei eine sehr abgehobene Strategie für eine Institution, die aus öffentlichen Geldern finanziert wird.  
Ich meine, genau das Gegenteil ist der Fall. Man muss doch öffentliches Geld genau dort einsetzen, wo der Hebel für die Wertschätzung am größten ist. Das unterscheidet uns von anderen Destinationen. Ich schätze sehr, dass es in Wien großes Verständnis sowohl bei der Stadt als auch bei der Wirtschaftskammer gibt, dass eben gewisse Geschäftsfelder nicht in das Image der Stadt einzahlen und wir diese darum nicht besonders ins Schaufenster stellen. 

Sie meinen die kleine, billige Geschäftemacherei mit Souvenirs etc.?
In Venedig lässt die Hafenbehörde hunderte Kreuzfahrtschiffe anlegen, weil sie mit denen massig verdienen und gleichzeitig muss die Stadtverwaltung den Zugang zu den Sehenswürdigkeiten beschränken. Es ist eine Stärke Wiens, dass wir diese Widersprüche nicht haben. Wir setzen hier auf Kooperationen. Dabei spielt auch die Bahn eine zentrale Rolle. 

Die Bahn hatte ja vor 30 Jahren noch das Etikett des Billigreisens ...
... und ist heute extrem wichtig. Wien hat eben Moskau als die Destination in Europa mit den meisten Bahnverbindungen abgelöst. Natürlich muss hier noch viel getan werden. Vor allem, was die Internationalisierung anbelangt. Wir brauchen Verbindungen durch ganz Europa, die ohne Lokomotiv- oder Garniturwechsel funktionieren. 

»Viele gute Arbeitskräfte werden sich nach Jobs in anderen Branchen umschauen. Darum brauchen wir eine Arbeitsstiftung«
Norbert Kettner, Wiener Tourismusdirektor

Stichwort: Bürokratie, Öffnungszeiten und Schanigärten. Die Tourismusbetriebe sind von der Krise besonders getroffen. Sehen Sie jetzt eine Chance, die Rahmenbedingungen wirtschaftsfreundlicher zu gestalten?
Da ist schon recht viel passiert, und vieles wird in den Regelbetrieb übergehen. Zum Beispiel die Winter-Schanigärten. Die Stadt verlagert sich nach draußen. Vieles wird bleiben, weil sich die Leute daran gewöhnen werden. Auch das Thema Regulierungen muss angepasst werden. Dabei muss man sich natürlich die Frage stellen, ob insgesamt mehr geschadet als Nutzen gestiftet wird. Ich glaube, dass man in der Stadt noch mehr zulassen könnte.

Also etwa Tourismuszonen? Die hätten Sie doch gerne!
Mein Standpunkt ist bekannt und unverändert. 

Es wird Weihnachtsmärkte geben, doch sie werden ganz anders sein. Wie werden sie aussehen?
Es gibt ein paar Punkte, an denen es sich noch spießt. Muss ich etwa sitzen beim Konsumieren oder kann ich stehen? Wird nur jeder zweite Stand besetzt sein? Das heißt dann die Hälfte weniger Umsatz. Das alles wird nicht einfach. Aber ich glaube, dass es sehr wichtig ist, dass diese Sachen stattfinden. Besser etwas schräg als gar nicht!

Um zu zeigen: Wien ist auch jetzt eine lebendige Stadt?
Ich glaube, dass Wien eine der lebendigsten Städte momentan ist, das zeigt auch die internationale mediale Berichterstattung. 

2023 soll das nächste normale Tourismus-Jahr werden. Welche Aufgaben hat Wien zu erledigen?
Ich glaube, die digitale Landkarte muss lückenlos sein. Wir brauchen unsere Karten und unsere Angebote digital. Auch unsere App „ivie“ spielt eine wichtige Rolle. Digitalisierung darf nicht die Kirsche am Obers sein, sondern sie muss im Zentrum der ganzen Sache sein. Das Image der Stadt muss inspirierend, sicher, solide und nach wie vor schön sein. Sobald es Reisesicherheit gibt, wird es ganz schnell wieder aufwärts gehen. An die vielen Unternehmen kann ich nur appellieren: Wir müssen jetzt durchhalten!

Autor/in:
Daniel Nutz
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